Theodor Storm Eine Halligfahrt Einst waren große Eichenwälder an unserer Küste , und so dicht standen in ihnen die Bäume , daß ein Eichhörnchen meilenweit von Ast zu Ast springen konnte , ohne den Boden zu berühren . Es wird erzählt , daß bei Hochzeiten , welche durch den Wald zogen , die Braut ihre Krone habe vom Haupte nehmen müssen ; so tief hing das Gezweig herab . In den Tagen des Hochsommers war unablässige Schattenkühle unter diesen Waldesdomen , die damals noch der Eber und der Luchs durchstreiften , indessen oben , nur von den Augen der revierenden Falken gesehen , ein Meer von Sonnenschein auf ihren Wipfeln flutete . Aber diese Wälder sind längst gefallen ; nur mitunter gräbt man aus schwarzen Moorgründen oder aus dem Schlamm der Watten noch eine versteinte Wurzel , die uns Nachlebende ahnen läßt , wie mächtig einst im Kampfe mit den Nordweststürmen jene Laubkronen müssen gerauscht haben . Wenn wir jetzt auf unseren Deichen stehen , so blicken wir in die baumlose Ebene wie in eine Ewigkeit ; und mit Recht sagte jene Halligbewohnerin , die von ihrem kleinen Eiland zum erstenmal hieher kam : » Mein Gott , was is de Welt doch grot ; un et gifft ok noch en Holland ! « Und wie erquicklich die Luft auf diesen Deichen weht ! Ich komme eben heim ; wo hätte ich besser den Sonntagmorgen feiern können ! Schon hatte unten in den Kögen der erste warme Frühlingsregen die unabsehbaren Wiesenlandschaften grün gemacht ; schon weideten wieder die unzähligen Rinder auf der Rasendecke , in welcher die Wassergräben zwischen den einzelnen Fennen wie Silberstreifen in der Morgensonne funkelten . Von hüben und drüben , abwechselnd und sich antwortend , in unendlicher Abtönung , erhob sich Gebrüll und klang weit über die Ebene hinaus . Und wie lebendig die Stare waren , diese geflügelten Freunde der Rinder ! In lärmendem Zuge kamen sie vom Kooge herauf , schwenkten vor mir hin und wider und fielen dann in dichtem Schwarm auf die Krone des Deiches nieder , um gleich darauf , hurtig um sich pickend , seewärts an der Böschung hinabzuspazieren . Aber unten entlang dem Strome , der von der Stadt ins Meer hinausführt , schimmerte einladend die neue Strohbestickung , womit zum Schutze gegen die nagende Flut der Saum des Strandes überzogen war . – Wie anmutig es sich auf diesem sauberen Teppich wandelte ! – Es war noch in der Morgenfrühe ; das traumhafte Gefühl der Jugend überkam mich wieder , als müsse dieser Tag was unaussprechlich Holdes mir entgegenbringen ; kommt doch für jeden die Zeit , wo auch die Gespenster des Glückes noch willkommen sind . – Und siehe ! – während das Wasser weich , fast lautlos zu meinen Füßen anspülte , plötzlich mit leichten unhörbaren Schritten ging die Erinnerung neben mir . Sie kam weit her aus der Vergangenheit ; aber ihr Haar , das sie kurz in freien Locken trug , war noch so blond wie einst . – Es war deine Gestalt , Susanne , in der sie mir erschien ; ich sah wieder dein junges , festumrissenes Gesichtchen , die kleine Hand , die lebhaft in die Ferne zeigte – wie deutlich sah ich es ! Auf einem solchen Teppich an eben diesem Strande schritten wir auch damals nebeneinander . Deine geöffneten Lippen tranken die feuchte erquickende Luft ; mitunter , wenn der weiche Südost aufwehte , griff deine Hand nach dem blauen Schleier und legte ihn zurück über das winzige Sommerhütchen . Dann warst du stehengeblieben und horchtest nach oben hinauf ; deine jungen neugierigen Augen forschten in der durchsichtigen Luft . » Ich sehe nur eine einzige ! « riefst du ; » dort steigt sie eben in den Himmel ! « Und jetzt vernahm auch ich es ; so weit man horchen mochte , zur Höhe wie in die Ferne , der ganze Luftraum schien ein einziges unablässiges Lerchensingen . Die kleinen Sänger selbst aber entschwanden unseren Augen in der blendenden Fülle des Lichtes , das ihn durchströmte . – Und schweigend gingen wir weiter ; die Welt war so still und klar , und die Lerchen sangen immerfort ; was hätten wir auch reden sollen ! Doch wir waren nicht allein . Die Frau Geheimrätin , Susannens Mutter , ist mir nicht weniger unvergeßlich ; sie hatte an der Böschung des Deiches ihr Schnupftuch voll von Champignons gepflückt und wandelte nun wie lauter Erdgeruch an unserer Seite . Es war eine gar stattliche Dame , und selbst die kleinen Ungeheuer der Tiefe , die Seekrabben , schienen ihr den schuldigen Respekt nicht zu verweigern . Sie waren heraufgekrochen , saßen am Rande des Wassers auf der Strohdecke und sonnten sich und drehten ihre knopfartigen Augen ; wenn aber das Spiegelbild der Geheimrätin mit der ungeheueren lila Hutschleife über sie hinfiel , klappten sie grimmig mit den Scheren und schossen seitwärts in den Abgrund zurück . – – Nach einer Weile hatten wir ein kleines Schiff bestiegen ; » Die Wohlfahrt « hieß es ; der Name stand mit goldenen Buchstaben auf dem Spiegel eingegraben . Wir waren alle glücklich an Bord gelangt ; nur daß die alte Dame einen zierlichen Schrei ausstieß , als ihre Champignons , die sie den » lieben Schiffer « zu verwahren bat , so ohne Umstände in den offenen Schiffsraum hinabflogen . Und leise blähten sich die Segel und leise schwamm das Schiff ; man hörte das Wasser vorn am Kiele glucksen . Nach einer Stunde hatten wir die nachbarliche große Insel hinter uns und trieben nun auf der breiten Meeresflut . Eine Möwe schwebte über dem Wasser dicht an uns vorüber ; ich sah , wie ihre gelben Augen in die Tiefe bohrten . » Rungholt ! « rief der Schiffer , der eben das Segel umgelegt hatte . Die Geheimrätin , die – ich weiß nicht durch welche Künste – ihren Champignonbeutel wieder in der Hand trug , blickte nach allen