schien ihr doch weniger unheilbringend , als eine zu voreilige Erklärung , ehe sie Zeit gewonnen hätte , dies sein Gefühl in sich selbst absterben zu lassen . Jetzt befand man sich zu Versailles , da man Paris nur bewohnte , um Familien-Feste zu feiern , die in die Nähe des Königs zu verlegen , eine Art Indiskretion scheinen konnte . Außerdem liebten alle Große des Hofes , in Versailles zu leben , da der König eine fast unbezwingliche Abneigung gegen Paris hegte , welches ihm als Kind , während der Kriege der Fronde , mehrere Male die Thore verschlossen hatte . Madame Henriette , die Gemahlin Monsieur ' s und die Tochter des unglücklichen Karls des Ersten von England , war der Parnassus des Hofes . Um sie versammelten sich alle Künste , und Gelehrte und Helden warteten an ihrem poetischen Throne auf das Wort ihrer Anerkennung , ihrer Ermunterung . Der König hatte ihr eine so zärtliche , ritterliche Galantrie gewidmet , sie verstand dieselbe so geistreich zu fordern , und so fein und erhaben zu gestalten , daß dem Berühren dieser beiden romantischen Geister die Entwickelung billig zuzurechnen ist , die das Verhältniß der Männer zu den Frauen zu einer abgöttischen Huldigung erhob . Auch hier ging der mit allen Elementen der Liebe und Poesie ausgerüstete jugendliche König mit dem Beispiel einer Frauenhuldigung voran , die wie ein neuer Impuls in der Courtoisie hervortrat . Zwar hatte das Verhältniß des Königs zu Madame Henriette den Karakter wärmerer Zärtlichkeit verloren ; aber sie behauptete noch immer den Rang der schönsten und geistreichsten Frau , und ihr Einfluß auf den König in allen geistigen Beziehungen blieb noch unbestritten . Er selbst fühlte die wahrste Freundschaft für sie , ihr Hof zählte ihn noch immer zu seinem Besitz , und er that Alles , ihr diesen geistig hohen Standpunkt durch seine Achtung und Anerkennung zu erhalten . - Schon füllten sich die Vorzimmer der schönen Henriette , und alle Anwesenden zeigten die Belebtheit und Spannung , die die Versicherung hervorgerufen , Madame erwarte den König ! Ein Jeder fragte sich in der Stille , wer er wäre , was er zu denken , zu sagen habe , mit welcher Berechtigung er die große Gunst erwarten dürfe , vor ihm zu erscheinen . Das Gespräch lief wohl lebhaft umher ; aber nur Wenige verbargen die Zerstreutheit , mit der das leiseste Geräusch in den Höfen plötzlich Alle verstummen oder abbrechen ließ . Doch blieb von den Anwesenden dieser Zustand ziemlich unbemerkt , denn Jeder theilte ihn . Nur einzelne Personen verschwanden in die Zimmer , in denen Madame ihren hohen Gast erwartete ; dies waren besonders dazu Bestellte - und sie zogen eben so stolz diesem Rufe entgegen , als ihnen die Blicke des Neides nur zu sicher folgten . Madame ruhte auf einer Ottomanne von meergrünem Atlas , und der Glanz der Beleuchtung war vor diesem etwas erhöhten , bequemen Sitze mit einem Geschicke gemildert , daß es schien , der Mond erleuchte diesen Platz , im Gegensatze zu dem Vordergrunde des Zimmers , der Tageshelle , von Spiegelwänden reflektirt , zurückstrahlte . Der blaßrothe Seidenstoff ihres Kleides war mit Silber durchwirkt , und in ihrem wunderschönen Haare trug sie eine einzige , aber prachtvolle Rose von Brillanten . Da sie die schönsten Arme und Hände hatte , so stand es ihr sehr gut , daß sie die Etikette etwas verletzte und nur einen Handschuh trug , während sie den andern , wie zum Gedankenspiele , durch die zarten Finger zog . Sie hatte die glänzendsten Farben , die lebhaftesten Augen , und schien immer von Gedanken angeregt , die sie auch , schnell und fließend sprechend , stets bereit war , an den Einen oder Andern zu adressiren . Um sie her standen die Damen und Herren ihres näheren Kreises . An der linken Seite ihres Ruhebettes aber lehnte eine Frau von mittlerem Alter , mit großen Resten ehemaliger Schönheit und mit einem bezaubernden Ausdrucke von Geist und Gefühl . Sie war in dunkeln Sammet gekleidet , und die feinen Spitzenbarben ihres Bonnets gaben ihrer prächtigen , aber bescheidenen Tracht eine nonnenhafte Decence ; sie hielt ein Blatt in der Hand , was sie vorgelesen hatte , und hörte der lebhaften Prinzessin zu , welche , mit ihr sprechend , anmuthig seitwärts blickte . » Nein , liebe Sevigné , « rief sie , » sein Sie nicht zu bescheiden ! - Nur Sie , behaupte ich , nur Sie allein können ein so bezauberndes Geständniß über die Gefühle einer Mutter ablegen , Sie repräsentiren die Mutterliebe in Frankreich , wie sie das Ideal jeder edeln weiblichen Brust werden muß , auf Sie wird hingewiesen werden , wenn wir schon alle in Staub zerfallen sind ; und die entarteten Mütter dieses Landes werden nicht sagen dürfen , wir wußten nicht , was Rechtens war ; denn man wird ihnen antworten können , daß Madame de Sevigné lebte ! « Die berühmte Frau neigte ihr feines Antlitz noch tiefer , und der erhöhte Ausdruck zeigte eine Rührung , die keinen Hauch von Eitelkeit trug . » Es ist so natürlich , was ich auszudrücken wagte , « sagte sie sanft , » daß ich mich kaum in dem schmeichelhaften Lobe Eurer Königlichen Hoheit wieder erkenne . Wer könnte mit dem Glücke begnadigt werden , Mutter zu sein , ohne mehr oder weniger dasselbe zu fühlen , was ich hier bloß sammelte , aneinander reihte . Die Erscheinung einer Mutter bleibt in jedem Individuum eine Art göttliches Mysterium , und auf allen Stufen dieses rührenden und erhabenen Zustandes ließe sich die unmittelbarste Gemeinschaft mit dem höchsten Geber nachweisen , und darum auch sicher Anklänge der Seligkeit , die nur von dem harten Drucke der Außenwelt zuweilen verkümmert hervortreten . « » O , wie schön , meine edle Sevigné , ist Ihr frommer Glaube ! « rief die Prinzessin mit einer Aufregung der Gefühle , die nur zu klar das ewig