Breit und hell fiel ein Strahl der Frühlingssonne durch das verstaubte Bogenfenster einer Dorfkirche . Er durchschnitt als warmer , glänzender Streifen die graue Dämmerung und verlor sich hinter weißem Gitter in den schattig-feuchten Tiefen des Pfarrstuhles , den mehrere festlich gekleidete Herren und Damen besetzt hatten . Mitten in der Lichtbahn stand die Konfirmandin vor dem Altar . Das kleine Kreuz auf ihrer Brust glühte gleich einem überirdischen Symbol , und wie ein Kranz weltlicher Herrlichkeit flimmerte , von tausend Goldfunken durchsprüht , das braune Haar über dem rosenroten , thränenbethauten , feierlichen Kindergesicht . Sie stand ganz allein an dem heiligen Orte , durchschauert von der Bedeutung des Augenblickes — bangend , das Gelübde auszusprechen , das auf ihren Lippen schwebte und sie für ein Leben der Wahrheit und der Heiligung unwiderruflich verpflichten sollte . Hinter ihr , zwischen den schmalen Holzbänken , hörte sie das Gepolter einiger niederknieender Tagelöhnerkinder , die bereits die Einsegnung empfangen hatten . Agathe wünschte plötzlich mit krankhafter Heftigkeit unter den peinlich glattgekämmten und rotgeseiften Köpfen , den ungeschickten Gestalten dort sich verbergen , sich an der Gemeinschaft mit ihnen stärken zu können . Ihr Herz wollte sein Schlagen aussetzten , eine Furcht ergriff sie , ein Schwindel , indem sie auf die Knie sank und den Kopf mit dem Gefühl neigte , es müsse in der nächsten Minute ihr Dasein , das froh empfundene Dasein gegen einen Zustand von fremder Schauerlichkeit , voll erhabener Schmerzen und beklemmender Wonnen eingetauscht werden . Über sich hörte Agathe die sanfte , ernst-feierliche Stimme des Geistlichen die Frage an sie richten : ob sie dem Teufel , der Welt und allen ihren Lüsten entsagen , ob sie Christo angehören und ihm folgen wolle . In süßer Schwermut hauchte sie “ ja , ” fühlte die Berührung der segnenden Hände auf ihrem Haupte und versuchte mit gewaltsamer Anstrengung alle ihre Sinne einzutauchen in die Anbetung der ewigen Gottheit — des Herrn , der über ihr schwebte . Aber sie vernahm das Rauschen ihres eigenen seidenen Kleides , ein gerührtes Flüstern und unterdrücktes Schluchzen drang aus dem Pfarrstuhl , wo ihre Eltern saßen , zu ihren Ohren , sie hörte ein Gesangbuch irgendwo polternd zur Erde fallen und eine gemurmelte Entschuldigung — sie lauschte auf die falschen Töne , die der Küster bei seiner leisen Orgelbegleitung griff — sie mußte an ein Buch denken , an eine anstößige Stelle , die sie verfolgte . . Thränen quollen unter ihren gesenkten Lidern hervor , krampfhaft falteten sich ihre Hände , auf den schwarzen Handschuhen sah sie die Thränentropfen nasse Flecke bilden — sie konnte nicht beten . . . Nicht in dieser Stunde ? Nicht während weniger Sekunden konnte sie Gott allein angehören ? Und sie hatte geschworen , für ihr ganzes Leben dem Irdischen abzusagen ! Sie hatte einen Meineid geleistet — eine untilgbare Sünde begangen ! Mein Gott , mein Gott , welche Angst . Versuchte der Teufel sie ? Es gab doch einen Teufel . Sie fühlte ganz deutlich , wie er in ihrer Nähe war und sich freute , daß sie nicht beten konnte . Lieber Gott , verlaß mich doch nicht ! — Vielleicht kam die Prüfung über sie , weil sie in der Beichte , die sie hatte niederschreiben und dem Geistlichen überreichen müssen , nicht aufrichtig gewesen . . Hätte sie sich so entsetzlich demütigen sollen . . das bekennen ? Nein — nein — nein — das war ganz unmöglich . Lieber in die Hölle ! Der Schweiß brach ihr aus , so peinigte sie die Scham . Das konnte sie doch nicht aufschreiben . Tausendmal lieber in die Hölle ! . . . Jetzt nicht daran denken . . . Nur nicht denken . Wie war es denn anzustellen , um Macht über das Denken zu bekommen ? Sie dachte doch immer . . Alles war so geheimnißvoll schrecklich bei diesem christlichen Glaubensleben . Sie wollte es ja annehmen . . Und sie hatte ja auch gelobt — nun mußte sie — da half ihr nichts mehr ! Mit einem unerträglichen Zittern in den Knieen begab das Mädchen sich an ihren Platz zurück . Der Gesang der Gemeinde und das Spiel der Orgel schwollen stärker an , während der Geistliche die Vorbereitungen zum Abendmahl traf , aus der schöngeformten Kanne Wein in den silbernen Kelch goß und das gestickte Leinentuch von dem Teller mit den heiligen Oblaten hob . Das Licht der hohen Wachskerzen flackerte unruhig . Agathe schloß geblendet die Augen vor dem hellen Sonnenschein , der die Kirche durchströmte , und in dem Milliarden Staubatome wirbelten . War die Himmelssonne nur dazu da , alles Verborgene zu schrecklicher Klarheit zu bringen ? In stumpfem Erstaunen hörte sie neben sich zwei ihrer Mitkonfirmandinnen leise flüstern — flachsköpfige Mädchen , die einen Duft von schlechter Pomade um sich verbreiteten . “ Wiesing — wo is dien Modder ? ” “ Sei möt uns ' lütt Kalf börnen . ” “ Ju ! Hewet et ji all ? dat ' s fin ! Dat kunnst mi ok gliek vertellen ! ” “ Klock Twelf hat ' s de Bleß bracht . Wie sünd all die Nacht in ' n Stall west ! ” Wie konnte man über so etwas in der Kirche reden , dachte Agathe . Ein Zug hochmütiger Mißachtung bewegte ihre Mundwinkel . Sie wurde ruhiger , sicherer im Gefühl ihres heißen Wollens . Eine Müdigkeit — eine Art von seliger Ermattung beschlich sie bei dem Gesange jenes alten mystischen Abendmahlsliedes : Freue Dich , o liebe Seele , Laß die dunkle Sündenhöhle , Komm ans helle Licht gegangen , Fange herrlich an zu prangen . Denn der Herr voll Heil und Gnaden , Will dich jetzt zu Gaste laden , Der den Himmel kann verwalten Will jetzt Zwiesprach ' mit dir halten . Eile , wie Verlobte pflegen , Deinem Bräutigam entgegen , Der da mit dem Gnadenhammer Klopft an deines Herzens Kammer . Öffn ' ihm deines