Die Buchenwipfel schauerten im Morgenwind . Aus den schattigen Gründen stieg eine scharfe Kühle , ein feuchter Tauatem des jungen Gekräutes empor , und schwankend zitterten die beperlten Sträucher unter dem Sprühregen der stürzenden Wasser . Im brausenden Übermut der schneegenährten Frühlingswildheit sprang der Bergbach weißschäumend die Felsenwand hinab und übersprudelte im Grunde das glattgewaschene Gestein . Der alte Herr von Kosegarten schlug den Kragen seiner Joppe in die Höhe , nahm den Stock unter den Arm und vergrub die Hände in den Taschen , weil es ihn fror , trotzdem die Sonne über den Bergen glitzerte . Neben ihm stand der Förster , das dicke Notizbuch in der Faust , machte sich mit dem kurzen Bleistiftstummel Notizen . Aus dem Wald an der Lehne klang der Axthieb der Holzfäller . » Aufgeforstet mußte doch mal werden , « brummte der Beamte in den Schnauzbart , der ihm taugenäßt an den Mundwinkeln niederhing . » Na , also , das sag ich auch . – Warum schließlich das Lamento ? Donnerschockschwerenot , was sein muß , muß sein ! « schimpfte der alte Herr . » Hundertjährig können die Bäume freilich nicht gleich wieder werden . « » Das stimmt , « murrte der Förster verdrießlich . Die beiden Männer schritten durch die Säulenhalle der grausilbernen Stämme , von denen jeder einzelne ihnen ein guter Bekannter war . Sie alle trugen das rote Merkzeichen des Forstbeamten , das sie dem Tod weihte : die Riesen , die mächtig zur Höhe wuchsen , mit ruhiger Majestät die weitgreifenden Kronen tragend . Aus dem Walde auf eine vorgeschobene Felsenplatte tretend , stützte Herr von Kosegarten sich auf seinen Stock und starrte in das unbändige Tosen des weißen Gischtes . Mit Dröhnen und Donnern betäubte ihm der Gesang des Falles das Hirn und nahm alle die sorgenden Gedanken daraus fort , mit denen er sonst schlafen ging und wieder aufstand und aß und trank und durch seinen Wald und seine Fluren stapfte . Ein wohlig dumpfes Schauen des ewig Quellenden , ewig Strömenden , ewig sich Erneuernden und sich wieder Verschwendenden war es , das statt des bohrenden , unfruchtbaren Grübelns von seinem Geist Besitz ergriff und ihn lange in seinen großen , stillen Bann zog . Der Förster an seiner Seite sagte zuweilen gelassen : » Ja , ja , so is es ... « Aber auch diese philosophische Bemerkung verklang im Rauschen der Wasser . Auf dem Felsen stand einzeln eine Buche ; im unaufhörlichen Schwanken und Beben ihrer Zweige war sie erwachsen , lang und mühselig mußten ihre Wurzeln sich strecken , um , die Felsenplatte umwindend , zu fruchtbarem Erdreich zu gelangen . Ihr Leben war ein unerhörter Kampf gewesen . Gegen eine Unmöglichkeit , zu bestehen , hatte sie sich zähe durchgetrotzt ; nun war sie stark und stolz in junger Schöne . » Die bleibt stehen , « sagte Herr von Kosegarten und klopfte mit dem Stock gegen ihren Stamm . » Ich habe es meiner Frau versprochen . Na ja – item – « Er trat näher . Die glatte Rinde trug ein borkiges Mal , ursprünglich war es ein Herz gewesen , das zwei Buchstaben umschloß . Ein F und ein M konnte man noch ungefähr entziffern . Die Zahl darunter bedeutete einen Zeitabschnitt von elf Jahren . Der Förster steckte sein Buch in die Tasche . » Also die bleibt stehen , « wiedelholte er . » Dachte mir ' s schon . – Soll ich die Auktion noch mal im Blättchen anzeigen ? « » Ist wohl kaum nötig – die Hauptreflektanten wissen ja Bescheid . Kostet alles Geld , Schwarze – . Na , und wir brauchen die Leute nicht noch aufmerksam zu machen , wenn ich von meinem Wald was runterschlagen lasse . « » Dann guten Morgen , Herr von Kosegarten ! « » Morgen , Schwarze ! « Kosegarten faßte mit der Hand an die Mütze . Der Förster blieb zögernd stehen . » Haben Herr von Kosegarten schon die Geschichte von Debberitzen gehört ? « » Debberitz ? Welcher Debberitz ? – Das Luder , das ich damals fortgejagt habe ? « » Nee , der nich . Der soll tot sein . Der Sohn ist es . Thete ... Herr von Kosegarten müssen ihn doch noch kennen . Er strolchte doch immer mit dem Herrn Fritz herum . « » Natürlich – nun besinne ich mich . Thete ! So ' n strohköpfiger , rotznasiger Bengel . Was is denn mit dem ? « » Soll zu Gelde gekommen sein . Die Leute reden , er will sich hier ankaufen . « » Nee , Schwarze , was Sie sagen ? ... Will sich hier ankaufen ? Is ja woll nich möglich ! « Der Förster spuckte aus als Zeichen seines Mißvergnügens . » Ich hörte gestern , er wäre in Schäfers Gasthof abgestiegen . Tritt mächtig großspurig auf , traktiert seine alten Schulfreunde mit Bier und Zigarren . Was weiß ich , ich bin nicht dabei gewesen . « » So – so – der will sich hier ankaufen – na ja . Schwarze , erstaunen tut mich nichts mehr . Das Leben ist nun mal putzwunderlich . « » Ja , Herr von Kosegarten , das is es . Das is es wahrhaftig . So en Kerl – so en Schindluder – und macht sich hier mausig . – Wenn dem sein Vater nicht ins Zuchthaus kam , hat er ' s doch nur Ihrer Güte zu verdanken . Morgen , Herr von Rosegarten ! « Der Förster stieg hinauf zu den Arbeitern . Kosegarten stand in Gedanken . ... Debberitz , Thete Debberitz – und will sich ankaufen ! Er sah in seiner Erinnerung den breitschultrigen Bengel und den pfiffigen Blick seiner kleinen , grauen Augen , und neben ihm sah er einen gertenschlanken Jungen mit blitzschneller Beweglichkeit der feinen Glieder und des hübschen Kopfes ... Ein Stöhnen ging aus der Brust des alten