wohl auf den feinen Stahlstichen , aber sie hätte um alles nicht zu sagen gewußt , ob sie ein Porträt oder eine Landschaft ansehe . Nach halbstündigem Warten erschien endlich die hohe Gestalt ihres Bruders in der Glasthür . Sie ließ das Buch von ihrem Schoße heruntergleiten und streckte dem Eintretenden die Hand entgegen . Er schien überrascht von dem Empfange , aber es berührte ihn offenbar sehr wohlthuend , die Schwester nach so langer Zeit wieder einmal allein und für seine Bequemlichkeit zärtlich besorgt zu sehen . Rasch eilte er zu ihr hin , allein ein zweiter Blick , den er auf ihr Gesicht warf , machte ihn stutzen . » Fühlst du dich kränker , Helene ? « fragte er besorgt , indem er sich neben sie setzte . Er schob seinen Arm unter ihren Rücken und hob sie sanft ein wenig höher , um besser in ihr Gesicht sehen zu können . Es lag so viel Bekümmernis und zärtliche Teilnahme in seinem Blicke und Tone , daß es ihr war , als zöge plötzlich eine milde Frühlingsluft durch ihr schmerzerstarrtes Innere . Zwei schwere Thränen rollten über ihre Wangen , und sie drückte ihr Gesicht fest an die Schulter ihres Bruders . » Hat Fels in diesen Tagen nicht nach dir gesehen ? « fragte er beklommen . Das Aussehen des jungen Mädchens versetzte ihn offenbar in heftige Sorge . » Nein - und ich habe auch ausdrücklich befohlen , daß man ihn nicht rufen solle . Ich nehme die Tropfen , die er mir für meine Nervenanfälle verschrieben hat ; mehr können er und ich nicht thun ... Aengstige dich nicht , Rudolf , es wird wohl auch einmal wieder besser mit mir ... du hast eine schwere Zeit in Thalleben durchmachen müssen ? « » Ja , « entgegnete er , während sein Auge noch immer ängstlich auf den merkwürdig veränderten Zügen der Schwester ruhte . » Ich fand den armen Hartwig nicht mehr am Leben ; ein Schlagfluß hatte seinen unaussprechlichen Qualen rasch ein Ende gemacht ... Gestern abend wurde er beigesetzt . Seine unglückliche Frau würdest du nicht wieder erkennen , Helene , sie ist über Nacht zur Matrone geworden . « Er teilte ihr noch näheres mit über den Unglücksfall , dann strich er mit der Hand über die Augen , als wolle er damit all den Jammer , den er in den letzten Tagen gesehen , wegwischen . » Nun , und finde ich hier alles beim alten wieder ? « frug er nach einem kurzen Schweigen . » Nicht ganz , « antwortete Helene zögernd , » Möhring hat gestern unser Haus verlassen . « » Ah - Glück auf die Reise ! ... Er ist einer letzten Begegnung mit mir geschickt ausgewichen ... Nun habe ich einen Feind mehr draußen in der Welt - es konnte nicht wohl anders sein , da er zu jenem unheimlichen Nachteulengeschlechte gehört , das ich verabscheue . « » Und auf dem Berge - bei den Ferbers - ist das Glück eingekehrt , « fuhr Helene mit gepreßter Stimme und abgewendetem Gesicht in ihrem Berichte fort . Der Fauteuil , auf welchem sie saß , erhielt plötzlich einen Ruck an der Seite , wo ihr Bruder seinen Arm aufgestützt hatte . Sie sah nicht auf , und deshalb bemerkte sie nicht , wie das Gesicht neben ihr für einen Augenblick mit einer fahlen Blässe überzogen wurde , und wie die bebenden Lippen zweimal vergebens sich mühten , um endlich das einzige Wörtchen » nun ? « hervorzubringen . Helene erzählte die Begebenheit in den Ruinen , während ihr Bruder aufatmend zuhörte . Mit jedem Worte weiter schien ihm ein Stein vom Herzen zu fallen ; er ahnte freilich nicht , daß jedes dieser Worte wie ein zweischneidiges Schwert in dem Herzen der Erzählerin wühlte und daß diese Mitteilung bereits der Anfang eines furchtbaren Opfers war , das sie bringen sollte . » Das ist in der That eine wunderliche Lösung alter Rätsel , « sagte er , nachdem Helene geendet hatte . » Ob aber die Familie es für ein Glück hält , dem Geschlechte der Gnadewitz anzugehören , bezweifle ich . « » Ah , du meinst , « unterbrach ihn Helene rasch , » weil das junge Mädchen einst sehr viel an dem Namen auszusetzen hatte ? ... Ich kann mir nicht helfen , aber ich denke bei dergleichen Dingen manchmal unwillkürlich an die Trauben , die dem Fuchse zu sauer sind . « Sie sprach die letzten Worte mit einer schneidenden Schärfe . So weit ging ihre leidenschaftliche Aufregung und Bitterkeit , daß sie ihre bessere Einsicht verleugnete und die Gesinnungen eines Wesens verdächtigte , das sie nie beleidigt , und welches sie früher bei unparteiischer Anschauung als eines der reinsten bezeichnet hatte . Ein Ausdruck des höchsten Erstaunens erschien in Herrn von Waldes Zügen . Er bog sich nieder und sah forschend in das gesenkte Gesicht der Schwester , als wollte er sich überzeugen , ob es wirklich ihr Mund gewesen sei , der diese herben Worte gesprochen hatte . In diesem Augenblicke sprang Hollfelds Jagdhund die Stufen herauf , machte einige täppische Sprünge durch das Zimmer und verschwand sofort wieder auf einen grellen Pfiff , der über den breiten Kiesplatz herüberscholl . Sein Herr ging drüben vorüber . Er schien nicht zu wissen , daß Herr von Walde zurückgekehrt war , sonst würde er doch gewiß gekommen sein , ihn zu begrüßen . Er schritt eilig vorwärts und bog in den Weg ein , der hinauf nach Gnadeck führte . Helenes Blicke folgten der Gestalt , bis sie verschwunden war , dann sank sie mit krampfhaft gefalteten Händen in den Stuhl zurück ; es sah aus , als versagten ihr momentan die Kräfte . Herr von Walde schenkte ein wenig Rotwein in ein Glas und hielt es an ihre Lippen . Sie sah dankbar auf und versuchte zu lächeln . » Ich bin noch nicht zu Ende mit