Schubladen zu schauen , welche offenstanden , und in Briefe , welche geöffnet dalagen . Er hob den welken Blumenstrauß , den die Base Schlotterbeck auf den Gräbern von Anton und Christine Unwirrsch gepflückt hatte , an die Nase und warf ihn dann mit Verachtung wieder hin . Er fand den Brief des biedern Oheims Grünebaum und studierte ihn mit Behagen . Dann nahm er das Schreiben der Base auf ; - er fühlte sich angenehm gerührt und gekitzelt durch diese Laute aus jener längst abgetanen Welt und zog einen Stuhl an den Tisch , um sich seinen gemütlichen Empfindungen mit Bequemlichkeit hingeben zu können . Er gähnte , als er den Brief der Base öffnete ; aber er schloß den Mund gleich darauf , nachdem er die ersten Zeilen entziffert hatte . Schnell drehte er sich nach dem Kranken um und erhob sich halb vom Stuhl , den Brief in der Hand zusammenknitternd . Hans Unwirrsch stöhnte tief , aber er lag jetzt mit geschlossenen Augen , Theophile konnte seine Lektüre ungestört beendigen . Er las , biß sich auf die Unterlippe und lachte ; er sah nicht , daß der Jugendfreund die Augen von neuem geöffnet hatte und ihn mit dem starren , unheimlichen Blick des Fiebers anstarrte . » Wie toll ! Wie närrisch ! Wie albern ! « sagte Theophile , das Schreiben mit Bedacht wieder glättend . » Lächerlich originell ! « sagte er , die Arme auf der Brust kreuzend . » Aber der Tölpel könnte endlich doch unbequem werden ; es wird das beste sein , ihn aus dem Hause zu schaffen . Wir wollen sehen ; - nimm dich in acht , liebster Hans ; jedes Übermaß muß gefährlich werden , selbst ein Übermaß von Gemüt . « Er stand auf und schob den Stuhl ziemlich heftig zurück . Wieder trat er an das Bett des Kranken . So völlig geistig gebunden glaubte er den armen Hans , daß er es für gänzlich unnötig hielt , sich irgendeinen Zwang aufzulegen ; aber er irrte sich Hans sah klar , ganz klar , erschrecklich klar . Zwischen Sein und Nichtsein , Bewußtsein und Bewußtlosigkeit kam ihm die Erkenntnis gleich einem Blitz . Er sah die Augen des Mannes , der vor ihm stand , leuchten wie die eines bösen Geistes , der sich an einem Unglück weidet . Die ganze Herzlosigkeit dessen , den er einst seinen Freund nannte , offenbarte sich in diesen Augen , diesem Lächeln . Hans Unwirrsch fühlte zum erstenmal in seinem Leben , was der Haß sei ; er haßte die schlüpfrige , ewig wechselnde Kreatur , die sich einst Moses Freudenstein nannte , von diesem Augenblick an mit ganzer Seele . Er hätte laut aufschreien mögen , aber seine Zunge war nicht in seiner Gewalt ; er hätte aufspringen mögen , um diesen Moses Freudenstein mit den Fäusten und Zähnen zu packen ; allein , sein armer Körper war eine bewegungslose Masse , über die er keine Macht hatte . Aber mit dem Auge konnte er ihn erreichen ! - Theophile Stein fuhr zusammen und zurück ; er lächelte nicht mehr ; - Johannes Unwirrsch versank abermals in die Phantasien des Fiebers , doch die Gewißheit nahm er in sie mit hinüber , daß er sich einen unversöhnlichen Feind erworben habe . Als er von neuem aufwachte , war manch ein Tag vergangen . Zwei andere Gesichter und Gestalten sah er neben seinem Schmerzenslager . Zu Füßen des Bettes saß der Geheime Rat Götz , gelblichbleich , müde und kummervoll , ganz ohne Mechanik , aber als ein gebeugter Mann , der teilnehmen konnte an fremdem Elend ! Und neben ihm - neben ihm , mit der Hand auf seiner Schulter , stand - Franziska - das Fränzchen , mitleidig und mild wie immer , und mit Tränen in den Augen , des Leutnants Rudolf liebliches Fränzchen ! Und dieses Fränzchen hatte keine Ahnung davon , wie scharf der Kranke auch in diesem Augenblick sah . Es war doch sonst so ziemlich Herrin über seine Gesichtszüge , zum Beispiel der Herrin des Hauses gegenüber bei manchen bösen Gelegenheiten ; aber in dieser Stunde gab es sich nicht die geringste Mühe , sie zu beherrschen . Es erschrak auch sehr , das Fränzchen , und errötete tief , als es plötzlich bemerkte , daß Hans Unwirrsch wache und sehe . Hans mußte die Augen schließen , und als er sie wieder öffnete - er konnte die Zeit nicht recht angeben - , waren auch diese beiden Gestalten nicht mehr da . Sie hatten der alten , rohen Wärterin aus dem Hospital Platz gemacht ; aber es schadete nichts . Die Sonne war aufgegangen in Hans Unwirrschs Seele ; es wußte , daß er nicht sterben würde , und er wußte ein noch viel Wichtigeres : er hatte erkannt , weshalb der vagabundierende Bettelleutnant Rudolf Götz ihn in dieses Haus , in so großes Ärgernis und unbehagliches Wesen gebracht hatte ! Nach allen Seiten hin nahmen die bösen Geister die Flucht . Segen über den Leutnant Rudolf Götz ! Gottes Segen über des Leutnants Fränzchen ! Es war großer Jubel in der hungrigen Seele des Kandidaten Johannes Unwirrsch , und es schadete auch nichts , daß ihm noch einmal die Sinne vergingen ; es war alles gut . Die Fieberphantasien wiederholten sich nicht ; es kamen die Tage der Genesung . Weder Franziska noch der Doktor Theophile Stein zeigten sich ferner in dem Zimmer des Kranken ; aber der Geheime Rat Götz zeigte sich öfters , und zwar von einer sehr guten Seite . Er war an dem Bette seines kranken Hausgenossen ein ganz anderer Mensch als in seiner Studierstube oder gar in den Gemächern seiner Gemahlin . Hans , der geglaubt hatte , das Haus und seine Bewohner durch und durch zu kennen , erfuhr erst durch seine Krankheit , daß ihm doch noch manches da verborgen geblieben sei . O über die einsamen , nachdenklichen , grübelnden