Theodor Storm Renate In einiger Entfernung von meiner Vaterstadt , doch so , daß es für Lustfahrten dahin nicht zu weit ist , liegt das Dorf Schwabstedt , welcher Name nach einigen Chronisten soviel heißen soll : Suavestätte , d.i. lieblicher Ort . Hoch oberhalb des weiten wiesenreichen Treenetales , durch welches sich der Fluß in schönen Krümmungen windet , ist der alte Kirchspielskrug , dessen Wirt bis zu der neuesten , alle Traditionen aufhebenden Zeit immer Peter Behrens hieß und wo » Mutter Behrens « , je nach den Geschlechtern eine andere , aber immer eine saubere , sei es junge oder alte Frau , als eine wahre Mutter für die Leibesnotdurft ihrer Gäste sorgte . Die lange Lindenlaube mit dem » schlohweiß « gedeckten Kaffeetisch darunter , die steile granitne Treppe , die unter den alten Silberpappeln zum Fluß hinabführte , die Kahnfahrten zwischen den schwimmenden Teichrosen , diese Dinge werden bei vielen älteren Leuten ein hübsches Abseits ihres Jugendparadieses bilden . Und Schwabstedt bot noch anderes für die jugendliche Phantasie ; denn Sage und halb erloschene Geschichte flechten ihren dunkeln Efeu um diesen Ort . Freilich , wenn man sichtbare Spuren aufsuchen wollte , so mußte man genügsam sein : wo einst osten dem Dorfe ein Hafen der gefürchteten Vitalienbrüder gewesen sein sollte , sah man jetzt nur aus dem Flußtal eine Schlucht ins Land hinein ; von dem festen Hause der schleswigschen Bischöfe , welches sich einst oberhalb des Flusses hart am Dorf erhob , war nichts mehr übrig als die Vertiefungen der Burggräben und karge Mauerreste , die hie und da aus dem Rasen hervorsahen ; wenn man nicht etwa die Zähne von Wildschweinen hinzurechnen will , deren wir Knaben einmal eine Menge unter der Grasnarbe hervorwühlten , so daß wir das Zeugnis des großen Wild- und Waldreichtums , der einst hier geherrscht haben sollte , leibhaftig in den Händen hielten . Aber mehr noch als durch diese Örtlichkeiten wurde meine Neugier durch ein sichtlich dem Verfalle preisgegebenes Gehöft erregt , das seitwärts von der Bischofshöhe lag , fast versteckt unter uralten hohen Eichbäumen . Das Haus , das schon durch seine zwei Stockwerke sich von den übrigen Bauernhäusern unterschied , gewann allmählich eine geheimnisvolle Anziehungskraft für mich , aber die Blödigkeit der Jugend hinderte mich , näher heranzugehen . Ich mochte schon ein hoch aufgeschossener Junge sein , als ich dieses Wagstück ausführte ; ich entsinne mich dessen noch mit allen Umständen . Während ich zögernd auf der einsamen Hofstätte umherging und bald auf die blinden Fenster des Hauses blickte , bald hinauf in das Gezweig der alten Bäume , wo ein paar Elstern aus ihrem Neste schrien , kam ein altes Weib um die Ecke , die von dem herabgefallenen Astholz in ihre Schürze sammelte . Als ich ihr unter den groben Strohhut guckte , erkannte ich das braune scharfe Gesicht der allbekannten » Mutter Pottsacksch « , welche je nach der Jahreszeit mit Maililien und Waldmeisterkränzen oder Nüssen und Moosbeeren in der Stadt hausieren ging . » Mutter Pottsacksch ! « rief ich , » wohnt Sie hier in dem großen Hause ? « » Je , junge Herr « , erwiderte in ihrem Platt die Alte ; » ick hol de Kram hier man wat uprecht ! « Und auf weitere Fragen erfuhr ich , daß einst ein großes Bauerngut bei diesem Hause gewesen , daß aber schon vor hundert Jahren das Land davongekommen sei und in nächster Zeit auch der Hof – denn so werde das Haus noch jetzt genannt – auf Abbruch verkauft und die Bäume niedergeschlagen werden sollten . Mich dauerten die armen Elstern , die droben so mühsam sich ihr Nest gebaut hatten ; dann aber fragte ich : » Und vor hundert Jahren , wer hat denn damals hier gewohnt ? « » Dotomal ? « rief die Alte und stemmte die freie Hand in ihre Seite . » Dotomal hätt de Hex hier wahnt ! « » De Hex ? « wiederholte ich . » Hat ' s denn Hexen hier bei Euch gegeben ? « Die Alte winkte mit der Hand . » Oha ! Lat de Herr dat man betämen ! « Womit sie sagen wollte , ich solle das nur sachte angehen lassen , es sei damit auch heut noch nicht geheuer . Als ich frug , ob jene Hexe denn verbrannt sei , schüttelte sie heftig ihren alten Kopf . » Oha , Oha ! « rief sie wieder und gab dann zu verstehen , der Amtmann und der Landvogt hätten nur nicht heran wollen ; denn – na , ich verstünde wohl – – ; und nun machte sie unter bedeutsamem Kopfnicken die Gebärde des Geldzählens . Die Zerstückelung des Gutes sei nämlich erst nach dem Tode der Hexe vor sich gegangen , sie selber habe noch ihre Wirtschaft streng betrieben und sei eine gewaltige Bäuerin gewesen . Was diese Hexe denn aber eigentlich gehext habe , davon schien Mutter Pottsacksch nichts zu wissen . » Düwelswark , Herr ! « sagte sie . » Wat so ' n Slag bedrivt ! « Soviel jedoch sei sicher : Sonntags , wenn andre Christenmenschen in der Kirche gesessen hätten , um Gottes Wort zu hören , dann habe sie sich auf ein Pferd gesetzt und sei nach Norden zu in Heide und Moor hinausgeritten ; was sie dort betrieben habe , davon sei wohl übel Nachricht einzuholen . Plötzlich aber habe dieses aufgehört , und seitdem habe sie sonntags ihr großes düsteres Zimmer nicht mehr verlassen ; noch Mutter Pottsackschs Urgroßmutter habe das blasse Gesicht mit den großen brennenden Augen hinter den kleinen Fensterscheiben sitzen sehen . Mehr vermochte ich von der Alten nicht herauszubringen . » Und war das Pferd , worauf sie ritt , denn schwarz ? « fragte ich endlich , um mein schnell geschaffenes Phantasiebild doch in etwas zu vervollständigen . » Swart ? « schrie Mutter Pottsacksch , wie entrüstet über eine so überflüssige Frage .