: Wie sich doch Alles im Leben wiederholt . Meine Tante würde eine Freude haben , könnte sie sehen , wie ich jetzt an Dir die Ermahnungen probire , die sie mir gemacht hat , ehe ich mich verheirathete . Ich denke aber , sie finden bei Dir ein so williges Ohr , als bei mir , und nehmen auch ein so glückliches Ende . Das sagst Du , Clementine , rief Jenny , Du , die mir selbst erzählt , welchen Kampf Du noch nach Deiner Hochzeit zwischen Pflicht und Liebe bestanden hast . Clementine strich mit der Hand über die hohe , zarte Stirn und sagte mit unbeschreiblicher Weichheit und Demuth : Ich halte Dich nicht für schwächer als mich . Was ich vermochte , mußt Du auch vermögen . Du sollst es auch kennen lernen , das Glück , seine Neigung dem Glücke eines Andern zu opfern , und darin ein neues , besseres Glück zu finden . Dann nach einer Pause fuhr sie fort : Uebrigens , was will ich denn ? Von dem Opfer einer Neigung ist ja hier die Rede nicht ! Du liebst keinen Andern ; Du bist frei und Walter ist Dir werth . Was drückt und ängstigt Dich also ? Der Gedanke , man könne mir ehrgeizige Motive unterlegen , sagte Jenny lebhaft , wenn ich Walter ' s Hand annehme ; und - daß ich es Dir gestehe - die Möglichkeit , er könne es einst bereuen , eine Bürgerliche , eine Jüdin , geheirathet zu haben , wenn irgend ein Ereigniß ihn unangenehm daran erinnert . Ich mag nicht , wie Walter es in jenem Gleichniß nannte , die kümmerliche Pflanze sein , die sich zu einer Höhe emporrankt , für die sie nicht geboren ist . Liebte ich Walter , vielleicht wäre ich dann schwach genug , meine Vernunft zu verleugnen ; jetzt nimmermehr ! Mag Walter sich eine Gefährtin wählen , die ihm gleich ist an Vorzügen des Ranges und der Geburt , die mit ihm auf gleicher Höhe erwuchs . Ich will keinem Menschen Etwas verdanken , das er jemals bereuen könnte , mir gegeben zu haben . Aus der Hand eines geachteten Gatten entehrt keine Gabe und er bereuet sie nicht , wenn er sie , wie Walter Dir , mit ruhiger Ueberzeugung darbringt , sagte Clementine , die es fühlte , daß hier der Punkt läge , von dem Jenny ' s Weigerung gegen Walter ' s Wünsche ausging . Auch sie kannte Walter und , erfreut durch den Gedanken , ihn und Jenny verbunden zu sehen , wünschte sie wo möglich dazu beizutragen . Darum vermied sie es für diesmal , Jenny auf dieser für sie empfindlichsten Seite anzugreifen und bemerkte ablenkend : Und das ist doch der einzige Grund , der Dich besorgt machen kann ! Nein ! antwortete Jenny , auch in mir sind Gründe dagegen . Mir fehlt die Fähigkeit , mich in dem Leben eines Andern aufgehen zu lassen . Meine Existenz ist eine fest bestimmte , in sich abgeschlossene . Ich habe mich an eine gewisse Freiheit gewöhnt , die ich nicht mehr entbehren kann und die ich in der Ehe doch aufgeben müßte . Vor Allem aber , wie ich Reinhard liebte , kann ich nicht wieder lieben . Mir fehlt die Jugendlichkeit , die Frische des Herzens , das fühle ich tief . Ich kann so nie wieder lieben ! So liebe Walter anders ! wandte Frau von Meining ein . Auch Du bist sicher nicht das erste Mädchen , das ihn die Liebe kennen lehrt . Er ist ein Mann , der in der Schule des Lebens und des Hofes seine Prüfungen bestand . Den ruhigen Mann reißt keine Leidenschaft blindlings hin ; was er thut , hat er überlegt , was er verspricht , will und wird er halten . Und was die Frische des Herzens betrifft , so ist es mit der Liebe , wie mit dem Menschen überhaupt . Die Geschlechter gehen und kommen , jedes hat die Erfahrungen des vorigen für sich , sie gleichen sich fast alle und doch - hat jedes neue Geschlecht seine Thorheit und seine Weisheit , seine Jugend , seine Blüthe , nach seiner Individualität ; eine Blüthe , die rein und schön ist , obgleich sie erst auf der Asche der geschiedenen Generation erwuchs . Darum Muth , mein Herz ! Den falschen Stolz besiege und im Uebrigen vertraue der Liebesfähigkeit und der Liebebedürftigkeit des Frauenherzens . Eine innige Umarmung beendete diese Unterhaltung , die in Frau von Meining den Entschluß hervorrief , sich so bald als es ihr möglich sein würde , der Gesellschaft anzuschließen , um Jenny und Walter schnell an ein Ziel zu bringen , das ihr für Beide so glückversprechend schien . Diese freudige Hoffnung that für die Anregung ihrer Nerven mehr , als irgend eine Arzenei vermochte , und schon am nächsten Tage nahm sie zum ersten Male Walter ' s Besuch an , der fast täglich in ihrer Wohnung gewesen war , um sich nach ihrem Ergehen zu erkundigen . Zwei Gefühle waren es besonders , die Jenny beunruhigten und sie bewogen , sich von Walter zu entfernen : Die Furcht , welche sie Frau von Meining gestand , vor einer Verbindung , die man gerade in den Kreisen eine Mißheirath nennen würde , in denen sie als Walter ' s Frau zu leben bestimmt war , und , was sie nur sich selbst bekannte , Scham vor sich selbst , daß sie einer zweiten Neigung fähig sei , die sich entschieden zu Walter ' s Gunsten in ihr geltend machte . Trotz ihres klaren Verstandes besaß Jenny die Schwärmerei eines tieffühlenden Herzens und hatte mit Treue das Andenken des Geliebten ihrer Jugend in sich gepflegt , bis sich nach Reinhard ' s Verheirathung der Gedanke in ihr ausgebildet , sie habe jetzt keinen Anspruch mehr an Liebesglück zu machen , ihr Leben sei in der Beziehung beendet .