wird er hoffen daß ich ihm etwas Aehnliches sage - dachte ich mit Herzpochen - ach , Du Unselige , weshalb hast du ihm ein Geständniß abgelockt ? Veranlaßt eine Frau einen Mann zu solchem Vertrauen , so ist es ein Beweis daß sie bereits durch ihn gerührt ist . Erheuchelt sie die Rührung , so ist sie eine erbärmliche Kokette ! Aber ich hatte sie nicht erheuchelt , nur ersehnt . Was ich eigentlich wünschte war : unter dem Tropenhimmel seiner Liebe meine Erstarrung zu verlieren . Seine Wärme that mir wol , sein Schwung hob mich , seine Kraft labte mich - das Alles brauchte ich , fand ich bei ihm .... und wie auf mein Eigenthum legte ich meine harte kalte Hand darauf . Ich schauderte vor mir selbst . Um nur Etwas zu sagen , sagte ich ganz stupid : » Sie verleumden sich indem Sie sich schwach nennen , Fidelis ! Ihr ganzes Leben ist ja eine Kette aus Ringen von Erz . « » Ein Gelübde kann man immer erfüllen - Gott allein weiß wie ! - Aber die Kette selbst doch zuweilen als eine Kette zu fühlen : das eben beweist daß man schwach ist ! Schwäche ist Knechtschaft .... und ich ! ich ! der nicht äußerlich gebunden sein wollte , bin innerlich Knecht - ich ! der äußere Sclaverei mehr als den Tod fürchtete , bin nicht im Stande zu sagen : ich bin frei ! Obgleich mir die weite Welt offen steht , obgleich ich vor Niemand außer vor meinem Gewissen Rechenschaft meines Thuns abzulegen brauche , obgleich meine Bedürfnisse noch geringer sind als meine Gewohnheiten , und Entbehrung mich nicht drückt - trotz all dieser Bedingungen der Freiheit bin ich nicht frei ! - Sclav des Goldes , der Eitelkeit , der Sinnlichkeit , des Ehrgeizes zu sein - hab ' ich gemieden , denn das Alles lockte mich nicht , war unschön , kleinlich oder roh . Sclav der Liebe mußte ich werden - der Idee der Liebe ! denn ich liebe kein Weib , sondern eine von den Schicksalsgestalten , welche hie und da ins Leben hinein gestellt werden , damit sich an und in ihnen , und für und um sie seltene Geschicke ausleben , Anderen zur Warnung oder zum Beispiel . « » O Fidelis ! wenn Sie mich so erkennen , wie können Sie mich denn lieben ? « fragt ' ich schmerzlich . » Ich weiß es nicht ! sagte er niedergeschlagen . Es ist etwas Gewaltiges in Ihnen . Dies rastlose Suchen , das durch kein Glück und keinen Genuß der Welt befriedigt - durch keine Polster des Glanzes , des Reichthums und des Behagens ausgeruht - durch kein Lernen , Wissen und Thun beschwichtigt - durch kein Schellengeklingel der Eitelkeit und Thorheit betäubt wird : das gehört keiner gemeinen Natur an . Sie haben eine ganz abgründliche Seele , so abgründlich daß Niemand deren Tiefe ermessen hat , denn kein Senkblei reicht so weit hinab . Was ist denn da unten , Sibylle ? soll es ein ewiges Geheimniß bleiben ? lagert sich diese Wolkenschicht über einem Sonnenhimmel oder , über der Leere ? Sie sind klug , gut , tugendhaft , großmüthig , menschenfreundlich - aber ohne Freude darüber , ohne Genuß daran . Sie sind ohne Schwäche und ohne Leidenschaft , Sie hassen nicht , Sie können verzeihen « .... - - » Ja ja ja ! rief ich in einem Paroxysmus von Schmerz : so bin ich ! das kann ich ! Aber ich kann Eines nicht .... ich kann nicht lieben ! - ich handle nie aus vollem Drang und Trieb des innersten Lebens . Meine Phantasie malt mir das Gute und Schöne mit den bezauberndsten Farben vor ; dann betrachte ich diese Gebilde mit der Reflexion , die Farben schwinden , aber die Ueberlegung sagt mir , auch die Pflanze ohne Blüte verdiene Pflege . Dem gemäß handle ich klug , gut wenn Sie wollen ; aber .... ich behandle das wie ein Rechenexempel , welches ein richtiges Facit ergeben muß . Schwung der Seele macht allein glücklich . Er führt jene Stürme herbei welche diese verhüllenden Wolkenschichten , wie Sie sie nennen , zerstreuen . Mögen dabei Fehltritte und Schwachheiten vorkommen - sie werden schon ihren Rächer finden - es kommen auch wunderschöne , schmetterlingsartige Entwickelungen zum Vorschein und hauptsächlich : man fühlt sich unter Einfluß und Lenkung einer höheren Gewalt als unsre Klügelei ist ! - Es ist vernichtend für einen ganzen Lebensweg auf die Klügelei angewiesen zu sein ! Die Menschen nennen es Klugheit , Tugend , Vernunft ; - ich Fidelis - nenne es von Gott vergessen sein . « » Wer geliebt wird ist nie ganz von Gott vergessen , « sagte er und kniete vor mir nieder . » Das mag sein ! - aber ich verstehe Ihre Liebe nicht ; « entgegnete ich , wieder aus diesem fragenden Forschungstrieb , der mich wünschen ließ ein Herz wie ein anatomisches Präparat vor mir zu haben . » Ich glaub ' es ! « entgegnete er entmuthigt . - - - - - So war denn nun ein fürchterlich qualvolles Verhältniß zwischen ihm und mir . Seine Erzählung hatte es in uns Beiden so recht zum Bewußtsein gebracht , daß ich ihn nicht liebe . Hätte ich sonst nicht überwunden von dieser unbegreiflichen Liebe in seine Arme oder zu seinen Füßen hinsinken müssen ? hätte ich nicht den Lohn für die Treue und die anbetende Huldigung eines halben Lebens in die Extase einer Minute zusammendrängen können ? hätte ich nicht diesem Herzen , das ich mit meiner ewigen Wissensqual durchgraben und aufgewühlt hatte , ein beseligendes Ausruhen an dem meinen gönnen sollen ? - - Aber nichts von dem Allen . Ich wußte nun daß und wie er mich liebe , und ich gestand mir ein , daß ich , so lange ich dies nur geahnt , mir eine größere Wirkung