Theodor Storm Im Brauerhause Es war in einem angesehenen Bürgerhause , wo wir am Abendteetisch in vertrautem Kreise beisammensaßen . Unsere Wirtin , eine Fünfzigerin von frischem Wesen , mit einem Anflug heiterer Derbheit , stammte nicht aus einer hiesigen Familie ; sie war in ihrer Jugend als wirtschaftliche Stütze in das elterliche Haus ihres jetzigen Mannes , unseres trefflichen Wirtes , gekommen und hatte in solchem Verhältnis dort gelebt , bis der einzige Sohn so glücklich gewesen war , sie als seine Ehefrau bleibend festzuhalten . Das Vertrauen , womit des Bräutigams Mutter gleich nach der Hochzeit der Jüngeren ihren eigenen Platz im Hause einräumte , hatte diese nun schon manches Jahr über das Leben ihrer beiden Schwiegereltern hinaus gerechtfertigt . Bei ihrem jetzt den Siebzigern nahen Ehemann selber begann schon das Greisenalter seine leise Spur zu ziehen ; aber wo ihm eine Kraft versagte , da suchte sie unbemerkt die ihre einzusetzen ; wo ihrerseits eine Entsagung nötig oder auch nur erwünscht schien , da blickte sie nur mit um so freundlicheren Augen auf ihren Mann und blieb bei ihm allein , wenn andere dem Vergnügen nachgingen . Der alte Herr selber war nicht von vielen Worten ; aber die ruhige Sicherheit einer gegenseitig bewährten Liebe war in diesem Hause allen fühlbar , und alle fühlten sich dort wohl . Am heutigen Abend jedoch wollte das gewohnte Gespräch , worin man sich sonst über Stadt- und Landesangelegenheiten mit Behaglichkeit erging , noch immer nicht in rechten Fluß geraten ; denn in einer unserer Nachbarstädte war früh am Morgen etwas Ausnahmsweises und Entsetzliches , es war die Hinrichtung eines Raubmörders dort vollzogen worden , und die Luft schien mit diesem Unterhaltungsstoffe so erfüllt , daß kaum etwas anderes daneben zur Geltung kommen konnte . Hier war nun überdies noch ein abergläubischer Unfug im Gefolge der Exekution gewesen ; ein Epileptischer hatte von dem noch rauchenden Blute des Justifizierten trinken und dann zwischen zwei kräftigen Männern laufen müssen , bis er plötzlich , von seinen Krämpfen befallen , zu Boden gestürzt war . Dennoch galt dies Verfahren als ein untrügliches Heilmittel seiner Krankheit . Und noch zu anderen Kuren und sympathetischen Wundern sollten Haare , Blut und Fetzen von der Kleidung des Hingerichteten unter die Leute gekommen sein . An unserem Teetisch erhob sich darüber ein lebhaftes Durcheinanderreden ; all diese Dinge wurden gleichzeitig als unzulässig und strafbar , als verabscheuungswürdig und als lächerlich bezeichnet . Nur unsere verehrte , sonst so teilnehmende Wirtin saß plötzlich so still und in sich versunken , daß endlich alle es bemerken mußten . Als wir sie eben darauf ansahen , rief ihre älteste Tochter zu ihr hinüber : » Mutter , du denkst gewiß an Peter Liekdoorns Finger ! « » Ja , ja , Peter Liekdoorn ! « sagte nun auch der alte Herr ; » das ist eine Geschichte ! Erzähl sie nur , Mutter , deine Gedanken kommen sonst ja doch nicht davon los , und zu verschweigen ist ja nichts dabei ! « » Nein , mein Vater « , sagte die alte Dame ; » es ist ja einstens auch genug davon geredet worden . « Dann sah sie uns alle der Reihe nach mit ihren freundlichen Augen an , und als auch wir dann baten , begann sie in ihrer mitteilsamen Weise : » Mein seliger Vater hatte , wie das Ihnen allen wohl bekannt ist , eine Brauerei ; keine bayerische , wie sie heutzutage sind ; es wurde nur Gutbier und Dünnbier gebraut ; aber beides war gut für den Durst und nicht so gallenbitter wie das jetzige , das nicht einmal zu einer Biersuppe zu gebrauchen ist . « Wir lachten , und sie lachte herzlich mit uns . » Das Geschäft « , fuhr sie dann fort , » war noch von Großvaters Zeiten her und lange das einzige am Ort gewesen ; im Jahre meiner Konfirmation aber wurde von einem reichen Bäcker noch ein zweites etabliert . Wenn man hinten aus unserem Brauhaus auf den Weg hinaustrat , konnte man am Nordende der Stadt das neue rote Dach über den Gartenbäumen scheinen sehen ; und ich glaube freilich nicht , daß mein Vater , und noch viel weniger , daß unser alter Brauknecht Lorenz es eben mit Vergnügen sah ; aber unser Bier hatte doch seinen alten Ruf , und die Kundschaft blieb groß genug , daß wir alle satt hatten und mein Vater jedem zahlen konnte , was er schuldig war . Da , nicht lange nachher , geschah es , daß auch bei uns ein ganz abscheulicher Kerl hingerichtet wurde . Wie er eigentlich hieß , weiß ich nicht einmal ; aber die Leute nannten ihn › Peter Liekdoorn ‹ ; denn er hatte nichts gelernt und suchte sich deshalb als Hühneraugen-Operateur durchzuhelfen . Nun , ich hätte den Kerl nicht an meinen Hühneraugen haben mögen ! – Da er viel Branntwein trank und wenig in der Tasche hatte , so brachte er seine eigene fast neunzigjährige Tante ums Leben , von der er wußte , daß sie einen Strumpfsocken mit Banktalern in ihrem Bettstroh aufbewahrte ; aber bevor er noch einen davon ins Wirtshaus tragen konnte , so hatten sie ihn schon fest und auf der Fronerei ; und endlich war denn auch sein Prozeß zu Ende ; er sollte draußen auf dem Galgenberg enthauptet und dann sein Körper auf das Rad geflochten werden . Und das war wohlverdient ; denn die alte Tante hatte den Bengel , der eine Waise war , vor Jahren mit Not und Hunger aufgezogen , und die Banktaler hatte sie sich zum ehrlichen Begräbnis aufgespart . Wie ich schon sagte , hatten wir derzeit noch unseren alten Brauknecht Lorenz , der wie das Geschäft selbst auch noch von meinem Großvater stammte ; eine treue , fromme Seele ! Über sein Wandbett hatte er sich mit Kreide den halb plattdeutschen Spruch geschrieben : Lorenz Hansen is mein Nam ; Gott hilf , daß ich