ihr Daheim zu nennen so gewohnt war , daß sie es auch noch jetzt nicht lassen konnte , obwohl sie eben von den Eigenen kam und nicht wußte , wie lange sie noch hier bleiben durfte . Sie begrüßte das Haus , schon da sie nur dessen hohen Dachstuhl über die anderen Häuser herüberragen sah , mit dem Gefühl des Wanderers , welcher eine liebe Stätte , den Schauplatz seiner frohesten Tage , nach langer , mühevoller Reise wieder betritt mit dem festen Vorsatze , nun - wenn ' s irgend möglich - für immer dazubleiben und unbekümmert um die Welt , die er nun genugsam kennt , sich hier so nützlich und angenehm als nur immer möglich zu machen . Aber wie es dann gewöhnlich solchen Wanderern begegnet , daß sie nicht mehr alles finden , wie sie auf mühevoller , unsicherer Fahrt sich ' s träumten , so fand auch Dorothee nicht mehr alles , wie sie es erwartet hatte und gewohnt war . Etwas freilich mochte davon kommen , daß sie jetzt auch zu scharf beobachtete , zu ängstlich jedes an sie gerichtete Wort auf der Goldwaage wog , um nicht sowohl Hansen als die Stigerin ganz erstaunlich verändert zu finden . Was die Stigerin heute morgens noch mehr als Vermutung aussprach , indem sie der Liebe zum gutmütigen Sohne und der Abneigung gegen Jos folgte , hörte Hans nach dem Gottesdienste überall so bestimmt behaupten , daß ihm die Sache mehr als bedenklich zu werden begann . Die Leute glaubten , es geschehe dem Burschen gewiß ein großer Dienst , daß er noch so ziemlich ungeschlagen aus der Geschichte gewickelt werde ; doch sie täuschten sich . Wenn Dorothee so falsch war , dann konnte man an keine Tugend mehr glauben und keinem Menschen trauen . Das aber wäre Hansen unerträglich gewesen . Er glaubte fest noch immer an Dorotheens Unschuld , daher war es ihm nicht genug , daß das Gerede ihn selbst jetzt schonte . Unschuldig mußte das Mädchen sein , aber seine Neigung zum Jos - ja , die hielt er jetzt für eine ausgemachte Sache , und das wurmte ihn mehr , als er sogar sich selbst gestehen wollte . Davon wohl kam es hauptsächlich , daß er den Vorschlag der Mutter , Dorotheen um jeden Preis und so schnell als möglich aus dem Hause zu bringen , immer vernünftiger fand . Ärgerlich , daß nun das frohe Zusammenleben mit Dorotheen , die ihm die Schwester ersetzte , noch auf so unangenehme Weise zu Ende sein sollte , erklärte er sein Einverständnis mit dem Plane der Stigerin auf eine Weise , daß diese nicht wußte , was sie daraus machen sollte . » Mit diesen Weibsbildern « , murrte er , » sollte man gar nichts zu tun haben oder , wenn das nicht geht , gleich die Allerärgste heiraten , damit sie sich für einen gegen die anderen Weibsleute wehre . Dieses Gelärm wird mir denn doch zu arg , seit auch ein Geistlicher dahintersteckt , der das Unheiligste bekreuzigt und segnet , daß jeder schon zum voraus verdammt ist , der sich noch dagegen wehren will . Dorothee muß heiraten , und wenn sie noch keinen hätte , so tat gleich ich sie nehmen aus purem Trotz ; aber man kann ja darüber reden . « Unter der Kinderlehre kam Hans zu dem Entschluß , das Mädchen gleich offen zu fragen , ob es lieber ihn oder den Jos zum Manne möchte . Nach dem Gottesdienste eilte er gleich heim , obwohl er wußte , daß in der Kronenwirtschaft eine Versteigerung stattfinden sollte , bei der er nicht ungern auch ein wenig mitgetan hätte . Ungeduldig wartete er nun auf die Magd ; aber die wollte nicht kommen . Das verdarb ihm von neuem seine Stimmung , und bald war er mit der Stigerin wieder übers Kreuz , da er sich nun gar nichts mehr sagen lassen wollte . So , unzufrieden über das lange Ausbleiben und noch aufgeregt vom Wortwechsel mit der Mutter , traf ihn die Magd , welcher er jetzt um alles kein gutes Wort hätte geben können . » Ich hab ' schon gedacht , du machest eine Wallfahrt nach Einsiedeln oder Rankweil « , brummte er . » Mädchen , die man nicht mehr losspricht , suchen gern die Beichtväter dort auf , die sie nicht kennen und längst allerlei Brocken gewohnt sind . « Solchen Gruß erwartete das Mädchen nicht . Die Wirtin schien also ganz recht zu haben , wenn sie besorgte , daß es hier nicht lange mehr gut tun werde . Etwas hastig antwortete sie Hansen : » Ich kann schon auch hier losgesprochen werden , wenn ich nur verspreche , was man will . « Hans bereute zwar seine Rede ; doch um sich das nicht anmerken zu lassen und weil er hoffte , mit dem armen Mädchen schon so nach und nach wieder einlenken zu können , fragte er mit erzwungener Härte : » Was will man denn ? « » Daß ich dich - daß ich den Dienst verlassen soll « , antwortete das Mädchen , welches durch diese Frage und diesen Ton sich aufs neue verletzt fühlte . » Das ist wohl auch das allergescheiteste « , bemerkte die Stigerin , welche beide nicht ungern auseinandergeraten sah . » Man muß sich immer in die Zeiten oder die Menschen schicken , wie sie sind , und dafür sorgen , daß die Kirche noch im Dorfe bleibt . Wir sind lange friedlich beieinander gewesen und wollen uns nun auch im Frieden trennen , wenn einem Gerede , das dir mehr als uns schadete , nur dadurch noch abzukommen ist . « Dorothee hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und sagte nun mit halberstickter Stimme : » Oh , dieses Reden alles braucht es nicht . Nur durch euere Güte bin ich hergekommen als armes Kind und gehe nun mit dankbarem Herzen . Mit schwerem Herzen freilich auch ;