und es war Zeit , daß diese keusche Erhabenheit zu uns herniederstieg ! Man könnte den Seladon beneiden , wenn seine strahlende Freude nicht auf die bisherige Armuth seines Lebens schließen ließe . Man könnte ihn beneiden , diesen armen Burschen ! Und beneidenswerth kam Herbert sich auch vor , als er in der Stille der Nacht an seinem Fenster stand ! - Er glaubte sie noch zu fühlen , die schlanke , volle Gestalt , die er in seinen Armen , an seiner Brust gehalten hatte . Sein Herz klopfte , sein Sinn war aufgeregt , aber hell und klar . Er erinnerte sich jeder ihrer Mienen , jedes ihrer Worte , er fühlte sich von frischem Leben durchdrungen , wie über sich und seine ganze Vergangenheit erhoben . Er hätte es laut ausrufen mögen , wie voll Freude und voll Wonne er sei . Das große , hohe Zimmer war ihm zu eng , er konnte nicht auf einem Flecke , nicht ruhig bleiben . Er mußte in das Freie , auf die Terrasse hinaus . Mit schneller Hand öffnete er die Flügelthüren , die frische Luft strömte ihm voll entgegen , es war hell wie am Tage . Der Mond stand hoch am Himmel , Wölkchen , so klar , daß sie kaum die funkelnden Sterne verdeckten , zogen langsam schwebend vorüber . Der Sang der Nachtigallen lockte in weichen , herzlösenden Tönen aus den vollbegrünten Büschen . Herbert war es , als sei das Alles nur um seinetwillen da . Mit dem stolzen , frohen Empfinden , das der Besitz verleiht , ging er auf der Terrasse umher . Es schlief Alles im Schlosse , Niemand theilte mit ihm die Wonne dieser Stunde , dieser Nacht , sie war ganz sein . So allein , so einsam hatte er vor wenig Jahren die Nächte durchlebt , wenn es ihn nicht ruhen lassen , am leise rauschenden Meeresstrande zu Neapel und zu Bajä ; so einsam war es gewesen auf den steinernen Sitzen des Colosseums zu Rom , und doch , es war ihm jetzt noch anders zu Sinne , als damals . Denn wie sich in der Stunde des Schmerzes alles Leid vergangener Jahre unabweislich an uns herandrängt , so nahen sich uns in dem Augenblicke , der uns günstig ist , wie von magnetischer Kraft herbeigelockt , die schönsten Erinnerungen unseres Lebens , daß wir unsere Vergangenheit und unsere Gegenwart als Eines , als ein großes , ganzes Glück empfinden ; und wer solche von guten Geistern umschwebte Wonnestunden nie gekannt hat , der geht arm aus der Welt und aus dem Leben ! An seinen Vater dachte Herbert , und wie der ihn eingeführt in das erhabene und doch so offenbare Reich der Schönheit und der Kunst ; seine Mutter hatte er neben sich und sie erzählte ihm , dem einzigen Kinde , wie da oben hinter den weißgeflügelten Wölkchen die unsichtbaren Englein im goldenen Himmelslichte sich wiegten und den guten Kindern rosige Träume herabträufelten mit dem Thaue der Nacht . Und die Lieder seiner Mutter hallten in seiner Seele nach und die Töne lösten sich auf und gestalteten sich neu , bis sie in jenen wunderbaren Melodien verklangen , in welchen die Gondoliere auf den Canälen von Venedig die Stanzen ihres Tasso singen . Und dann wieder umstrickte ihn die Stille der Nacht so sanft , daß kein Gedanke Form und Gestalt annehmen konnte und er nichts empfand , als ein liebevolles Glück , als die Wonne , zu leben und zu athmen inmitten der Natur . Vor einem der Gartentische blieb er stehen . Sein Auge heftete sich an das Federball-Spiel , welches auf demselben liegen geblieben war . Er nahm das Racket in die Hand , dessen Angelika sich bedient hatte . Der rothe Sammetreif umspannte das Netz von goldenen Schnüren , der Thau hatte es mit seinen Perlen übergossen . Das war der Zauberstab , der ihm den heutigen Abend , der ihm diese selige Stunde heraufbeschworen . Der gefiederte Ball lag noch darauf , er warf ihn fast absichtslos ein wenig in die Höhe und fing ihn mühelos wieder auf . So war es ihm heute überhaupt gegangen , so war ihm das wundervolle Abenteuer , das süße Erlebniß fast ohne sein Zuthun von der Stunde Gunst beschieden worden , und es dünkte ihm darum noch lieblicher und zauberischer . Aber sie irrten beide , der Marquis und dessen Schwester ; Herbert war kein solcher Neuling im Leben und er liebte die Baronin nicht . Es war kein Liebesrausch , keine Verblendung durch ein eitles Hoffen gewesen , die ihn an dem Abende so gesprächig und so witzig gemacht , wie der Marquis die Erregtheit des Baumeisters bezeichnet hatte . Es war ein zärtliches Mitleid , eine großmüthige Sorge , die er für Angelika in seinem Herzen trug , und leise , aber doch erkennbar genoß er die Genugthuung , den Stolz dieser vornehmen Frau , der ihn manchmal beleidigt und verletzt hatte , so hingeschmolzen , und sie trostsuchend an seiner Brust gesehen zu haben . Er erinnerte sich des Augenblickes , da er mit freier Seele vor sie hingetreten war und sie ihm das Bewußtsein aufgedrängt hatte , daß er ihr mißfalle . Jetzt , deß war er sicher , dachte sie anders über ihn ; aber wenn er sich auch fragte , was Angelika bestimmen mögen , einen Mann , den sie nicht geringschätzen konnte , alle die Jahre mit so wechselnder Launenhaftigkeit zu behandeln , so war er sich seines Werthes doch zu sehr bewußt und zu sehr gerührt von den Thränen der schönen Frau , als daß sich in sein befriedigtes Selbstgefühl und in seine Theilnahme für die Baronin ein Tropfen von Bitterkeit gemischt hätte . Er wollte versuchen , ihr näher zu treten , ihr Vertrauen zu gewinnen . Er stellte sich vor , daß sie gegen ihren Willen des weit älteren Mannes Frau geworden sei , daß man sie gezwungen habe ,