Conrad Ferdinand Meyer Plautus im Nonnenkloster Nach einem heißen Sommertage hatte sich vor einem Casino der mediceischen Gärten zum Genusse der Abendkühle eine Gesellschaft gebildeter Florentiner um Cosmus Medici , den » Vater des Vaterlandes « , versammelt . Der reinste Abendhimmel dämmerte in prächtigen , aber zart abgestuften Farben über den mäßig Zechenden , unter welchen sich ein scharf geschnittener , greiser Kopf auszeichnete , an dessen beredten Lippen die Aufmerksamkeit der lauschenden Runde hing . Der Ausdruck dieses geistreichen Kopfes war ein seltsam gemischter : über die Heiterkeit der Stirn , die lächelnden Mundwinkel war der Schatten eines trüben Erlebnisses geworfen . » Mein Poggio « , sagte nach einer eingetretenen Pause Cosmus Medici mit den klugen Augen in dem häßlichen Gesichte , » neulich habe ich das Büchlein deiner Fazetien wieder durchblättert . Freilich weiß ich es auswendig , und dieses mußte ich bedauern , da ich nur noch an den schlanken Wendungen einer glücklichen Form mich ergötzen , aber weder Neugierde noch Überraschung mehr empfinden konnte . Es ist unmöglich , daß du nicht , wählerisch wie du bist , diese oder jene deiner witzigen und liebenswürdigen Possen , sei es als nicht gesalzen genug oder als zu gesalzen , von der anerkannten Ausgabe des Büchleins ausgeschlossen hast . Besinne dich ! Gib diesem Freundeskreise , wo die leiseste Anspielung verstanden und der keckste Scherz verziehen wird , eine Facezia inedita zum besten . Erzählend und schlürfend « – er deutete auf den Becher – » wirst du dein Leid vergessen ! « Den frischen Kummer , auf welchen Cosmus als auf etwas Stadtbekanntes anspielte , hatte dem greisen Poggio – dem jetzigen Sekretär der florentinischen Republik und dem vormaligen von fünf Päpsten , dem früheren Kleriker und späteren Ehemanne – einer seiner Söhne verursacht , welche alle herrlich begabt waren und alle nichts taugten . Dieser Elende hatte die greisen Haare des Vaters mit einer Tat beschimpft , die nahe an Raub und Diebstahl grenzte und dem für den Sohn einstehenden , sparsamen Poggio überdies eine empfindliche ökonomische Einbuße zuzog . Nach einem kurzen Besinnen antwortete der Greis : » Jene Possen oder ähnliche , die dir schmecken , mein Cosmus , kleiden , wie üppige Kränze , nur braune Locken und mißziemen einem zahnlosen Munde . « Er lächelte und zeigte noch eine hübsche Reihe weißer Zähne . » Und « – seufzte er – » nur ungern kehre ich zu jenen Jugendlichkeiten , wie harmlos im Grunde sie sein mögen , zurück , jetzt da ich die Unbefangenheit meiner Standpunkte und die Läßlichkeit meiner Lebensauffassung bei meinem Sohne – ich weiß nicht kraft welches unheimlichen Gesetzes der Steigerung – zu unerträglicher Frechheit , ja zur Ruchlosigkeit entarten sehe . « » Poggio , du predigst ! « warf ein Jüngling ein . » Du , welcher der Welt die Komödien des Plautus wiedergegeben hast ! « » Dank für deine Warnung , Romolo ! « rief der unglückliche Vater , sich aufraffend , da er selbst als ein guter Gesellschafter es für unschicklich hielt , mit seinem häuslichen Kummer auf den Gästen zu lasten . » Dank für deine Erinnerung ! Der › Fund des Plautus ‹ ist die Fazetie , mit welcher ich heute euch , ihr Nachsichtigen , bewirten will . « » Nenne sie lieber den › Raub des Plautus ‹ « , warf ein Spötter ein . Poggio aber , ohne ihn eines Blickes zu würdigen : » Möge sie euch ergötzen « , fuhr er fort , » und zugleich belehren , Freunde , wie ungerecht der Vorwurf ist , mit welchem mich meine Neider verfolgen , als hätte ich jene Klassiker , deren Entdecker ich nun einmal bin , mir auf eine unedle , ja verwerfliche Weise angeeignet , als hätte ich sie – plump geredet – gestohlen . Nichts ist unwahrer . « Ein Lächeln ging im Kreise , zu welchem erst Poggio sich ernst und ablehnend verhielt , an dem er aber endlich selbst sich mitlächelnd beteiligte ; denn ihm war , als einem Menschenkenner , bewußt , daß auch die falschesten Vorurteile sich nur schwer wieder entwurzeln lassen . » Meine Fazetie « , parodierte Poggio die den italienischen Novellen gewöhnlich voranstehende breite Inhaltsangabe , » handelt von zwei Kreuzen , einem schweren und einem leichten , und von zwei barbarischen Nonnen , einer Novize und einer Äbtissin . « » Göttlich , Poggio « , unterbrach ihn ein Nachbar , » von der Art jener treuherzigen germanischen Vestalen , mit welchen du in deinem bewundernswerten Reisebriefe die Heilbäder an der Limmat wie mit Najaden bevölkert hast – das Beste , was du geschrieben , bei den neun Musen ! Jener Brief verbreitete sich in tausend Abschriften über Italien ... « » Ich übertrieb , euern Geschmack kennend « , scherzte Poggio . » Immerhin , Ippolito , wirst du , als ein Liebhaber der Treuherzigkeit , an meiner barbarischen Nonne deine Freude haben . Ich beginne . In jenen Tagen , erlauchter Cosmus , da wir unserer zur lernäischen Schlange entstellten heiligen Kirche die überflüssigen Köpfe abschlugen , befand ich mich in Konstanz und widmete meine Tätigkeit den großartigen Geschäften eines ökumenischen Konzils . Meine Muße aber teilte ich zwischen der Betrachtung des ergötzlichen Schauspiels , das auf der beschränkten Bühne einer deutschen Reichsstadt die Frömmigkeit , die Wissenschaft , die Staatskunst des Jahrhunderts mit seinen Päpsten , Ketzern , Gauklern und Buhlerinnen zusammendrängte – und der gelegentlichen Suche nach Manuskripten in den umliegenden Klöstern . Verschiedene Spuren und Fährten verfolgend , geriet ich auf die der Gewißheit nahe Vermutung , daß sich in einem benachbarten Nonnenkloster ein Plautus in den Händen barbarischer Nonnen befand , wohin er sich aus irgendeiner abgehausten Benediktinerabtei als Erbe oder Pfand mochte verirrt haben . Ein Plautus ! Denke dir , mein erlauchter Gönner , was es sagen wollte , damals wo nur wenige , die Neugier unerträglich stachelnde Fragmente des großen römischen Komikers vorhanden waren !