übergab , die er in ' s Haus seiner Verwandten brachte , nicht einem Marcius Alpinus in die Arme führen ; sey sie übrigens , wer sie wolle ! Ihr Geschick beunruhigt mich . Ich kann den Gedanken , den ich einmal von ihr gefaßt habe , nicht aufgeben , und jetzt , da sie auf ' s Neue für mich verloren scheint , wird er mir wahrscheinlicher als jemals . Wahrlich , es hätte dieses Zusatzes nicht bedurft , um meine Lage höchst unangenehm zu machen . Indessen soll nichts mein Bewußtseyn erschüttern . Ich weiß , was ich zu thun habe - ob es schwer oder leicht sey , darf ich nicht fragen - es muß geschehen ! Jeder , der in dieser Zeit sich als Christen bekennt , hat einen viel härteren Stand , als die längstbekannten Glaubensgenossen . Man sieht ihn gleichsam als einen trotzigen Rebellen , als einen offenbaren Verächter des kaiserlichen Gebotes an . So geht es mir - so würde es Constantin gehen , der auch in diesen entscheidenden Augenblicken dem Augustus seine wahre Gesinnung entdecken müßte , wäre er nicht der Sohn des Cäsars . Mißtrauen und Haß umlauert uns von allen Seiten , selbst die Briefe sind nicht sicher . Solltest du lange keinen erhalten , so denke , daß es mir unmöglich war zu schreiben , oder das Geschriebene sicher abzusenden . Leb ' wohl ! 68. Theophania an Junia Marcella . Nikomedien , im Februar 303 . Seit zwei Wochen bin ich hier , eine Viertelstunde von Nikomedien entfernt . Von dem flachen Hausdache sieht mein Auge die nahe Stadt , die Giebel ihrer prächtigen Tempel , die ehrwürdigen Thürme unsrer Kirchen , von denen leider jetzt kein Laut zu uns herüber tönen darf . Linker Hand gegen das Stadtthor zu , das an ' s Meeres-Ufer führt , liegt das Quartier der kaiserlichen Leibwache . Dort wohnt Agathokles . Ich sehe den Rauch aus den Essen steigen , ich höre an stillen Abenden die kriegerische Musik herüberschallen , ich entdecke zuweilen schimmernde Schaaren , die durch die Thore ein- und ausziehen . Wie manches Mal mag Er an ihrer Spitze gewesen seyn ! Das schärfste Auge könnte in dieser Entfernung keine Gestalt unterscheiden , aber der Gedanke daran erschüttert mein Innerstes , und macht jede Nerve beben . Unter den Frauen , mit denen ich lebe , ist die Wittwe eines Freigelassenen aus dem Pisonischen Hause . Verschiedene Schicksale haben sie von Rom hierher geführt , aber ihre Tochter Drusilla blieb aus Anhänglichkeit freiwillig in Calpurniens Diensten . Das junge Mädchen , auch eine Christin , besucht ihre Mutter zuweilen . O meine Junia ! Was erzählt uns das Mädchen öfters von der Güte und Freundlichkeit ihrer Gebieterin , von dem wenigen Credit , in dem das männliche Geschlecht bei ihr steht , und daß sie nur höchstens Einen , einen Offizier der Leibwache , den sie schon in Rom gekannt , und nicht ungern gesehen habe , von der allgemeinen Verdammung ausnehme . Dann beschreibt sie uns manche kleine Unterhaltung , manches trauliche Symposion1 , wobei der geschätzte Freund nicht fehlen darf . So bekamen wir die Schilderung eines Festes , das Calpurnia ihrem ruhmbekleideten Geliebten zu Ehren gab . Das Fest muß unausbleiblich einen gewaltsamen Eindruck auf sein Herz gemacht haben , oder er müßte unempfindlich gegen so mächtige Reize , und mehr als demüthig , er müßte blind gegen seinen Werth seyn . Drusilla hatte selbst eine Rolle dabei , und sie mag sie ganz geschickt ausgeführt haben , denn es ist ein artiges wohlgebildetes Geschöpf , dem man die bessere Erziehung ansieht . Das ist Calpurniens Werk , sagt die Mutter , sie hat sich des Mädchens wie eine ältere Schwester angenommen , und Drusilla ist ihr auch dafür mit ganzer Seele ergeben . Und so ist denn der letzte Strahl von Hoffnung verschwunden ! Calpurnia ist nicht allein höchst reizend und liebenswürdig , sie ist auch edel und schätzbar . Agathokles wird sich nicht bei näherer Kenntniß ihres Charakters kalt von ihr wenden , er wird sie immer mehr lieben , je mehr er sie kennen wird , und geistige Vorzüge werden das Band unauflöslich machen , das körperlicher Reiz und schmeichelndes Betragen um sein Herz warf . Und darüber traure ich ? Es schmerzt mich , daß Calpurnia gut ist ? Ich hätte mich freuen können , daß eine Person , die mich nie mit Willen beleidigt hatte , unedler Gesinnungen fähig gewesen wäre ? Mich beeinträchtigt das Gute , was ein dankbares Gemüth von ihr erzählt ? O Neid und Eifersucht , ihr Geburten der Eitelkeit und Selbstsucht ! So muß auch ich euren giftigen Einfluß fühlen ! So ist denn die Tugend , auf die ich stolz seyn zu dürfen glaubte , nichts als Heuchelei , oder Schein gewesen , der vor einer ernsten Probe entflieht ! O Junia ! Wie gebrechlich ist das menschliche Herz ! Welche Hoffnung bliebe ihm auf Verzeihung und Gnade , wenn es nicht mit zitterndem Vertrauen zu dem väterlichen Erbarmen Gottes flüchten könnte ! Diese Stimmung darf nicht bleiben , sie ist nicht menschlich gut , viel weniger einer Christin würdig . Wo meine Kraft nicht ausreicht , halte mich ein stärkerer Arm . Heliodor kömmt morgen von einer kleinen Reise zurück . So viel Ueberwindung es mich kosten mag , so wenig Schonung ich von diesem strengen Richter hoffen darf , so enthülle ihm doch ein offenherziges Geständniß den Zustand meiner Seele , und seine ernste Tugend zeige mir den Weg , auf dem ich mich wieder erheben , und Selbstachtung gewinnen kann . Einige Tage später . Ich bin viel ruhiger in meinem Innern . Leicht war diese Stille nicht erworben , doch ich hoffe , sie soll dauerhaft seyn . Heliodors Strenge hat mich gebeugt , vernichtet . Aber wie die Pflanze nach dem schweren Gewitterregen sich am Strahl der Abendsonne aufrichtet , so richtet sich auch mein Geist durch versöhnende