Erstes Kapitel . Die Nebelschleier , die so lange und schwer auf den Bergen gelegen hatten , begannen sich zu lichten . Das feuchte Wolkenmeer , das die Landschaft ringsum einhüllte , geriet in Bewegung . Es gab ein unruhiges Wogen und Wallen , ein Kämpfen und Ringen , und endlich brach sich die Sonne siegreich Bahn durch Nebel und Wolken . Sie versanken in den Schluchten , zerflatterten auf den Höhen , und der so lang ersehnte Sonnentag stieg in vollster Klarheit über dem Hochgebirge empor . Auf einer kleinen Wiese , die rings von dunklen Tannen umgeben , inmitten des Bergwaldes lag , stand ein noch junger Mann in der Tracht der Gebirgsbewohner . Es war eine hohe , fast riesige Gestalt , der man es ansah , daß eine eiserne Kraft in ihren Muskeln und Sehnen wohnte . Das energische , ausdrucksvolle Antlitz hatte ein eigentümliches Gepräge , das zugleich anzog und abstieß . Der Ausdruck kecken Trotzes in den sonnenverbrannten Zügen paßte zwar zu der ganzen Erscheinung , die selbst in ihrer Haltung etwas Herausforderndes hatte , aber es lag zugleich etwas Finsteres , Unstetes in dem Gesicht , das nicht sympathisch berührte , und in dem Aufblitzen der dunklen Augen verriet sich eine Leidenschaftlichkeit , die wohl leicht zur Wildheit werden konnte . Der Mann stand unbeweglich , den Stutzen auf der Schulter , den Hut mit der Spielhahnfeder auf das dunkle Kraushaar gedrückt , und war offenbar stolz darauf , daß er dem städtisch gekleideten Herrn , der zeichnend vor ihm saß , als Modell diente . Der Fremde , der am Rande des Waldes auf den bemoosten Wurzeln einer Tanne Platz genommen hatte , mochte ungefähr in dem gleichen Alter sein , etwa sechs- bis siebenundzwanzig Jahre , sonst aber stand sein Äußeres im schärfsten Gegensatz zu der kraftvollen Erscheinung des Gebirgssohnes . Auf dem nicht eigentlich schönen , aber sehr anziehenden Gesicht , mit den weichen , beinahe zarten Linien , lag eine tiefe Blässe , und der Ausdruck von Müdigkeit und Abspannung darin entsprach nur zu sehr dieser krankhaften Farbe . Unter dem blonden Haar , das tief in die Stirn fiel , blickte ein Paar schöner , tiefdunkler Augen träumerisch hervor . Das Haar war feucht von den Tropfen , welche die Äste des Baumes noch zahlreich niedersandten , aber der junge Mann achtete nicht darauf , sondern zeichnete eifrig und schweigsam weiter . Diese Schweigsamkeit und das ungewohnte Stillstehen schienen den andern zu langweilen ; in seiner Stimme verriet sich einige Ungeduld , als er fragte : » Wird ' s noch lange währen mit dem Bild ? « » Ich bin sogleich fertig , « versetzte der Zeichnende mit einem letzten , flüchtigen Aufblick . » Halten Sie nur noch eine Minute aus , Adrian , dann gebe ich Sie frei . « Er vollendete mit einigen raschen Strichen die Zeichnung und ließ dann den Stift sinken . » So ! Jetzt sagen Sie mir , ob Sie sich auf dem Blatt wiedererkennen . « Adrian kam der Aufforderung nach ; er trat heran und betrachtete das vorgehaltene Blatt . » Das ist grad ' , als wenn ich in den Spiegel schau ' , « sagte er bewundernd . » Das haben Sie schön gemacht , Herr Siegbert , sehr schön ! « Siegbert schüttelte leise den Kopf , indem er auf seine Zeichnung niederblickte . » Ähnlich ist es ! Aber es fehlt etwas in dem Gesicht , ein Zug , der ihm erst das charakteristische Gepräge gibt . Ich sehe ihn ganz deutlich , aber ich kann ihn nicht bannen und festhalten . « Er schlug plötzlich die Augen auf und heftete sie voll und unverwandt auf den vor ihm Stehenden . Adrian schien das jedoch unbequem zu finden , denn er wandte den Kopf zur Seite . » Was haben Sie denn ? « fragte Siegbert unbefangen . » Ich kann ' s nicht leiden , wenn mir einer so starr in die Augen schaut , « gab Adrian halb trotzig , halb entschuldigend zur Antwort , und setzte dann rasch hinzu : » Sie wollen also ein Bild , ein wirkliches , großes Bild aus dem Blatt da machen ? « » Vielleicht ! « Es klang etwas wie trüber Zweifel in dem Tone . » Wenn ich dazu komme , es auszuführen . « » Und ich soll auf dem Bilde sein , leibhaftig , so wie ich da stehe ? « » Nein , Adrian , nicht wie Sie da stehen . Eine Figur , wie die Ihrige , setzt man nicht so ohne weiteres in eine Berglandschaft hinein . Solche Gestalten kommen nur in irgendeinem leidenschaftlichen Vorgänge zur Geltung , in einem Kampfe zum Beispiel , in einem Ringen auf Leben und Tod – « Er hielt inne , betroffen von dem jähen Auffahren Adrians . Dieser hatte mit beiden Händen den Griff seines Stutzens gefaßt , und in seinem Auge blitzte es wild und drohend auf , als er mit rauher Stimme hervorstieß : » Was soll das ? Wer hat Ihnen das gesagt ? « » Mir ? « fragte der junge Mann mit äußerster Befremdung . » Was denn ? Mir hat niemand etwas gesagt . « » Ich wollt ' es auch keinem raten ! « grollte Adrian , noch immer mit finsterer Drohung . » Aber , was meinen Sie denn eigentlich ? Welchen Sinn legen Sie meinen Worten unter ? Sie waren ganz harmlos gemeint . « Die Hände Adrians lösten sich langsam von der Waffe , und sein Blick sank zu Boden . » Nichts , gar nichts ! Ich meinte nur , Ihnen wäre das dumme Gered ' zu Ohren gekommen , das – nichts für ungut , Herr Siegbert ! Ich glaub ' es Ihnen , daß Sie mich nicht haben kränken wollen , Ihnen glaub ' ich ' s , wenn Sie es mir sagen , denn Sie lügen