Ein Held der Feder . Von E. Werner . Heft 14 Ein klarer Januartag lag über einer jener Städte des Mississippi , die noch vor zwei Jahrzehnten aus einem Dutzend roh gezimmerter Holzhäuser bestanden und sich im Laufe dieser Zeit mit dem schnellen Wachsthum der amerikanischen Ortschaften zu mächtigen , reich bevölkerten Handelsplätzen emporgeschwungen hatten . Die Mittagssonne fiel hell in die Fenster eines Landhauses , das , in einiger Entfernung von der Stadt gelegen , von einem Hügel die ganze Aussicht beherrschte , und sich durch die Pracht seiner Bauart und den Reichthum seiner Anlagen vor allen übrigen auszeichnete . In dem reich ausgestatteten Parlour , dessen Einrichtung die ganze Fülle jenes Comforts zeigte , der dem reichen Amerikaner als unerläßliches Lebensbedürfniß gilt , saß eine junge Dame in eleganter Hauskleidung am Kamin . Es war ein Mädchen von vielleicht achtzehn bis zwanzig Jahren , das im vollsten Lichte des auf- und niedersinkenden Feuers , das Haupt nachdenklich auf den Arm gestützt , der Unterhaltung ihres Gegenübers zuhörte . Das dunkle Haar umgab ein Gesicht vom reinsten Oval und jenem matten , klaren Braun , welches das Antlitz bleich erscheinen läßt , die großen dunklen Augen und die mit vollendeter Regelmäßigkeit gezeichneten Züge gaben ihm unbedingt Anspruch auf Schönheit , und dennoch fehlte etwas in diesem schönen Gesicht . Es war jener Ausdruck von Heiterkeit und Unbefangenheit , der der Jugend so selten mangelt , jener Hauch von Schüchternheit , der den achtzehn Jahren fast immer eigen ist , und vor Allem jener Zug von Weichheit , den ein Frauenantlitz fast niemals ganz , und dann niemals zu seinem Vortheil , entbehrt . Es lag ein kalter Ernst in dieser ganzen Erscheinung , eine sichere Ruhe , ein unleugbares Selbstbewußtsein , und doch schien es nicht , als hätten schwere Lebensstürme oder frühzeitige bittere Erfahrungen dem jungen Mädchen jetzt schon die Errungenschaften späterer Jahre aufgezwungen ; dazu war die Stirn noch zu klar , das Auge zu hell ; angeboren oder anerzogen mußte dieser Ernst sein , durch den ihre Schönheit an Eindruck so mächtig gewann und an Anmuth so unendlich viel verlor . Ihr gegenüber , gleichfalls im niedrigen Fauteuil , saß ein junger Mann in tadellosem Gesellschaftsanzuge . Es lag eine gewisse Aehnlichkeit in dem Aeußern der Beiden , die wohl nicht allein in der gleichen Farbe des Haares und der Augen ihren Grund hatte , sondern vielmehr in dem Ausdruck kalter Ruhe und selbstbewußten Stolzes , der Beiden in gleich hohem Maße eigen war ; nur trat bei dem Mädchen das Alles viel bedeutender und schärfer ausgeprägt hervor , während es bei dem Manne zum Theil unter einer conventionellen Glätte und Förmlichkeit verschwand , die seiner Erscheinung , trotzdem auch sie unbedingten Anspruch auf Schönheit erheben konnte , doch eine gewisse Nüchternheit gab . In lebhafter Unterhaltung mit der jungen Dame begriffen , fuhr er in der eben begonnenen Erzählung fort . „ Mein Vater hält diese europäische Reise für nothwendig zur Vollendung meiner kaufmännischen Ausbildung , und ich füge mich seinen Wünschen um so lieber , als sie mir viel Interessantes verspricht . Ich gehe zuvörderst auf einige Monate nach New-York , wo das Interesse unseres Hauses augenblicklich eine persönliche Vertretung verlangt , und von dort im März nach Europa . Ein Jahr wird gerade hinreichend sein , um England und Frankreich , auch Deutschland kennen zu lernen , und zum Schluß eine Tour durch die Schweiz und Italien zu machen , ohne die gesehen zu haben man ja nicht zurückkehren darf . Im nächsten Frühjahr hoffe ich wieder hier zu sein . “ Die junge Dame war mit augenscheinlichem Interesse dem in kurzen Zügen entworfenen Reiseplan gefolgt ; sie ließ jetzt den aufgestützten Arm sinken und blickte empor . „ In der That ein reiches Jahr , das vor Ihnen liegt , Mr. Alison ! Es wird meinem Vater leid sein , daß sein Zustand ihm nicht erlaubt , Sie noch einmal vor der Abreise zu sehen . “ „ Auch ich bedaure , daß Mr. Forest zu leidend ist , um meine Abschiedsgrüße persönlich zu empfangen . Darf ich Sie bitten , Miß , ihm dieselben in meinem Namen zu überbringen ? “ Sie neigte leicht das Haupt . „ Gewiß ! Und inzwischen nehmen Sie auch von mir die besten Wünsche für eine glückliche Reise und eine frohe Wiederkehr . “ Sie reichte ihm mit ruhiger Freundlichkeit die Hand ; es blitzte etwas auf bei dieser Berührung in dem Auge des jungen Mannes , er ergriff diese schöne kühle Hand und hielt sie fest . „ Miß Forest , darf ich eine Frage an Sie richten ? “ Ein flüchtiges Roth glitt einen Augenblick lang über die Züge der jungen Dame , aber es verschwand ebenso schnell wieder . „ Sprechen Sie , Mr. Alison ! “ Er erhob sich rasch , und ihre Hand noch immer fest in der seinigen haltend , trat er dicht an ihre Seite . „ Der Zeitpunkt ist vielleicht schlecht gewählt zu einer Erklärung ; aber ich weiß zu gut , daß Miß Forest das Ziel so vieler Bestrebungen ist , die dem Abwesenden gefährlich werden können . Verzeihen Sie deshalb , Miß , wenn ich gerade jetzt von einer Neigung zu sprechen wage , die Ihnen vielleicht kein Geheimniß mehr ist . Darf ich hoffen , daß meine Wünsche Erhörung finden und daß ich bei meiner Rückkehr diese Hand auf ’ s Neue ergreifen und festhalten darf für das Leben ? “ Er hatte in ruhiger , fast geschäftsmäßiger Art begonnen ; aber der Ton steigerte sich allmählich zur Wärme , es lag eine fast gewaltsam unterdrückte Bewegung darin , und jetzt hing sein Auge in brennender Unruhe an ihrem Antlitz , als wolle er darin die Antwort lesen . Miß Forest hatte schweigend zugehört . Keine Gluth der Ueberraschung , keine mädchenhafte Verwirrung , nicht der leiseste Wechsel in ihren Zügen verrieth , ob ihr der Antrag erwünscht oder unerwünscht kam ; erst als