Theodor Storm John Riew ' Mein Haus steht auf dem Lande , in einer holzreichen Gegend zwischen einem Kirchdorf und einem kleinen , in breiten Kastanienalleen fast vergrabenen Orte , welcher allmählich um einen Gutshof aufgewachsen ist , von beiden kaum zehn Minuten fern . Fast täglich mache ich nach rechts oder links meinen Spaziergang , und im Frühling und Sommer ergötzt mich dann das Leben , das hier aus den Bauerngehöften , im Orte aus den kleinen Häusern der dort wohnenden Handwerker oder Handelsleute auf den Weg oder in die Vorgärten hinausdringt ; die Kinder des Gutsortes und ich , wir grüßen uns allzeit ganz vertraulich ; um Weihnachten aber beehren sie mich von beiden Seiten , sei es als » ruge Klas « oder als » Kasper und Melcher aus dem Morgenland « , und sind freundschaftlicher Behandlung sicher . Deshalb plagte mich ein Haus am Ende des Gutsortes . Ich selber hatte es teilweis bauen sehen , und als ich einmal einige Monate fortgewesen war , stand es bei meiner Heimkehr fertig da ; aber sooft ich später daran vorbeiging , es wollte mir nicht vertraut werden , denn in diesem Hause war kein Leben : niemals sah ich einen Menschen dort hinein- oder herausgehen , niemals regte sich etwas hinter den blanken Fenstern , die je zwei zu den Seiten des vertieften Säuleneinganges aus den roten schwarzgefugten Mauern auf einen mit dunklen Koniferen vollgepflanzten Vorgarten hinausgingen . Den Einblick wehrten ungewöhnlich hohe Vorsätze von schwarzblauem Drahtgewebe ; dahinter sah man schattenartig und regungslos nur die weißen Gardinen herabhängen . Alles war sauber und wie unberührt , aber zwischen den gelben Klinkern , von denen ein breiter Fries um das Haus lag , und zwischen den drei Granitstufen der Haustreppe trieben die grünen Grasspitzen hervor . Und dennoch sollte das Haus bewohnt sein : ein Auswärtiger – so hörte ich – habe das früher dort gestandene geräumige , aber verfallene Gebäude in Erbgang oder sonstwie erworben und statt dessen durch einen fremden Maurermeister den jetzigen Bau dorthin setzen lassen ; ja , nicht er allein , es sollte außerdem von einer ältlichen kränkelnden Frau und von einem gar argen zwölfjährigen Buben bewohnt sein ; wie aber das Verhältnis der drei Personen zueinander war , darüber wußten die von mir Befragten nicht Bescheid zu geben : die Bewohner schienen nur miteinander zu verkehren . Von dem Jungen freilich ging bald allerlei Gerede : er sollte aus der Volksschule wegen dort unzähmbaren Wesens fortgewiesen sein und seit einiger Zeit die vornehme Institutsschule besuchen , wo die Knaben Französisch und Englisch , sogar Latein und Griechisch lernen konnten ; auch hier war er schon ein paarmal eingesperrt gewesen ; dennoch sollte der alte Riewe – diesen bei uns nicht ungewöhnlichen Namen trug der Hausherr – ihn zu seinem Erben eingesetzt haben . Bändigen sollte auch er ihn nicht können ; ja , man erzählte , als nach einer neuen Schulstrafe der alte Herr mit liebreicher Ermahnung auf den Knaben eingedrungen sei , habe dieser plötzlich eine freche Gebärde nach ihm hin gemacht und , aus der Tür rennend , auf plattdeutsch noch zurückgeschrien : » Din Geld krieg ick doch , ohl Riew ' ! « Ich frug wohl diesen und jenen , woher denn der Mann gekommen sei ; die einen meinten : aus Lübeck , die andern : aus Flensburg oder Hamburg ; auch wohl , was er denn sonst getrieben haben möge , und diese machten ihn zu einem Makler , die andern zu einem früheren Schiffskapitän . Ich hätte mich bei der Gutsobrigkeit erkundigen können , aber , obgleich die Dinge mich sonderbar interessierten , welche Veranlassung hätte ich zu solch offizieller Erkundigung gehabt ? Der hohe , seitwärts von dem Hause fortlaufende und mit einem dichten Dornenzaun besetzte Erdwall begrenzte nach der Straße hin den durch alte Obstbäume verdüsterten Garten , welcher sich nach einer Waldwiese abwärts senkte . Im Sommer freilich war alles durch den Zaun verdeckt ; aber jetzt war es Herbst , die Drosseln fielen in die roten Beeren , und eine Fülle bunten Laubes war von den Alleebäumen schon auf den Weg gefallen . Als ich eines Spätnachmittags jetzt dort vorüberging , gewahrte ich eine entblätterte Stelle in dem Zaun und blieb stehen , um einen Blick in das sonst unsichtbare Gartengrundstück hineinzuwerfen . Ich hatte mich auf den Fußspitzen erhoben , aber ich erschrak fast : ein blasses und – so erschien es mir – wunderbar schönes Knabenantlitz mit dunkelgelocktem Haupthaar stand dicht vor dem meinen und sah von der anderen Seite mir starr und schweigend entgegen ; ich gewahrte noch , daß die großen , gleichfalls dunkeln Augen voll von Tränen standen ; dann war es verschwunden , und ich hörte langsame Schritte in den Garten hinab . War das der arge Bube , von dem die Leute redeten ? Nachdenklich setzte ich meine Abendwanderung fort , denn das Gesicht , welches ich eben sah , einmal mußte ich es schon gesehen haben , vor fünfzehn oder zwanzig Jahren – aber das ging ja nicht , der Knabe mochte jetzt kaum zwölfe zählen . Noch am Abend dieses Tages hörten wir , in dem neuen roten Hause liege die alte Haushälterin im Sterben ; aber das Haus selbst war am Nachmittage , als ich dort vorbeigegangen , in seiner gewohnten , wunderlichen Einsamkeit dagestanden , die Gardinen hatten , wie immer , unbewegt hinter den blauen Vorsätzen gehangen , keinen Laut hatte ich vernommen , selbst der schöne wilde Knabe hinter dem Gartenzaune war mir nur wie ein Gespenst erschienen ; auch das Sterben wurde hier ganz still besorgt . Als ich am andern Tage mit meiner Frau vorüberging , sagte ich : » Im neuen Hause hier soll eine zum Sterben liegen ; zu leben scheint man nicht darin . « » Dann wird sie schon gestorben sein « , erwiderte sie , indem sie durch die Zaunlücke in den Garten wies ; » sieh nur , dort