immer eine ehrbare Kolonie , aber doch andere Leute geworden wie jene , die den wandernden Invaliden mit Wunderaugen betrachteten und die stattliche Festkavalkade keines Blinzelns würdigten . Es herbergte sich gut auch bei den Bauern von Reckenburg ; droben aber in den herrschaftlichen Gemächern lockte ein allempfundener Zauber die Gäste herbei , denn die alte Dame lächelte gütig , und die junge war schön . Indessen sie hieß noch immer schlechthin Hardine Müller , sie nahm eine Stellung ein , die sich ebensowohl für die bevorzugte Gesellschafterin wie für die Verwandtin eines großen Hauses geschickt haben würde . Ausbildung und Beschäftigungsweise hätten sie für das Familienleben bürgerlicher Kreise geeignet gemacht , Anstand und äußere Form möchte ein hochwohlgeborener Weltmann nicht unter seiner Würde gefunden haben . Und eben weil sie so verschiedenen gerecht schien , sah die Hoffnung jedes Besonderen sich eingeschränkt . Die Bürgerlichen schreckten die Ansprüche der aristokratischen Pflegemutter ; die Aristokraten schreckte die plebejische Herkunft ohne verbriefte Zukunftsaussicht . Eine Zeitlang glaubte man an eine Verbindung mit dem ältesten Sohne des Grafen , einem hübschen , flotten Kavalier . Der junge Herr besann sich aber anders , er wählte eine , die Gott weiß wie viele Ahnen , und nicht , wie die kleine Hardine , zwar zehn Sperlinge auf dem Dach , aber einen sicher in der Hand hatte . Es war das zweifelhafte Erbe der Reckenburg , welches von zwei Seiten die Bewerber zurückhielt , und so müssen wir leider die Tatsache konstatieren , daß die liebliche , vielbewunderte kleine Hardine in ihrem zwanzigsten Jahre sich noch keines Heiratsantrages rühmen durfte . Alle diese Freierzweifel fanden jedoch eine überraschende Lösung , als just in den Hochsommertagen , wo vor zwölf Jahren die Waise des Invaliden an dem Herde der Reckenburg heimisch geworden war , Fräulein Hardine die Verlobung ihrer Pflegetochter bekanntmachte . Der Auserkorene war ihr erster Kindheitsgenosse , der uns bekannte freundliche Gymnasiast , der aber nicht das geistliche Erbamt auf Reckenburg übernommen , sondern nach dem Tode seines Vaters vor ein paar Jahren die juristische Laufbahn mit der ökonomischen unter Fräulein Hardines Augen vertauscht hatte und jetzt als deren Gehilfe die Reckenburg verwaltete . Manche heimliche Hoffnung wurde durch diese Verbindung zerstört , manche neu belebt . Man nahm sie als einen Akt der Verleugnung , wo man einen der Adoption gefürchtet hatte . Nun und nimmermehr konnte dieses Prototyp einer Edelfrau den Stammsitz ihrer Väter , das Erbe , welches deren Namen in die Zukunft leitet , auf die Familie eines Mannes übertragen , der als Bediensteter in ihrem Lohn und Brot stand . Wer reines Blut in seinen Adern fühlte , brachte ein Hoch aus auf die alte Reckenburgerin . In wenigen Wochen waren Ludwig Nordheim und Hardine Müller ein Paar . Die unruhige Spannung aber steigerte sich , als schon am Tage nach der Hochzeit sich die Neuigkeit verbreitete , daß das Fräulein von Reckenburg ein Testament übergeben habe . Sie hatte es ohne notariellen Beistand abgefaßt , Siegelung und jedwede gerichtliche Einmischung in die zur Zeit ihres Todes bestehende Verwaltung untersagt , bis nach dreißigtägiger Frist die Eröffnung stattgefunden haben werde . Mit dieser letzten Klausel mochte es allerdings Weile haben . Die Testatorin war an Geist wie Körper kerngesund , kein Haar auf ihrem Haupte ergraut , der stolze Nacken nicht um eine Linie gekrümmt . Sie zählte sechzig Jahre , vielleicht auch mehr , aber sie schien auf ein Jahrhundert angelegt . Manche unserer heimischen Zeitgenossen werden sich daher des allseitigen Staunens , ja Erstarrens erinnern - dem Herausgeber zittert heute noch die Hand , nun er bei diesem Wendepunkte angelangt ist - , als am 21. September 1837 sich die Kunde von dem Tode der letzten Reckenburgerin gleich einem Lauffeuer über die Landschaft verbreitete . So fern sie irgendeinem gemütlichen Zusammenhange außer ihrer Flur gestanden , die Blicke und Gedanken von hoch und gering hatten sich Geschlechter hindurch mit einem allzu lebhaften und mannigfaltigen Interesse auf die beiden ungewöhnlichen Schloßherrinnen geheftet , um sich nicht wie von einem persönlichen Schicksale betroffen zu fühlen , als jetzt die Stelle , die sie eingenommen , plötzlich verödet war . Wer sollte diese Stelle fortan füllen ? Einzelne wie Korporationen forschten ängstlich nach dem leisesten Faden , welcher zu der bewährten Segensquelle leiten konnte . Jedweder sah sich zu einer Hoffnung berechtigt , um so mehr , als keiner zu einem Anspruch berechtigt war und nur Glück oder Gunst ihm ein großes Los in die Hand spielen konnte . Aber es waren nicht diese Glücksjäger allein . Ein umfänglicher Gemeindeverband hatte eine Oberherrin verloren , die sich sein Gedeihen zur Aufgabe eines langen Lebens gesetzt , eine große Zahl Beamteter die gerechteste Gebieterin , auch die Armut eine milde Versorgerin , seitdem durch die Hand eines Bettlerkindes die Tugend der Barmherzigkeit eine Sitte auf Reckenburg geworden war , und es ist nicht zuviel gesagt , daß Tausende mit beklommener Brust der Stunde entgegensahen , die über die Wahl des Erben von Reckenburg entscheiden sollte . Keiner aber empfand diese Beklemmung tiefer als das junge Paar , dessen sorgloses Glück durch den jähen Tod einer Wohltäterin so dunkel getrübt worden war . Erst seit dieser Stunde fühlten Ludwig und Hardine voll und ganz das Bedeuten ihrer früheren Verwaisung , fühlten sie das Bangen der Heimatlosigkeit . Ein warmes , weiches Nest hatte sie bis heute geborgen ; wo aber sollte die Hütte ihrer Zukunft stehen ? Und es war nicht nur die zweifelhafte Zukunft , nicht nur der Kummer der Gegenwart , es war auch das Geheimnis der Vergangenheit , welches die Herzen der armen Kinder so ängstlich zusammenzog . Sie allein von den vielen , welche der letztgültigen Entscheidung über ihre Heimat mit Spannung entgegensahen , sie allein wußten , daß gleichzeitig das Rätsel sich lösen sollte , welches der Waise des Invaliden eine Freistatt in derselben eröffnet hatte . Als an jenem unglückseligen Morgen die jungen Gatten frohen Mutes zum gewohnten Frühgruß in das Zimmer ihrer mütterlichen