sich meinem kindischen Gemüte unverlöschlich einprägten . In dieser Nacht sah ich meine Mutter zum letzten Male . Nachher erinnere ich mich wieder auf nichts , als Berge und Wälder , große Haufen von Soldaten und blitzenden Reitern , die mit klingendem Spiele über Brücken zogen , unbekannte Täler und Gegenden , die wie ein Schattenspiel schnell an meiner Seele vorüberflogen . Als ich mich endlich zum ersten Male mit Besinnung in der Welt umzuschauen anfing , befand ich mich allein mit dir in einem fremden , schönen Schloß und Garten unter fremden Leuten . Es war , wie du weißt , unser Vormund , und das Schloß , obschon unser Eigentum , doch nicht unser Geburtsort . Wir beide sind am Rheine geboren . - Es mochte mir hier bald nicht behagen . Besonders stach mir gegen das niemals in meiner Erinnerung erloschene Bild meiner Mutter , die ernst , hoch und schlank war , die neue , kleine , wirtschaftliche und dickliche Mutter zu sehr ab . Ich wollte ihr niemals die Hand küssen . Ich mußte viel sitzen und lernen , aber ich konnte nichts erlernen , besonders keine fremde Sprache . Am wenigsten aber wollte mir das sogenannte gewisse Etwas in Gesellschaften anpassen , wobei ich mich denn immer sehr schlecht und zu allgemeiner Unzufriedenheit präsentierte . Mir war dabei das Verstellen und das zierliche Niedlichtun der Vormünderin und des Hofmeisters unbegreiflich , die immer auf einmal ganz andere Leute waren , wenn Gäste kamen . Ja , ich erinnere mich , daß ich den letztern einige Male , wenn er so außer dem gewöhnlichen Wege besonders klug sprach , hinten am Rocke zupfte und laut auflachte , worauf ich denn jedesmal mit drohenden Blicken aus dem Zimmer verwiesen wurde . Mit Prügeln war bei mir nichts auszurichten , denn ich verteidigte mich bis zum Tode gegen den Hofmeister und jedermann , der mich schlagen wollte . So kam es denn endlich , daß ich bei jeder Gelegenheit hintenangesetzt wurde . Man hielt mich für einen trübseligen Einfaltspinsel , von dem weder etwas zu hoffen noch zu fürchten sei . Ich wurde dadurch nur noch immer tiefsinniger und einsamer und träumte unaufhörlich von einer geheimen Verschwörung aller gegen mich , selbst dich nicht ausgenommen , weil du mit den meisten im Hause gut standest . Ein einziges liebes Bild ging in dieser dunklen , schwerer Träume vollen Zeit an mir vorüber . Es war die kleine Angelina , die Tochter eines verwandten italienischen Marchese , der sich auch vor den Unruhen in Italien zu uns geflüchtet hatte und lange Zeit dort blieb . Du wirst dich des lieblichen , wunderschönen Kindes erinnern , wie sie von uns Deutsch lernte und so schöne , welsche Lieder wußte . Ich hatte damals Tag und Nacht keine Seelenruh vor diesem schönen Bilde . Inzwischen glaubte ich zu bemerken , daß sie überall dich mehr begünstigte , als mich ; ich war ihr zu wild , sie schien sich vor mir zu fürchten . Mein alter Argwohn , Haß und Bangigkeit nahm täglich zu , ich saß , wie in mir selbst gefangen , bis endlich ein seltsamer Umstand alle die Engel und Teufel , die damals noch dunkel in mir rangen , auf einmal losmachte . Ich war nämlich eines Abends eben mit Angelina im Garten an dem eisernen Gitter , durch das man auf die Straße hinaussah . Angelina stand am Springbrunnen und spielte mit den goldenen Kugeln , welche die Wasserkunst glänzend auf- und niederwarf . Da kam eine alte Zigeunerin am Gitter vorbei und verlangte , als sie uns drinnen erblickte , auf die gewöhnliche ungestüme Art , uns zu prophezeien . Ich streckte sogleich meine Hand hinaus . Sie las lange Zeit darin . Währenddes ritt ein junger Mensch , der ein Reisender schien , draußen die Straße vorbei und grüßte uns höflich . Die Zigeunerin sah erstaunt mich , Angelina und den vorüberziehenden Fremden wechselseitig an , endlich sagte sie , auf uns und ihn deutend : Eines von euch dreien wird den andern ermorden . - Ich blickte dem Reiter scharf nach , er sah sich noch einmal um , und ich erkannte erschrocken und zornig sogleich das Gesicht desselben unbekannten Knaben wieder , der uns bei unsrem Auszuge aus der Heimat an dem Feuer so verhöhnt hatte . - Die Zigeunerin war unterdes verschwunden , Angelina furchtsam fortgelaufen , und ich blieb allein in dem großen , dämmernden Garten und glaubte fest , nun als Mörder auch sogar von Gott verlassen zu sein ; niemals fühlte ich mich so finster und leer . In der Nacht konnt ich nicht schlafen , ich stand auf und zog mich völlig an . Es war alles still , nur die Wetterhähne knarrten im Hofe , der Mond schien sehr hell . Du schliefst still neben mir , das Gebetbuch lag noch halb aufgeschlagen bei dir , ich wußte nicht , wie du so ruhig sein könntest . Ich küßte dich auf den Mund , ging dann schnell aus dem Hause , durch den Garten , und kehrte niemals mehr wieder . Von nun an geht mein Leben rasch , bunt , ungenügsam , wechselnd , und in allem Wechsel doch unbefriedigt . Ich will nur einige Augenblicke herausheben , die mich , wie einsam erleuchtete Berggipfel über dem dunkelwühlenden Gewirre , noch immer von weitem ansehn . Als ich zu Ende jener Nacht die letzte Höhe erreicht hatte , ging eben die Sonne prächtig auf . Die Gegend unten , so weit die Blicke reichten , war mit bunten Zelten , unermeßlich blitzenden Reihen , und Lust und Schallen überdeckt . Einzelne bunte Reiter flogen in allen Richtungen über den grünen Anger , einzelne Schüsse fielen bis in die tiefste Ferne hin und her im Walde . Ich stand wie eingewurzelt vor Lust bei dem Anblick . Ich glaubte es nun auf einmal gefunden zu haben , was mir fehlte und was ich eigentlich wollte