seine weiche und charakterlose Unbestimmtheit zürnte : auch auf den Herzog Bracciano war sie erbost , und wies mit schnöden Worten alle Hülfe zurück , die er ihr großmütig anbot ; denn sie meinte , er hätte sich bei dieser Entwicklung der großen Begebenheit mit mehr Kraft und Kühnheit betragen sollen . Gegen den Bischof , ihren ältesten Sohn , gab sie ihren Haß offen kund ; sie sah ihn nicht wieder , so oft er auch bei ihr einzudringen suchte . Selbst auf die freundlichen Botschaften und Briefe ihrer Tochter Vittoria nahm sie keine Rücksicht . So , von aller Welt verlassen und Freunden wie Feinden unsichtbar geworden , war sie nun endlich , ohne Spur , verschwunden . - Auch in der Landschaft war allenthalben die Kunde erschollen von der Ermordung Vitellis , der Empörung des Orsini , und der Verhaftung der Vittoria Peretti , sowie von der Anklage gegen sie . Das Volk , welches sich so gern mit Märchen trägt und diese am liebsten glaubt , verband damit tausend unmögliche Bosheiten und wunderbare Zufälle : von Bezauberung , Gift , Gespenstern und Geständnissen auf der Folter war die Rede , und in der kleinen Stadt Tivoli , in welcher die Familie Accoromboni oft gewohnt hatte und in ihr gewissermaßen einheimisch war , wurde am meisten über diese neuesten Begebenheiten geschwatzt und geurteilt , verschieden und mannigfaltig , je nachdem man den Angeklagten freundlich oder feindlich gesinnt war . Doch hatte auch hier das Märchen bei den meisten Eingang gefunden , Vittoria habe durch einen Liebestrank den Herzog Bracciano bezaubert , auf dieselbe Weise den jungen Luigi Orsini unsinnig gemacht , den Gemahl Peretti durch den Bruder umbringen lassen , so wie sie den Kardinal Farnese habe vergiften wollen und jetzt sitze sie mit der Mutter im Kastell gefangen , weil sie der Papst in kurzer Zeit beide als Hexen öffentlich wolle verbrennen lassen . - Der alte Pfarrer Vinzenz wandelte langsam durch die Stadt und überlegte sich diese tollen und törichten Erzählungen , sowie so manches , was er in seinem Leben schon gesehn und erfahren hatte . Alles , sagte er zu sich , gleicht diesem Teverone hier . Da oben fließt er glatt und freundlich , die Ufer mit ihren Gebüschen und Hügeln spiegeln sich in der klaren Flut , sie kommt näher und rennt , und rennt , immer schneller , nun stürzt sie wogend , unaufhaltsam , brausend , in Klagen und Verwünschungen tief hinunter in den Abgrund . - Wie freundlich , erquicklich lebten sie hier und schienen so sicher und fest , stolz und selbstständig . Und nun - zu hoch wollten sie hinaus - die Ebne war ihnen zu gering , und nun dieser Absturz ! Er stand jetzt vor einem zierlichen Hause , welches einzeln lag . Er war seit lange nicht diesen Wänden , die mit Efeu bewachsen waren , vorbeigegangen . Nun ward er hier durch ein seltsames Getön festgehalten . Er hörte nämlich mit heiserer Stimme einzelne Strophen aus Volksliedern übertrieben laut und kreischend singen , dann plötzlich Stille , ohne die Melodie zu beschließen - Aufschrei , Schluchzen - dann wieder Gesang , von lauten Flüchen und Verwünschungen unterbrochen . Jetzt tat es einen harten Fall , und nun vernahm der Alte Winseln und Schluchzen und vielfältige Klagelaute . Die Fenster waren gegen die Sonne verschlossen , er konnte nicht hineinsehn , ob sich hier ein Unglück zugetragen habe . Er näherte sich der Tür , sie war nicht verriegelt , und er trat in das freundliche Haus , welches nicht zu einem Aufenthalt des Elends bestimmt schien , mit zögernder Furcht und einem leisen Schauer . Das Winseln und Schluchzen ließ sich nach einer Pause wieder vernehmen . So öffnete er entschlossen die Tür des Zimmers , aus welchem er den Ton vernahm , und trat in das halb dunkle Gemach . » Bedarf jemand einer menschlichen Hülfe ? « frug er mit gedämpfter ängstlicher Stimme - und fuhr mit lautem Schrei , sich entsetzend , zurück , denn eine große weibliche Gestalt lag ausgestreckt auf dem Boden , die man für eine Leiche hätte halten können , wenn nicht die schwarzen feurigen Augen im kreideweißen , alten , ganz abgemagerten Gesicht sich heftig bewegt hätten.- » Wer ist da ? Welcher Sterbliche ? « sagte die mächtige Gestalt , und erhob sich langsam vom Boden . Ihr greises langes Haar schüttete sich bei der Bewegung über das Gesicht , sie lächelte furchtbar und warf es nun ganz über das Antlitz hinüber , bückte sich nach vorn und nahm ein Gebetbuch vom Ruhebett auf , stellte sich gekrümmt so in die Mitte des Zimmers , als wenn sie in Andacht lesen wollte , und sah in dieser Gestaltung einem wilden reißenden Tiere oder einem Ungeheuer nicht unähnlich . Nun fuhr sie mit einem Sprunge auf den alten Priester los und schrie : » Nun , warum weichst du nicht dem Banne , wenn du doch ein Gespenst bist ? « » Nichts weniger « , sagte der Alte mit erzwungener Ruhe , » ich bin ein ganz gewöhnlicher Mensch , und wollte der Himmel , daß ich Euch so betiteln könnte . Aber mir scheint , als wenn Ihr gewaltig über die Stränge geschlagen hättet . - Seid Ihr denn nicht mit Verlaub , jene Dame Julia Accorombona , die sonst mit ihrer schonen Tochter hier in diesem Hause wohnte , das ich freilich erst jetzt wiedererkenne ? « » Meine Tochter ? « rief die Wahnsinnige , und setzte sich mit Majestät auf einen hohen Sessel . Sie nahm einen Kranz , von Stroh geflochten , und rückte ihn auf den grauen Scheitel zurecht , indem sie die Masse der verwirrten Haare über den Rücken warf - » meine Tochter ? elender Sklave ! wie wagst du es , diese nur zu nennen ? Sie ist die weltberühmte Kaiserin Semiramis , und sitzt da droben unter goldenem Baldachin , hoch , hoch