Theodor Storm Im Schloß Von der Dorfseite Von der Dorfseite Vom Kirchhof des Dorfes , ein Viertelstündchen hinauf durch den Tannenwald , dann lag es vor einem : zunächst der parkartige Garten , von alten ungeheueren Lindenalleen eingefaßt , an deren einer Seite der Weg vom Dorf vorbeiführte ; dahinter das große steinerne Herrenhaus , das nach vorn hinaus mit den Flügelgebäuden einen geräumigen Hof umfaßte . Es war früher das Jagdschloß eines reichsgräflichen Geschlechts gewesen ; die lebensgroßen Familienbilder bedeckten noch jetzt die Wände des im oberen Stock gelegenen Rittersaales , wo sie vor einem halben Jahrhundert beim Verkaufe des Gutes mit Bewilligung des neuen Eigentümers vorläufig hängen geblieben und seitdem , wie es schien , vergessen waren . Vor etwa zwanzig Jahren war das Gut , dessen wenig umfangreiche Ländereien zu den Baulichkeiten in keinem Verhältnis standen , in Besitz einer alten weißköpfigen Exzellenz , eines früheren Gesandten , gekommen . Er hatte zwei Kinder mitgebracht , ein blasses , etwa zehnjähriges Mädchen mit blauen Augen und glänzend schwarzen Haaren und einen noch sehr jungen kränklichen Knaben , welche beide der Obhut einer ältlichen Verwandten anvertraut waren . Später hatte sich noch ein alter Baron , ein Vetter des Gesandten , hinzugefunden , der einzige von der Schloßgesellschaft , der sich zuweilen unten im Dorfe blicken ließ und auch mit den Leuten im Felde mitunter einen kurzen Diskurs führte ; denn im heißen Sommer oder an hellen Frühlingstagen pflegte er weit umherzuwandern , um allerhand Geziefer einzusammeln , das er dann in Schachteln und Gläsern mit nach Hause nahm . Selten einmal war auch das junge Fräulein bei ihm ; sie trug dann wohl eine der leichteren Fanggerätschaften und ging eifrig redend an des Oheims Seite ; aber um die Begegnenden kümmerte sie sich nicht weiter . Die kleine hagere Gestalt der alten Exzellenz hatte , außer beim sonntäglichen Gottesdienste in dem herrschaftlichen Kirchenstuhl , kaum jemand anders als vom Wege aus gesehen , wenn er in der breiten Lindenallee des Gartens auf und ab wandelte oder , stehenbleibend , das Moos auf dem Steige mit seinem Rohrstocke losstieß . Den scheuen Gruß der vorübergehenden Bauern pflegte er wohl mit einer leichten Handbewegung zu erwidern ; was er sonst mit ihnen zu schallen hatte , wurde von dem Verwalter abgetan , dem die Bewirtschaftung des kleinen Gutes überlassen war . Nach Jahren wurde diese Hausgenossenschaft noch durch einen Lehrer des kleinen Barons vermehrt . Die Leute im Dorf erinnerten sich seiner noch sehr wohl ; er war aus der Umgegend und stammte auch von Bauern her . Man hatte ihn oft mit dem alten Baron gesehen , und das Fräulein , damals schon eine junge Dame , war mitunter auch in ihrer Gesellschaft gewesen . Man erzählte sich noch , wie er mit dem alten Herrn in den Tannen einen Dohnenstieg angelegt ; aber das Fräulein sei meist schon vor ihnen dagewesen und habe die Drosseln , die sich lebendig in den Schlingen gefangen , heimlich wieder fliegen lassen . Einmal auch hatte der junge freundliche Herr den kleinen verkrüppelten Knaben auf dem Arm durch das Tannicht getragen ; denn mit dem Rollstühlchen war auf dem schmalen Steige nicht fortzukommen gewesen , und das Kind hatte die gefangenen Vögel selbst aus den Dohnen nehmen können . Bald aber war es wieder einsamer geworden ; der arme Knabe war gestorben und der Hauslehrer fortgegangen . Schon früher hatte man im Dorfe von den Gutsnachbarn oder aus der Stadt drüben nur vereinzelt einen Besuch den Weg nach dem Schlosse fahren sehen ; jetzt kam fast niemand mehr ; auch die alte Exzellenz sah man immer seltener in der breiten Allee des Gartens wandeln . Nur noch einmal , im Herbste des folgenden Jahres , war es droben auf einige Tage wieder lebendig geworden ; als die Hochzeit des jungen Fräuleins gefeiert wurde . Unten in der Dorfkirche war die Trauung gewesen . Seit lange hatte man dort so viele vornehme Leute nicht gesehen ; aber die hagere Gestalt des Bräutigams mit dem dünnen Haar und den vielen Orden wollte den Leuten nicht gefallen ; auch die Braut , als sie von der alten Exzellenz an die mit Teppichen belegten Altarstufen geführt wurde , hatte in dem langen weißen Schleier , mit den dicht zusammenstehenden schwarzen Augenbrauen ganz totenhaft ausgesehen ; was aber das schlimmste war , sie hatte nicht geweint , wie es doch den Bräuten ziemt . Der alte Baron , der in sich zusammengesunken in dem herrschaftlichen Stuhl gesessen und mit trübseligen Augen auf die Braut geblickt hatte , war nach Beendigung der Zeremonie allein und heimlich seitwärts über die Felder gegangen . – – Am darauffolgenden Nachmittag hielt der Wagen mit den Neuvermählten eine kurze Zeit in der Durchfahrt des Dorfkruges ; und die Leute standen umher und besahen sich das Wappen auf dem Kutschenschlage , einen Eberkopf im blauen Felde . Der hagere vornehme Mann war ausgestiegen und brachte der jungen Frau eigenhändig ein Glas Wasser an den Wagen ; von dieser selbst war wenig zu sehen ; sie saß im Dunkel des Fonds schweigend in ihre Mäntel gehüllt . Der Wagen fuhr davon , und seitdem vergingen Jahre , ohne daß man von dem Fräulein wieder etwas hörte . Nur dem Prediger hatte einmal der alte Baron erzählt , daß ein Knabe , den sie im zweiten Jahre der Ehe geboren , von einer Kinderepidemie dahingerafft sei ; und später dann , als die alte Exzellenz gestorben und abends bei Fackelschein auf dem Kirchhof hinter den Tannen zur Erde gebracht wurde , sollte sie nachts auf dem Schlosse gewesen sein ; aber von den Leuten im Dorfe hatte niemand sie gesehen . – Bald darauf verließ auch der alte Baron mit seinen Sammlungen und Büchern das Schloß , wie es hieß , um bei einem andern Vetter seine harmlosen Studien fortzusetzen . Einen Sommer lang wohnte niemand in dem steinernen Hause , und das Gras wuchs ungestört auf den breiten Steigen der Gartenallee . Da