Der heiße Sommertag neigte sich seinem Ende entgegen . Die Sonne war bereits gesunken , nur das Abendrot weilte noch am Horizont und warf seinen glühenden Schimmer über das Meer hin , das ruhig , kaum von einem Hauche bewegt , den letzten Abglanz des scheidenden Tages empfing . Am Strande des Badeortes C. , etwas abseits von der großen Strandpromenade , wo sich , wie gewöhnlich um diese Stunde , das bunte und glänzende Gewühl der Badegäste entfaltete , lag ein einfaches Landhaus . Es zeichnete sich vor den andern , meist viel größeren und prächtigeren Häusern und Villen des Ortes nur durch die Schönheit seiner Lage aus , denn seine Fenster boten eine unbegrenzte Aussicht über das Meer hin . Sonst stand es ziemlich einsam und abgeschlossen da und konnte wohl nur von solchen Gästen bevorzugt werden , die das geräuschvolle Badeleben von C. eher mieden als aufsuchten . In der geöffneten Glasthür , welche auf den Balkon hinaus führte , stand eine Dame in Trauerkleidung . Sie war von hoher , stolzer Gestalt und konnte noch für schön gelten , obwohl sie den Höhepunkt des Lebens bereits erreicht hatte . Dieses Gesicht mit seinen fest und regelmäßig gezeichneten Linien hatte wohl niemals den Reiz der Anmut und Lieblichkeit besessen , aber ebendeshalb hatten die Jahre ihm auch nichts von seiner kalten , strengen Schönheit nehmen können , die sich noch jetzt siegreich behauptete . Das tiefe Schwarz des Anzuges , der Kreppschleier über der Stirn deuteten auf einen schweren , wohl erst kürzlich erlittenen Verlust , aber man suchte vergebens eine Spur vergossener Thränen in diesen Augen , einen Schimmer von Weichheit in den energischen Zügen . War ein Schmerz dieser Frau wirklich nahe getreten , so war er entweder nicht allzu tief gefühlt worden , oder bereits überwunden . An der Seite der Trauernden stand ein Herr , gleichfalls von vornehmem Aeußeren . Er mochte in Wirklichkeit nur einige Jahre älter als seine Nachbarin sein , und doch hatte es den Anschein , als läge mehr als ein Jahrzehnt zwischen ihnen , denn an ihm waren die Zeit und das Leben nicht so spurlos vorübergegangen . Der ernste , charaktervolle Kopf mit den scharf und tief ausgeprägten Zügen schien schon manchen Sturm durchlebt zu haben ; das dunkle Haar war schon hier und da ergraut ; in die Stirn grub sich Falte an Falte , und der Blick hatte etwas Düsteres , Schwermütiges , das sich dem ganzen Antlitz des Mannes mitteilte . Er hatte bisher mit angestrengter Aufmerksamkeit auf das Meer hinausgeblickt und wendete sich jetzt mit einer Bewegung der Ungeduld ab . » Noch immer nichts zu sehen ! Sie werden schwerlich vor Sonnenuntergang zurückkehren , « » Du hättest uns von deiner Ankunft vorher benachrichtigen sollen , « sagte die Dame . » Wir erwarteten dich erst in einigen Tagen . Uebrigens ist das Boot nicht eher zu erblicken , bis es den waldigen Vorsprung dort umsegelt , und dann ist es auch in wenigen Minuten hier , « Sie trat in das Zimmer zurück und wandte sich zu einem Diener , der im Begriff war , mehrere Reiseeffekten in eins der anstoßenden Gemächer zu tragen . » Geh hinunter nach dem Strande , Pawlick ! « befahl sie , » und sobald das Boot der jungen Herrschaften landet , benachrichtige sie , daß der Herr Graf Morynski eingetroffen ist . « Der Diener entfernte sich , dem erhaltenen Befehle gemäß . Auch Graf Morynski gab seinen Ausblick vom Balkon auf und trat in das Zimmer , wo er an der Seite der Dame Platz nahm , » Verzeih die Ungeduld ! « , sagte er . » Das Wiedersehen der Schwester sollte mir vorläufig wohl genug sein , aber ich habe mein Kind ja seit einem Jahre nicht gesehen , « Die Dame lächelte . » Du wirst von dem › Kinde ‹ nicht mehr allzuviel erblicken . Ein Jahr bedeutet viel in solchem Alter , und Wanda verspricht schön zu werden . « » Und ihre geistige Entwicklung ? Du sprachst dich in deinen Briefen stets mit Befriedigung darüber aus . « » Gewiß ! Sie überflügelte stets ihre Aufgaben ; ich habe eher zügeln als antreiben müssen . In dieser Hinsicht blieb mir nichts zu wünschen übrig , wohl aber in einer andern . Wanda besitzt einen stark ausgeprägten Eigenwillen und weiß ihn leidenschaftlich zu behaupten . Ich habe mir bisweilen den Gehorsam erzwingen müssen , den sie sehr geneigt war , mir zu versagen . « Ein flüchtiges Lächeln erhellte das Gesicht des Vaters , als er entgegnete : » Ein eigentümlicher Vorwurf in deinem Munde ! Einen Willen haben und ihn unter allen Umständen behaupten , ist ja wohl ein hervorragender Zug deines Charakters , ein Zug unsrer Familie überhaupt . « » Der aber bei einem sechzehnjährigen Mädchen noch unter keinen Umständen zu dulden ist , denn da äußert er sich nur als Trotz und Laune , « fiel ihm die Schwester ins Wort . » Ich sage es dir im voraus , du wirst noch öfter damit zu kämpfen haben . « Es schien , als sei diese Wendung des Gespräches dem Grafen nicht besonders angenehm . » Ich weiß , daß ich mein Kind keinen besseren Händen übergeben konnte , als den deinigen , « sagte er ablenkend , » und deshalb freut es mich doppelt , daß Wanda jetzt , wo ich sie wieder zurücknehme , deine Nähe nicht ganz zu entbehren braucht . Ich glaubte nicht , daß du dich so bald nach dem Tode deines Gemahls zur Rückkehr entschließen würdest , und rechnete auf dein Verbleiben in Paris , wenigstens bis zur Vollendung von Leos Studien . « Die Dame machte eine verneinende Bewegung . » Ich bin in Paris nie heimisch geworden , trotz unsres jahrelangen Aufenthaltes dort . Das Los der Verbannten ist kein beneidenswertes , du weißt es aus eigener Erfahrung , Fürst Baratowski freilich durfte den heimatlichen Boden