Zum wilden Mann Erzählung Erstes Kapitel Sie machten weit und breit ihre Bemerkungen über das Wetter , und es war wirklich ein Wetter , über das jedermann seine Bemerkungen laut werden lassen durfte , ohne Schaden an seiner Reputation zu leiden . Es war ein dem Anscheine nach dem Menschen außergewöhnlich unfreundlicher Tag gegen das Ende des Oktober , der eben in den Abend oder vielmehr die Nacht überging . Weiter hinauf im Gebirge war schon am Morgen ein gewaltiger Wolkenbruch niedergegangen , und die Vorberge hatten ebenfalls ihr Teil bekommen , wenn auch nicht ganz so arg als Volk , Vieh , Wald , Fels , Berg und Tal weiter oben . Sie waren unter den Vorbergen nordwärts vollkommen zufrieden mit dem , was sie erhalten hatten , und hätten gern auf alles Weitere verzichtet , allein das Weitere und übrige kam , und sie hatten es hinzunehmen , wie es kam . Ihre Anmerkungen durften sie freilich darüber machen ; niemand hinderte sie . Es regnete stoßweise in die nahende Dunkelheit hinein , und stoßweise durchgellte ein scharfer , beißender Nordwind , ein geborener Isländer oder gar Spitzbergener , aus der norddeutschen Tiefebene her die Lüfte , die Schlöte und die Ohren und ärgerte sich sehr an dem Gebirge , das er , wie es schien , ganz gegen seine Vermutung auf seinem Wege nach Süden gefunden hatte . Er war aber mit der Nase daraufgestoßen oder vielleicht auch daraufgestoßen worden und heulte gleich einem bösen Buben , der gleichfalls mit dem erwähnten Glied auf irgend etwas aufmerksam gemacht und hingewiesen wurde . Ohne alle Umschreibung : der Herbstabend kam früh , war dunkel und recht stürmisch ; – wer noch auf der Landstraße oder auf den durchweichten Wegen zwischen den nassen Feldern sich befand , beeilte sich , das Wirtshaus oder das Haus zu erreichen ; und wir , das heißt der Erzähler und die Freunde , welche er aus dem deutschen Bund in den norddeutschen und aus diesem in das neue Reich mit sich hinübergenommen hat – wir beeilen uns ebenfalls , unter das schützende Dach dieser neuen Geschichte zu gelangen . Der Abend wird gemeiniglich eher Nacht , als man für möglich hielt ; so auch diesmal . Es ist recht sehr Nacht geworden . Wieder und wieder fegt der Regen in Strömen von rechts nach links über die mit kahlen Obstbäumen eingefaßte Straße . Wir halten , kurz atmend , die Hand über die Augen , uns nach einem Lichtschein in irgendeiner Richtung vor uns umsehend . Es müssen da langgestreckte , in ihrer Länge kaum zu berechnende Dörfer vor uns , dem Gebirge zu , liegen , und der geringste Lampenschimmer südwärts würde uns die tröstende Versicherung geben , daß wir uns einem dieser Dörfer näherten . Vergeblich ! Pferdehufe , Rädergeroll , Menschentritte hinter uns ? Wer weiß ? Wir eilen weiter , und plötzlich haben wir das , was wir so sehnlich herbeiwünschen , zu unserer Linken dicht am Pfade . Da ist das Licht , welches durch eine Menschenhand angezündet wurde . Eine plötzliche Wendung des Weges um dunkles Gebüsch bringt es uns überraschend schnell vor die Augen , und wir stehen vor der Apotheke › Zum wilden Mann ‹ . Ein zweistöckiges , dem Anscheine nach recht solides Haus mit einer Vortreppe liegt zur Seite der Straße vor uns , ringsum rauschende , triefende Bäume – gegenüber zur Rechten der Straße ein anderes Haus – weiter hin , durch schwächeren Lichterschein sich kennzeichnend , wieder andere Menschenwohnungen : der Anfang einer dreiviertel Stunde gegen die Berge sich hinziehenden Dorfgasse . Das Dorf besteht übrigens nur aus dieser einen Gasse ; sie genügt aber dem , der sie zu durchwandern hat , vollkommen ; und wer sie durchwanderte , steht gewöhnlich am Ausgange mehrere Augenblicke still , sieht sich um und vor allen Dingen zurück und äußert seine Meinung in einer je nach dem Charakter , Alter und Geschlecht verschiedenen Weise . Da wir den Ausgang oder Eingang jedoch aber erst erreichen , sind wir noch nicht hierzu verpflichtet . Wir suchen einfach , wie gesagt , vorerst unter Dach zu kommen und eilen rasch die sechs Stufen der Vortreppe hinauf ; der Erzähler mit aufgespanntem Schirm von links , der Leser , gleichfalls mit aufgespanntem Schirm , von rechts . Schon hat der Erzähler die Tür hastig geöffnet und zieht sich den atemlosen Leser nach , und schon hat der Wind dem Erzähler den Türgriff wieder aus der Hand gerissen und hinter ihm und dem Leser die Tür zugeschlagen , daß das ganze Haus widerhallt : wir sind darin , in dem Hause sowohl wie in der Geschichte vom wilden Mann ! – – Daß wir uns in einer Apotheke befinden , merken wir auf der Stelle auch am Geruche . Die erleuchteten zwei Fenster , welche wir von der durchweichten , regen- und sturmwindgeschlagenen Landstraße aus erblickten , waren die der Offizin , und die Lampe an der Decke darin warf ihr Licht durch die breiten Schiebfenster auch auf die Hausflur . In der pharmazeutischen Werkstätte herrschte außer dem bekannten Duft die gleichfalls wohlbekannte Ordnung und Reinlichkeit der deutschen Apotheken . Die weißen mit blauen Buchstaben und hin und wieder mit schwarzen Totenköpfen und den beiden Armknochen bezeichneten Büchsen und Gläser in den Fächern an den Wänden , die blanken Mörser und grünschwarzen Steinreibeschalen , die Waagschalen und alle übrigen Gerätschaften sahen ordentlich angenehm und anlockend aus . Wäre die schreckliche Bank , auf welcher die meisten von uns schon einmal in fiebernder Angst und Beklemmung saßen und warteten , nicht gewesen , das Werkzeug und Geräte der hohen Kunst hätte jedermann das höchste Vertrauen einflößen müssen . Aber die böse Bank ! Der abgeriebene schlimme Stuhl ! – Wir saßen eben schon darauf – vielleicht wohl am hellen , frostklaren Winternachmittag oder noch viel schlimmer in der stillen , warmen , der entsetzlichen , wenngleich noch so schönen Sommernacht ; wir trauen den Büchsen und Gläsern ,