ist wahr , der Chirurgus wird ewig mit seiner Brandsalbe nicht fertig . Doch hilft ein gemeines Hausmittel auch wohl ungemeinen Leuten . Man schaffe rohe Kartoffeln herbei ! « Sie schritt nach der Türe , aber wie plötzlich von irgendeinem Gedanken erfaßt , blieb sie stehen , kehrte um , schloß Julien in die Arme , küßte sie auf die Stirne und sprach : » Du bist mein gutes liebes Kind und wirst immer das ganz sein , was du sein sollst ! - Hüte dich nur vor überspannten wahnsinnigen Toren und verschließe dein Gemüt dem bösen Zauber ihrer verlockenden Reden ! « - Damit warf sie noch einen forschenden Blick auf die Prinzessin , die sanft und süß zu schlummern schien , und verließ das Zimmer . Der Chirurgus trat hinein mit einem ungeheuren Pflaster in den Händen , unter vielen Beteuerungen versichernd , daß er schon seit geraumer Zeit gewartet in den Zimmern des gnädigsten Prinzen , da er nicht vermuten können , daß er in dem Schlafgemach der gnädigsten Prinzessin - Er wollte mit dem Pflaster los auf den Prinzen , die Kammerfrau , die ein paar stattliche Kartoffeln auf einer silbernen Schüssel herbeigebracht , vertrat ihm aber den Weg und versicherte , daß für Verletzungen durch Brand geschabte Kartoffeln das allerbeste Mittel wären . » Und ich , « fiel Julia der Kammerfrau ins Wort , indem sie ihr die silberne Schüssel abnahm , » und ich selbst will für Sie , mein Prinzchen , das Pflaster gar fein bereiten . « » Gnädigster Herr , « sprach der Chirurg erschrocken , » bedenken Sie ! - ein Hausmittel für verbrannte Finger eines hohen fürstlichen Herrn ! - Die Kunst - die Kunst soll - muß hier allein helfen ! « Er wollte von neuem auf den Prinzen los , der prallte aber zurück und rief : » Weg da , weg da ! Fräulein Julia soll mir das Pflaster bereiten , die Kunst soll sich zum Zimmer hinausscheren ! « Die Kunst empfahl sich samt ihrem wohlpräparierten Pflaster , indem sie giftige Blicke auf die Kammerfrau warf . Stärker und stärker hörte Julia die Prinzessin atmen , doch wie erstaunte sie , als - ( M. f. f. ) - einschlafen . Hin und her wälzte ich mich auf meinem Lager ; ich versuchte alle nur mögliche Stellungen . Bald streckte ich mich lang aus , bald wickelte ich mich rund zusammen , ließ den Kopf auf den weichen Pfoten ruhen und ringelte den Schweif zierlich um mich herum , so daß er die Augen bedeckte , bald warf ich mich auf die Seite , ließ die Pfoten wegstarren vom Leibe , den Schweif in lebloser Gleichgültigkeit hinabhängen vom Lager . Alles - alles vergebens ! - Wirrer und wirrer wurden Vorstellungen , Gedanken , bis ich endlich in jenes Delirium fiel , das kein Schlaf , sondern ein Kampf zwischen Schlafen und Wachen zu nennen , wie Moritz , Davidson , Nudow , Tiedemann , Wienholt , Reil , Schubert , Kluge und andere physiologische Schriftsteller , die über Schlaf und Traum geschrieben und die ich nicht gelesen , mit Recht behaupten . Die helle Sonne schien in des Meisters Zimmer hinein , als ich aus diesem Delirium , aus diesem Kampf zwischen Schlafen und Wachen , wirklich zum klaren Bewußtsein erwachte . Aber welch ein Bewußtsein , welch ein Erwachen ! - O Katerjüngling , der du dieses liesest , spitze die Ohren und lies aufmerksam , daß dir die Moral nicht entwische ! - Nimm dir zu Herzen , was ich über einen Zustand sage , dessen unnennbare Trostlosigkeit ich dir nur mit schwachen Farben schildern kann . - Nimm dir diesen Zustand , wiederhole ich , zu Herzen und dich selbst möglich in acht , wenn du zum erstenmal in einer Katzburschengesellschaft Katzpunsch genießest . Nippe mäßig und berufe dich , will man das nicht leiden , auf mich und meine Erfahrung , der Kater Murr sei deine Autorität , die jeder , hoff ' ich , anerkennen und gelten lassen wird . Nun also ! - Was zuvörderst mein physisches Befinden betrifft , so fühlte ich mich nicht allein matt und elend , sondern was mir ganz besondere Qualen schuf , war ein gewisser kecker abnormer Anspruch des Magens , der eben seiner Abnormität halber nicht durchzusetzen war und nur einen unnützen Rumor im Innern verursachte , an dem sogar die affizierten Ganglien teilnahmen , die in ewigem physischem Wollen und Nichtvermögen krankhaft zitterten und bebten . - Es war ein heilloser Zustand ! - Aber beinahe noch empfindlicher war die psychische Affektion . Mit der bittern Reue und Zerknirschung eines Gestern halber , das ich doch eigentlich gar nicht für tadelnswert achten konnte , kam eine trostlose Gleichgültigkeit in meine Seele gegen alles irdische Wohl ! - Ich verachtete alle Güter der Erde , alle Gaben der Natur , Weisheit , Verstand , Witz u.s.w. Die größten Philosophen , die geistreichsten Dichter galten mir nicht höher als Lumpenpuppen , sogenannte Hansemänner , und was das ärgste war , auf mich selbst dehnte sich jene Verachtung aus , und ich glaubte zu erkennen , daß ich nichts sei als ein ganz gewöhnlicher miserabler Mausekatz ! - Niederschlagenderes gibt es nicht ! Der Gedanke , daß ich in dem größten Jammer befangen , daß die ganze irdische Erde überhaupt ein Jammertal sei , vernichtete mich in namenlosen Schmerz . - Ich kniff die Augen zu und weinte sehr ! - » Du hast geschwärmt , Murr , und nun ist dir miserabel zumute ? - Ja , ja , so geht ' s ! - Nun schlaf ' nur aus , alter Junge , dann wird ' s besser werden ! « - So rief der Meister mir zu , als ich das Frühstück stehen ließ und einige Schmerzenstöne von mir gab . Der Meister ! - o Gott , er wußte nicht , er kannte nicht meine Leiden !