nicht der leiseste Zug jenes finsteren Zelotentums trat ihr entgegen , das wie ein unheimlicher Nachtvogel über dem Hellwigschen Hause kreiste und mit seinen Fängen jede arglos nahende Menschenseele zu packen suchte ... Eine freie , gesunde Weltanschauung , lebhaftes Interesse für alles , was die Welt Schönes und Herrliches hat , und ein fröhliches , inniges Familienleben , das waren die Eigenschaften , die im Frankschen Hause vorwalteten . Felicitas befand sich somit in ihrem eigentlichen Lebenselemente . Es war ihr ein süß wehmütiges Gefühl , sich plötzlich wieder mit all den Schmeichelnamen nennen zu hören , die Tante Cordula ihr gegeben hatte - sie war sofort das Schoßkind des Frankschen Ehepaares geworden . So sah die äußere Wandlung aus , die mit ihr vorgegangen - vor der inneren , tiefgehenden stand sie selbst in süßer Befangenheit ... Sie hatte an jenem Abend auf die Aufforderung des Professors hin ohne weiteres ihre wenigen Habseligkeiten liegen lassen ; in der Hausflur hatte sie stumm ihre kleine Hand in seine Rechte geschmiegt und war mit ihm gegangen , ohne wissen zu wollen , wohin ... Und wenn er sie weiter geführt hätte durch die dunklen Straßen , zum Thore hinaus - sie wäre mit ihm gepilgert über die ganze Erde , ohne ein Wort des Widerspruchs oder des Zweifels . Sie war ein seltsames Geschöpf , das bei aller feurigen Phantasie , bei einem enthusiastischen , hochauffliegenden Geiste doch unerbittlich eine feste Basis für alles Thun und Lassen forderte . Die innigen Liebesbeteuerungen des Professors , sein angstvolles Flehen hatten ihr das Herz zerrissen , aber sie waren weit davon entfernt gewesen , ihren Entschluß zu erschüttern , eine innere Umkehr zu bewirken - es mußte etwas ganz anderes gesprochen werden , um dies Mädchen zu gewinnen , und er hatte es gethan , jedenfalls ohne es zu wissen . Er hatte ihr bei Verweigerung des Buches gesagt : » Ich kann nicht anders handeln , und wenn mir als Preis die Versicherung geboten würde , daß Sie sofort die Meine werden wollten , ich müßte nein sagen . « Trotz der angstvollen Situation , in welcher sie sich damals befand , hatte ihr Herz doch aufgejubelt - die Kraft des männlichen Entschlusses , der Nachdruck , mit welchem er zur Geltung gebracht wurde , selbst um den höchsten Preis - sie waren die einzige Lösung der Frage gewesen , und da war es nun , das Vertrauen , ohne welches sie sich ein Zusammenleben mit ihm nicht hatte möglich denken können ! Der Professor kam jeden Tag in das Franksche Haus . Er war ernster und verschlossener als je - es lastete viel auf ihm . Der Aufenthalt in seinem mütterlichen Hause war unerträglich . Wahrscheinlicherweise hatte die fortgesetzte , ungewöhnliche innere Aufregung endlich doch die stählernen Nerven der großen Frau erschüttert - sie wurde krank und mußte das Bett hüten . Sie weigerte sich zwar konsequent , ihren Sohn zu sehen - Doktor Böhm mußte sie ärztlich behandeln - aber der Professor war dadurch gezwungen , in X. zu bleiben . Mittlerweile hatte er den Rechtsanwalt Frank , als Kurator der Hirschsprungschen Erben , in das Familiengeheimnis eingeweiht und ihm den festen Entschluß ausgesprochen , das Unrecht sühnen zu wollen . Alle Einwürfe , die der Freund vom juristischen Standpunkte aus versuchte , diese Sühne wenigstens zu beschränken , entkräftete der Professor stets durch die entschiedene Frage , ob er das Geld für ein ehrlich erworbenes halte , und das konnte selbst der Advokat nicht mit » ja « beantworten . Uebrigens meinte der Rechtsanwalt genau wie Frau Hellwig , wenn auch von einem anderen Gesichtspunkte aus , es sei dies ein Streiten um des Kaisers Bart , denn er glaube nicht an die Existenz der Hirschsprungschen Familie . Aber seiner Ansicht nach durfte dem strenggläubigen Verwandten am Rhein , dem hochangesehenen Herrn Paul Hellwig , eine tüchtige Nervenerschütterung nicht erspart werden , und deshalb wurde der wehrhafte Streiter Gottes zur Herausgabe der veruntreuten zwanzigtausend Thaler aufgefordert . Der fromme Mann antwortete ruhig , mit dem gewohnten salbungsvollen Schwunge , er habe allerdings diese Summe von seinem Onkel erhalten , als Tilgung einer alten Familienschuld , denn sein Vater sei von der Hellwigschen Hauptlinie übervorteilt worden . Woher der Onkel das Geld genommen , sei ihm völlig gleichgültig gewesen und mache ihm auch jetzt nicht die mindesten Skrupel - das sei nicht seine Sache . Das Geld befände sich in den besten Händen ; er betrachte sich überhaupt nicht als Besitzer seines Vermögens , sondern als Verwalter und zwar im Dienste des » Herrn « . Er werde den Besitz der Summe aus diesem Grunde mit allen Kräften zu verteidigen wissen und es getrost auf einen Prozeß ankommen lassen ... Ziemlich ebenso antwortete Nathanael , der Student . Ihm war es » sehr egal « , was ein längst vermoderter Vorfahr vor so und so viel Jahren verschuldet hatte - er hielt sich durchaus nicht für verpflichtet , anderer Sünden weiß zu waschen , und wollte sein Erbteil auch nicht um einen Pfennig verkürzt sehen ; auch er erwartete einen Prozeß in aller Gemütsruhe , wie er schrieb , und freute sich bereits auf den Moment , wo die mutmaßlichen Erben die Kosten und sein » überspannter « Herr Bruder seinen hochangesehenen Namen hinterdrein werfen würden . » Da bleibt mir also nichts übrig , « sagte bitter lächelnd der Professor , indem er diese schriftlichen Zeugen Hellwigscher Ehrenhaftigkeit auf den Tisch warf , » als alles zu opfern , was ich an Erbteil und Ersparnissen besitze , wenn ich nicht auch Hehler und Mitwisser einer schlechten Sache sein will ! « So war allmählich das Ende der Ferien herangekommen . Frau Hellwig war wieder außer Bett , hatte aber entschieden erklärt , ihren Sohn vor seiner Abreise nur unter der Bedingung noch einmal wiederzusehen , daß er den ganzen » verrückten « Hirschsprungschen Handel als niedergeschlagen betrachte und seinen Entschluß , Felicitas zu heiraten , widerrufe - das