lügenhaften Fabelwelt . Keiner als er vermochte die buhlerische Üppigkeit der weiblichen Gestalten so wahrhaft darzustellen , indem er von lebenden Modellen die Karnation , von den alten Marmorbildern aber Form und Bildung entnahm . Statt wie sonst in den Kirchen und Klöstern sich an den herrlichen Bildern der alten frommen Meister zu erbauen und sie mit künstlerischer Andacht aufzunehmen in sein Inneres , zeichnete er emsig die Gestalten der lügnerischen Heidengötter nach . Von keiner Gestalt war er aber so ganz und gar durchdrungen , als von einem berühmten Venusbilde , das er stets in Gedanken trug . Das Jahrgehalt , was Zenobio dem Bruder ausgesetzt hatte , blieb einmal länger als gewöhnlich aus , und so kam es , daß Francesko bei seinem wilden Leben , das ihm allen Verdienst schnell hinwegraffte und das er doch nicht lassen wollte , in arge Geldnot geriet . Da gedachte er , daß vor langer Zeit ihm ein Kapuzinerkloster aufgetragen hatte , für einen hohen Preis das Bild der heiligen Rosalia zu malen , und er beschloß , das Werk , das er aus Abscheu gegen alle christliche Heiligen nicht unternehmen wollte , nun schnell zu vollenden , um das Geld zu erhalten . Er gedachte die Heilige nackt und in Form und Bildung des Gesichts jenem Venusbilde gleich darzustellen . Der Entwurf geriet über die Maßen wohl , und die freveligen Jünglinge priesen hoch Franceskos verruchten Einfall , den frommen Mönchen statt der christlichen Heiligen ein heidnisches Götzenbild in die Kirche zu stellen . Aber wie Francesko zu malen begann , siehe , da gestaltete sich alles anders , als er es in Sinn und Gedanken getragen , und ein mächtigerer Geist überwältigte den Geist der schnöden Lüge , der ihn beherrscht hatte . Das Gesicht eines Engels aus dem hohen Himmelreiche fing an , aus düstern Nebeln hervor zu dämmern ; aber als wie von scheuer Angst , das Heilige zu verletzen und dann dem Strafgericht des Herrn zu erliegen , ergriffen , wagte Francesko nicht , das Gesicht zu vollenden , und um den nackt gezeichneten Körper legten in anmutigen Falten sich züchtige Gewänder , ein dunkelrotes Kleid und ein azurblauer Mantel . Die Kapuzinermönche hatten in dem Schreiben an den Maler Francesko nur des Bildes der heiligen Rosalia gedacht , ohne weiter zu bestimmen , ob dabei nicht eine denkwürdige Geschichte ihres Lebens der Vorwurf des Malers sein solle , und ebendaher hatte Francesko auch nur in der Mitte des Blatts die Gestalt der Heiligen entworfen ; aber nun malte er , vom Geiste getrieben , allerlei Figuren rings umher , die sich wunderbarlich zusammenfügten , um das Martyrium der Heiligen darzustellen . Francesko war in sein Bild ganz und gar versunken , oder vielmehr das Bild war selbst der mächtige Geist worden , der ihn mit starken Armen umfaßte und emporhielt über das frevelige Weltleben , das er bisher getrieben . Nicht zu vollenden vermochte er aber das Gesicht der Heiligen , und das wurde ihm zu einer höllischen Qual , die wie mit spitzen Stacheln in sein inneres Gemüt bohrte . Er gedachte nicht mehr des Venusbildes , wohl aber war es ihm , als sähe er den alten Meister Leonardo , der ihn anblickte mit kläglicher Gebärde und ganz ängstlich und schmerzlich sprach : » Ach , ich wollte dir wohl helfen , aber ich darf es nicht , du mußt erst entsagen allem sündhaften Streben und in tiefer Reue und Demut die Fürbitte der Heiligen erflehen , gegen die du gefrevelt hast . « - Die Jünglinge , welche Francesko so lange geflohen , suchten ihn auf in seiner Werkstatt und fanden ihn wie einen ohnmächtigen Kranken ausgestreckt auf seinem Lager liegen . Da aber Francesko ihnen seine Not klagte , wie er , als habe ein böser Geist seine Kraft gebrochen , nicht das Bild der heiligen Rosalia fertig zu machen vermöge , da lachten sie alle auf und sprachen : » Ei mein Bruder , wie bist du denn mit einemmal so krank worden ? - Laßt uns dem Äskulap und der freundlichen Hygeia ein Weinopfer bringen , damit jener Schwache dort genese ! « Es wurde Syrakuser Wein gebracht , womit die Jünglinge die Trinkschalen füllten und , vor dem unvollendeten Bilde den heidnischen Göttern Libationen darbringend , ausgossen . Aber als sie dann wacker zu zechen begannen und dem Francesko Wein darboten , da wollte dieser nicht trinken und nicht teilnehmen an dem Gelage der wilden Brüder , unerachtet sie Frau Venus hochleben ließen ! Da sprach einer unter ihnen : » Der törichte Maler da ist wohl wirklich in seinen Gedanken und Gliedmaßen krank , und ich muß nur einen Doktor herbeiholen . « Er warf seinen Mantel um , steckte seinen Stoßdegen an und schritt zur Türe hinaus . Es hatte aber nur wenige Augenblicke gedauert , als er wieder hereintrat und sagte : » Ei seht doch nur , ich bin ja selbst schon der Arzt , der jenen Siechling dort heilen will . « Der Jüngling , der gewiß einem alten Arzt in Gang und Stellung recht ähnlich zu sein begehrte , trippelte mit gekrümmten Knien einher und hatte sein jugendliches Gesicht seltsamlich in Runzeln und Falten verzogen , so daß er anzusehen war wie ein alter , recht häßlicher Mann , und die Jünglinge sehr lachten und riefen : » Ei seht doch , was der Doktor für gelehrte Gesichter zu schneiden vermag ! « Der Doktor näherte sich dem kranken Francesko und sprach mit rauher Stimme und verhöhnendem Ton : » Ei , du armer Geselle , ich muß dich wohl aufrichten aus trübseliger Ohnmacht ! - Ei , du erbärmlicher Geselle , wie siehst du doch so blaß und krank aus , der Frau Venus wirst du so nicht gefallen ! - Kann sein , daß Donna Rosalia sich deiner annehmen wird , wenn du gesundet ! - Du ohnmächtiger Geselle , nippe von meiner Wunderarzenei . Da du Heilige malen willst