Jahre von ihm selbst gemalt ; es hat die graziösesten Züge eines weisheitsvollen , ernsten , tüchtigen Antlitzes ; aus der Miene spricht ein Geist , der die jetzigen elenden Weltgesichter niederkracht . Als ich Dich zum erstenmal sah , war es mir auffallend und bewegte zugleich zu inniger Verehrung , zu entschiedener Liebe , das sich in Deiner ganzen Gestalt aussprach , was David von den Menschen sagt : ein jeder mag König sein über sich selber . So meine ich nämlich , daß die Natur des inneren Menschen die Oberhand erringe über die Unzuverlässigkeit , über die Zufälle des äußeren , daraus entstehe die edle Harmonie , das Wesen , was sowohl über Schönheit hinaus ist als der Häßlichkeit trotzt . So bist Du mir erschienen , die geistige Erscheinung der Unsterblichkeit , die der irdischen vergänglichen Meister wird . Obschon nun Dürers Antlitz ein ganz anderes ist , so hat mich doch die Sprache seines Charakters mächtig an die Deinige erinnert , ich habe mir ' s kopieren lassen . - Ich hab das Bild den ganzen Winter über auf meinem Zimmer gehabt und war nicht allein . Ich hab mich viel in Gedanken an diesen Mann gewendet , hab Trost und Leid von ihm empfunden , bald war ' s mir traurig zu fühlen , wie manches , worauf man doch in sich stolz ist , zugrunde geht vor einem solchen , der recht wollte , was er wollte ; bald flüchtete ich mich zu diesem Bild als zu einem Hausgott . Wenn mich die Lebenden langweilten , und daß ich Dir ' s recht sage : mein Herz war in manchen Stunden so tief von dem reinen Scharfblick gerührt , der aus seinen edlen Augen dringt , daß er mir mehr im Umgang war als ein Lebender . Dieses Bild nun hatte ich eigentlich für Dich kopieren lassen , ich wollte Dir ' s als einen Sachwalter meiner Herzensangelegenheiten senden , und so verging Woche um Woche , immer mit dem festen Entschluß , es die nächstfolgende abzusenden , ohne daß ich es je dazu bringen konnte , mich davon zu trennen . Mein lieber Goethe , ich hab noch weniges gesehen in der Welt , sowohl von Kunstwerken als sonst , was mich herzlich interessierte . Daher wär wohl meiner kindischen Art zu verzeihen . Das Bild kann ich nun nicht mehr von mir lossagen , so wie man sich von einem Freund nicht mehr lossagen kann . Dir aber will ich ' s schicken , meinem geliebtesten von allen . Doch , wie es das Schicksal führt , soll es nicht in andre Hände kommen , und sollte der Zufall es von Dir trennen , so müsse es wieder in meine Hände kommen . Ich hoffte , die ganze Zeit es selbst bringen zu können , indessen ist gar keine Wahrscheinlichkeit in diesem Augenblick , wenn ich nicht stets auf die kommende Zeit hoffte , so würde ich verzweifeln , Dich bald wiederzusehen ; allein , daß nach der Zukunft immer wieder eine ist , das hat schon manchen Menschen alt gemacht . - Du bist mir lieb über alles , in der Erinnerung wie in der Zukunft ; der Frühling , den Deine Gegenwart in mir erschaffen hat , dauert ; denn schon sind zwei Jahre um , und noch hat kein Sturm ein Blättchen vom Ast gelöst , noch hat der Regen keine Blüte zerstört , alle Abend hauchen sie noch den süßen Duft der Erinnerung aus ; ja wahrhaftig kein Abend ist bis jetzt zum Schlafen gekommen , daß ich Dich nicht bei Namen gerufen und der Zeit gedacht , da Du mich auf meinen Mund geküßt , mich in Deinen Arm genommen , und ich will stets hoffen , daß die Zeit wiederkehre . Da ich Dir nichts in der Welt vorziehe , so glaub ich ' s auch von Dir . Sei Du so alt und klug wie ich , laß mich so jung und weise sein wie Du , und so möchten wir füglich die Hand einander reichen und sein wie die beiden Jünger , die zwei verschiednen Propheten folgten in einem Lehrer . Schreib mir , wie Du glaubst , daß ich das Bild ohne Gefahr schicken könne , aber bald . - Wenn Du mir keine Gelegenheit angeben kannst , so werde ich selbst schon eine finden . Hab niemand lieber wie mich ; Du , Goethe , wärst sehr ungerecht , wenn Du andre mir vorzögst , da so meisterlich , so herrlich , Natur mein Gefühl Dir verwebt hat , daß Du das Salz Deines eignen Geistes in mir schmecken mußt . Wenn kein Krieg , kein Sturm und vorab keine verwüstende Zeitung , die alles bildende Ruhe im Busen störte , dann möchte ein leichter Wind , der durch die Grashalmen fährt , der Nebel , wie er sich von der Erde löst , die Mondessichel , wie sie über den Bergen hinzieht , oder sonst einsames Anschauen der Natur einem wohl tiefe Gedanken erregen ; jetzt aber in dieser beweglichen Zeit , wo alle Grundfesten ein rechtes Krachen und Gliederreißen haben , da will sie keinem Gedanken Raum gestatten , aber das , woran ein Freund teilgenommen , daß man sich auf seinen Arm gestützt , auf seiner Schulter geruht hat , dies einzige ätzt tief jede Linie der Gegenstände ins Herz , so weiß ich jeden Baum des Parks noch , an dem wir vorübergegangen , und wie Du die Äste der Zuckerplatane niederbogst und zeigtest mir die rötliche Wolle unter den jungen Blättern und sagtest , die Jugend sei wollig ; und dann die runde , grüne Quelle , an der wir standen , die so ewig über sich sprudelt , bul , bul , und Du sagtest , sie rufe der Nachtigall , und die Laube mit der steinernen Bank , wo eine Kugel an der Wand liegt , da haben wir eine Minute gesessen , und Du