Theodor Storm Aquis Submersus In unserem zu dem früher herzoglichen Schlosse gehörigen , seit Menschengedenken aber ganz vernachlässigten » Schloßgarten « waren schon in meiner Knabenzeit die einst im altfranzösischen Stile angelegten Hagebuchenhecken zu dünnen , gespenstischen Alleen ausgewachsen ; da sie indessen immerhin noch einige Blätter tragen , so wissen wir Hiesigen , durch Laub der Bäume nicht verwöhnt , sie gleichwohl auch in dieser Form zu schätzen ; und zumal von uns nachdenklichen Leuten wird immer der eine oder andre dort zu treffen sein . Wir pflegen dann unter dem dürftigen Schatten nach dem sogenannten » Berg « zu wandern , einer kleinen Anhöhe in der nordwestlichen Ecke des Gartens oberhalb dem ausgetrockneten Bette eines Fischteiches , von wo aus der weitesten Aussicht nichts im Wege steht . Die meisten mögen wohl nach Westen blicken , um sich an dem lichten Grün der Marschen und darüberhin an der Silberflut des Meeres zu ergötzen , auf welcher das Schattenspiel der langgestreckten Insel schwimmt ; meine Augen wenden unwillkürlich sich nach Norden , wo , kaum eine Meile fern , der graue spitze Kirchturm aus dem höher belegenen , aber öden Küstenlande aufsteigt ; denn dort liegt eine von den Stätten meiner Jugend . Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die » Gelehrtenschule « meiner Vaterstadt , und unzählige Male sind wir am Sonnabendnachmittage zusammen dahinaus gewandert , um dann am Sonntagabend oder montags früh zu unserem Nepos oder später zu unserem Cicero nach der Stadt zurückzukehren . Es war damals auf der Mitte des Weges noch ein gut Stück ungebrochener Heide übrig , wie sie sich einst nach der einen Seite bis fast zur Stadt , nach der anderen ebenso gegen das Dorf erstreckt hatte . Hier summten auf den Blüten des duftenden Heidekrauts die Immen und weißgrauen Hummeln und rannte unter den dürren Stengeln desselben der schöne goldgrüne Laufkäfer ; hier in den Duftwolken der Eriken und des harzigen Gagelstrauches schwebten Schmetterlinge , die nirgends sonst zu finden waren . Mein ungeduldig dem Elternhause zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not , seinen träumerischen Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen ; hatten wir jedoch das angebaute Feld erreicht , dann ging es auch um desto munterer vorwärts , und bald , wenn wir nur erst den langen Sandweg hinaufwateten , erblickten wir auch schon über dem dunkeln Grün einer Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses , aus dem das Studierzimmer des Pastors mit seinen kleinen blinden Fensterscheiben auf die bekannten Gäste hinabgrüßte . Bei den Pastorsleuten , deren einziges Kind mein Freund war , hatten wir allezeit , wie wir hier zu sagen pflegen , fünf Quartier auf der Elle , ganz abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung . Nur die Silberpappel , der einzig hohe und also auch einzig verlockende Baum des Dorfes , welche ihre Zweige ein gut Stück oberhalb des bemoosten Strohdaches rauschen ließ , war gleich dem Apfelbaum des Paradieses uns verboten und wurde daher nur heimlich von uns erklettert ; sonst war , soviel ich mich entsinne , alles erlaubt und wurde ja nach unserer Altersstufe bestens von uns ausgenutzt . Der Hauptschauplatz unserer Taten war die große » Priesterkoppel « , zu der ein Pförtchen aus dem Garten führte . Hier wußten wir mit dem den Buben angeborenen Instinkte die Nester der Lerchen und der Grauammern aufzuspüren , denen wir dann die wiederholtesten Besuche abstatteten , um nachzusehen , wie weit in den letzten zwei Stunden die Eier oder die Jungen nun gediehen seien ; hier auf einer tiefen und , wie ich jetzt meine , nicht weniger als jene Pappel gefährlichen Wassergrube , deren Rand mit alten Weidenstümpfen dicht umstanden war , fingen wir die flinken schwarzen Käfer , die wir » Wasserfranzosen « nannten , oder ließen wir ein andermal unsere auf einer eigens angelegten Werft erbaute Kriegsflotte aus Walnußschalen und Schachteldeckeln schwimmen . Im Spätsommer geschah es dann auch wohl , daß wir aus unserer Koppel einen Raubzug nach des Küsters Garten machten , welcher gegenüber dem des Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag ; denn wir hatten dort von zwei verkrüppelten Apfelbäumen unseren Zehnten einzuheimsen , wofür uns freilich gelegentlich eine freundschaftliche Drohung von dem gutmütigen alten Manne zuteil wurde . – So viele Jugendfreuden wuchsen auf dieser Priesterkoppel , in deren dürrem Sandboden andere Blumen nicht gedeihen wollten ; nur den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren , die hier haufenweis auf allen Wällen standen , spüre ich noch heute in der Erinnerung , wenn jene Zeiten mir lebendig werden . Doch alles dieses beschäftigte uns nur vorübergehend ; meine dauernde Teilnahme dagegen erregte ein anderes , dem wir selbst in der Stadt nichts an die Seite zu setzen hatten . – Ich meine damit nicht etwa die Röhrenbauten der Lehmwespen , die überall aus den Mauerfugen des Stalles hervorragten , obschon es anmutig genug war , in beschaulicher Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der emsigen Tierchen zu beobachten ; ich meine den viel größeren Bau der alten und ungewöhnlich stattlichen Dorfkirche . Bis an das Schindeldach des hohen Turmes war sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut und beherrschte , auf dem höchsten Punkt des Dorfes sich erhebend , die weite Schau über Heide , Strand und Marschen . – Die meiste Anziehungskraft für mich hatte indes das Innere der Kirche ; schon der ungeheure Schlüssel , der von dem Apostel Petrus selbst zu stammen schien , erregte meine Phantasie . Und in der Tat erschloß er auch , wenn wir ihn glücklich dem alten Küster abgewonnen hatten , die Pforte zu manchen wunderbaren Dingen , aus denen eine längst vergangene Zeit hier wie mit finstern , dort mit kindlich frommen Augen , aber immer in geheimnisvollem Schweigen zu uns Lebenden aufblickte . Da hing mitten in die Kirche hinab ein schrecklich übermenschlicher Crucifixus , dessen hagere Glieder und verzerrtes Antlitz mit Blüte überrieselt waren ; dem zur Seite an einem Mauerpfeiler haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel , an der aus