Theodor Storm Veronika 1. In der Mühle 1 In der Mühle Es war zu Anfang April , am Tage vor Palmsonntag . Die milden Strahlen der schon tief stehenden Sonne beschienen das junge Grün an der Seite des Weges , der an einer Berglehne allmählich abwärts führte . Auf demselben ging in diesem Augenblick einer der angesehensten Advokaten der Stadt , ein Mann mittleren Alters , mit ruhigen , aber ausgeprägten Zügen , gemächlichen Schrittes , nur mitunter ein Wort mit dem neben ihm gehenden Schreiber wechselnd . Das Ziel ihrer Wanderung war eine unfern belegene Wassermühle , deren durch Alter und Krankheit geplagter Besitzer dieselbe seinem Sohne kontraktlich überlassen wollte . Wenige Schritte zurück folgte diesen beiden ein anderes Paar ; neben einem jungen Manne mit frischem , intelligentem Antlitz ging eine schöne , noch sehr jugendliche Frau . Er sprach zu ihr ; aber sie schien es nicht zu hören ; aus ihren dunkeln Augen blickte sie schweigend vor sich hin , als wisse sie nicht , daß jemand an ihrer Seite gehe . Als das Gehöft des Müllers unten im Tale sichtbar wurde , wandte der Justizrat den Kopf zurück . » Nun , Vetter « , rief er , » du hast eine leidliche Handschrift ; wie wär es , wenn du ein wenig Kontraktemachen lerntest ? « Aber der Vetter winkte abwehrend mit der Hand . » Geht nur ! « sagte er und blickte fragend auf seine Begleiterin , » ich nehme indes eine Sprechstunde bei deiner Frau ! « » So mach ihn wenigstens nicht gar zu klug , Veronika ! « Die junge Frau neigte nur wie zustimmend den Kopf . – Hinter ihnen von den Türmen der Stadt kam das Abendläuten über die Gegend . Ihre Hand , mit der sie eben das schwarze Haar unter den weißen Seidenhut zurückgestrichen , glitt über die Brust hinab , und indem sie das Zeichen des Kreuzes machte , begann sie leise das angelus zu sprechen . Die Blicke des jungen Mannes , der gleich seinem Verwandten einer protestantischen Familie angehörte , folgten mit einem Ausdrucke von Ungeduld der gleichmäßigen Bewegung ihrer Lippen . Vor einigen Monaten war er als Architekt bei dem Neubau einer Kirche in die Stadt gekommen , und seitdem ein fast täglicher Gast in dem Hause des Justizrats geworden . Mit der jungen Frau seines Vetters geriet er sogleich in lebhaften Verkehr ; sowohl durch die Gemeinsamkeit der Jugend als durch seine Fertigkeit im Zeichnen , das auch von ihr mit Eifer und Geschick betrieben wurde . Nun hatte sie in ihm einen Freund und Lehrmeister zugleich gewonnen . Bald aber , wenn er des Abends neben ihr saß , war es nicht sowohl die vor ihr liegende Zeichnung als die kleine arbeitende Hand , auf der seine Augen ruhten ; und sie , die sonst jeden Augenblick den Bleistift fortgeworfen hatte , zeichnete jetzt schweigend und gehorsam weiter , ohne aufzusehen , wie unter seinem Blick gefangen . Sie mochten endlich selbst kaum wissen , daß abends beim Gutenachtsagen ihre Hände immer ein wenig länger aneinander ruhten , und ihre Finger ein wenig dichter sich umschlossen . Der Justizrat , dessen Gedanken meistens in seinen Geschäften waren , hatte noch weniger Arg daraus ; er freute sich , daß seine Frau in ihren Lieblingsstudien Anregung und Teilnahme gefunden hatte , die er selbst ihr nicht zu gewähren vermochte . Nur einmal , als kurz zuvor der junge Architekt ihr Haus verlassen hatte , überraschte ihn der träumerische Ausdruck ihrer Augen . » Vroni « , sagte er , indem er die Vorübergehende an der Hand zurückhielt , » es ist doch wahr , was deine Schwestern sagen . « – » Was denn , Franz ? « – » Freilich « , sagte er , » jetzt seh ich ' s selbst , daß du gefirmte Augen hast . « – Sie errötete ; und duldete es schweigend , als er sie näher an sich zog und küßte . – – Heute bei dem schönen Wetter waren sie und Rudolf von dem Justizrat aufgefordert worden , ihn auf seinem Geschäftsgange nach der nahe gelegenen Mühle zu begleiten . Seit der gestrigen Gesellschaft , wo sie eine unter seinen Augen vollendete Zeichnung auf Bitten ihres Mannes vorgelegt hatte , war indessen zwischen ihnen nicht alles so , wie es gewesen . Rudolf fühlte das nur zu wohl ; und er vergegenwärtigte es sich jetzt noch einmal , wie es denn gekommen , daß er dem zwar etwas übermäßigen Lobe der andern mit so scharfem leidenschaftlichem Tadel entgegengetreten war . Veronika hatte längst ihr Gebet beendet ; aber er wartete vergebens , daß sie die Augen zu ihm wende . » Sie grollen mir , Veronika ! « sagte er endlich . Die junge Frau nickte kaum merklich ; aber ihre Lippen blieben fest geschlossen . Er sah sie an . Der kleine Trotz lag immer noch auf ihrer Stirn . » Ich dächte « , sagte er , » Sie wüßten , wie es geschehen konnte ! Oder wissen Sie es nicht , Veronika ? « » Ich weiß nur « , sagte sie , » daß Sie mir weh getan . – Und « , setzte sie hinzu , » daß Sie mir weh tun wollten . « Er schwieg eine Weile . » Haben Sie denn « , fragte er zögernd , » das kluge Auge des alten Mannes nicht bemerkt , der Ihnen gegenüberstand ? « Sie wandte den Kopf und blickte flüchtig zu ihm auf . » Ich mußte es selber tun , Veronika – verzeihen Sie mir ! – Ich kann Sie nicht von andern tadeln hören . « Es zog sich wie ein Schleier über ihre Augen , und die langen schwarzen Wimpern senkten sich tief auf ihre Wangen ; aber sie erwiderte nichts . – – Kurz darauf hatten sie das Gehöft erreicht . Der Justizrat wurde von dem Sohn des Müllers in