wenn der Dechant einen völlig andern Geschmack hätte . Lucinde horchte der Charakteristik des Dechanten von Kocher am Fall , sagte aber jetzt fast wie eine Fromme : Kommt zu Lucinde Schwarz in Kocher am Fall ! Ich wohne in der Dechanei des heiligen Zeno ! Ich will Euch den Moses da des Michel Angelo abkaufen ! Der Italiener nickte befriedigt . Lucinde stieg zur Kapelle empor . 2. Wie sie den wiederbeginnenden Klängen des Marianischen Lobgesangs folgend an noch einigen Leidensstationen vorüberging , mußte sie den schönen und malerisch gelegenen neuen Bau bewundern . Alles , was nur die gothische Architektur zugleich an bedeutungsvollen wie lieblichen Elementen besitzt , war hier in einer reizenden Gesammtwirkung vereinigt . Wie hingehaucht stand das halb röthliche , halb hellgrüne Sandsteingebilde und verlor sich mit vier schlanken Thürmen , als wäre es befiedert , in die blaue Luft . Spitzbogenfenster , Spitzgiebel , Spitzdächer , alles war verziert mit steinernen Blumen und Blättern . Große durchbrochene Steinrosen schmückten die Thüren und Seitenwände . Ein terrassenförmiger kleiner Garten umgab die obere Spitze des Kreuzes , in dessen Form auch der ganze Bau sich erhob . Dieser Garten lud den müden Wanderer ein in den Schatten breitästiger Linden . Bienen summten , Käfer schwirrten . Einem Schmetterlinge nur brauchte Lucinde nachzugehen , der sie mit seinem Flatterfluge an die Pforte des festgegründeten schönen Gottestempels , des Asyls des Unsterblichkeitsglaubens , fast ausdrücklich zu geleiten schien . Die kleinen Sängerinnen waren verstummt . Sie befanden sich in der Kirche , die auch Lucinde betrat . Der Raum war drinnen eng . Zusammengedrückt schien das Ganze noch mehr zu werden durch eine fast zu reiche Verschwendung von Gold und Farbe . Lucinde fühlte sogleich , daß alles hier fast zu sinnlich , zu laut , zu unmittelbar auf den Eintretenden eindrängte ; sie schlug indeß die Augen nieder , besprengte sich mit dem geweihten Wasser und kniete , fast geräuschvoll , an den Marmorstufen des Altars nieder . Nachdem sie , wie andachtversunken , ihr Gebet verrichtet , erhob sie sich und musterte die Malereien . Auch zu einer Krypte stieg sie nieder , die ihr nicht minder beengend , fast furchterregend vorkam . Eine besondere Aufforderung zur Gottesandacht lag nicht in dem Eindruck dieses Innern eines so gefälligen Aeußern . Doch senkte sie die Wimpern und verrieth keine Kritik . Die kleinen Mädchen der Pension von Lindenwerth , wol ihrer zwölf bis sechzehn an der Zahl , ließen den engen Raum des Gotteshauses von ihrer Neugier und Zerstreutheit nicht wenig widerhallen . Eine dem Orden der Englischen Fräulein angehörende Nonne und eine weltliche Lehrerin waren ihre Führer . Zuletzt verloren sich alle in eine Seitennische , in der sich noch das Gerüst eines Malers befand , dessen Pensum in der Ausschmückung der Wände hinter dem der andern Künstler zurückgeblieben war . Auch er malte um die Heiligen große goldene Teller in jenem Geschmack der sich in seiner Absicht allzu sehr verräth . Will man durch die Vorgänge der heiligen Geschichte das Gefühl der Andacht wecken , so müssen sie uns nicht als Wunder , sondern mit dem Zauber der Natürlichkeit und noch heute täglich möglichen Wirklichkeit entgegentreten . Bei näherm Hinblick auf das Pensionat , das sich neugierig an den arbeitenden Maler wie verlor , schrak Lucinde zusammen . So nahe schon hatte sie sich ihren nächsten Zielen nicht geglaubt ! Diese führten sie , wie sie ausdrücklich gewollt hatte , mitten in alles wieder zurück , was sie in ihren ersten Jugendtagen , vor dem Sinken ihres Sternes und dem neuen Aufgang in der orthopädischen Anstalt halb bewußtlos erlebt hatte . Nun erkannte sie schon in der weltlichen Lehrerin jene Angelika Müller , mit der sie einst vor sechs bis sieben Jahre ihre Reise nach Hamburg gemacht hatte . War also der Prophet von Eschede , Dr. Laurenz Püttmeyer ; noch immer ohne Hegel ' s Lehrstuhl für seine mathematische Philosophie ? Beim Anblick dieser damals schon nicht mehr jungen , jetzt vollends verblühten , armen geistigen Tagelöhnerin trat ihr der todte Jérôme vor die Augen , wie er sitzen konnte und Würfel und Dreiecke schnitzelte und über jenes bekannte Pentagramm , das wir als Bierzeichen adoptirt haben , sich in die alten Wälder verlor , in denen einst dem Wodan Menschenopfer gebracht wurden ... Die Lehrerin schien auch auf Veranlassung der obenerwähnten goldenen Teller eben mit dem Erläutern der Symbolik des Kreises beschäftigt und sah Lucinden nicht . Diese fühlte sich vielleicht noch nicht stark genug , das volle Antlitz ihrer Vergangenheit wieder zu ertragen .. sie verließ die Kapelle und flüchtete sich fast in die warme und erquickende Luft zurück . Ihr Wagen war noch nicht zu erblicken . So wandte sie sich der Altane der Kirche zu und nahm Platz auf einer der steinernen Bänke , die die schönste Aussicht boten . Sinnend über den Muth , den sie haben wollte , dicht so wieder an alles anzustreifen , was schon einmal für sie verhängnißvoll geworden war , sah sie kaum , wie nah unter ihr der belebte Strom mit seinen malerischen Ortschaften sich schlängelte , wie in der Ferne die Berge in ansehnliche Höhen stiegen und links und rechts zwei schroff emporgethürmte Felsen mit den Trümmerresten zweier alten Burgen wunderherrlich aufragten . Nach einer Weile und während die Schülerinnen des Pensionats in der Kirche wieder einen neuen Gesang angestimmt hatten , bemerkte sie , daß sie auf der Altane nicht allein war . Dicht an der von Epheu beschatteten Mauer der Kapelle standen in eifrigem Gespräch ein Soldat und ein ohne Zweifel zu dem lindenwerther Pensionat gehöriges junges Mädchen . In einiger Entfernung hielt sich ein Aelterer , nicht gerade ein Diener , auch kein Erzieher , aber jemand , der gleichsam zu wachen schien , daß das Zwiegespräch der beiden andern weder gestört noch vielleicht zu vertraulich wurde . Das junge Mädchen trug die Kleidung des Pensionats , einen dunkelblauen leichten Sommerstoff , einen runden italienischen Strohhut und eine Tasche