Conrad Ferdinand Meyer Gustav Adolfs Page I I In dem Kontor eines unweit St. Sebald gelegenen nürembergischen Patrizierhauses saßen sich Vater und Sohn an einem geräumigen Schreibtische gegenüber , der Abwickelung eines bedeutenden Geschäftes mit gespanntester Aufmerksamkeit obliegend . Beide , jeder für sich auf seinem Stücke Papier , summierten sie dieselbe lange Reihe von Posten , um dann zu wünschbarer Sicherheit die beiden Ergebnisse zu vergleichen . Der schmächtige Jüngling , der dem Vater aus den Augen geschnitten war , erhob die spitze Nase zuerst von seinen zierlich geschriebenen Zahlen . Seine Addition war beendigt und er wartete auf den bedächtigeren Vater nicht ohne einen Anflug von Selbstgefälligkeit in dem schmalen sorgenhaften Gesichte – als ein Diener ein trat und ein Schreiben in großem Format mit einem schweren Siegel überreichte . Ein Kornett von den schwedischen Karabinieren habe es gebracht . Er beschaue sich jetzt nebenan den Ratssaal mit den weltberühmten Schildereien und werde pünktlich in einer Stunde sich wieder einfinden . Der Handelsherr er kannte auf den ersten Blick die kühnen Schriftzüge der Majestät des schwedischen Königs Gustav Adolf und erschrak ein wenig über die große Ehre des eigenhändigen Schreibens . Die Befürchtung lag nahe , der König , den er in seinem neuerbauten Hause , dem schönsten von Nüremberg , bewirtet und gefeiert hatte , möchte bei seinem patriotischen Gastfreunde ein Anleihen machen . Da er aber unermeßlich begütert war und die Gewissenhaftigkeit der schwedischen Rentkammer zu schätzen wußte , erbrach er das königliche Siegel ohne sonderliche Besorgnis und sogar mit dem Anfange eines prahlerischen Lächelns . Kaum aber hatte er die wenigen Zeilen des in königlicher Kürze verfaßten Schreibens überflogen , wurde er bleich wie über ihm die Stukkatur der Decke , welche in hervorquellenden Massen und aufdringlicher Gruppe die Opferung Isaaks durch den eigenen Vater Abraham darstellte . Und sein guter Sohn , der ihn beobachtete , erbleichte ebenfalls , aus der plötzlichen Entfärbung des vertrockneten Gesichtes auf ein großes Unheil ratend . Seine Bestürzung wuchs , als ihn der Alte über das Blatt weg mit einem wehmütigen Ausdrucke väterlicher Zärtlichkeit betrachtete . » Um Gottes willen « , stotterte der Jüngling , » was ist es , Vater ? « Der alte Leubelfing , denn diesem vornehmen Handelsgeschlechte gehörten die beiden an , bot ihm das Blatt mit zitternder Hand Der Jüngling las : Lieber Herr ! Wissend und Uns wohl erinnernd , daß der Sohn des Herrn den Wunsch nährt , als Page bei Uns einzutreten , melden hiermit , daß dieses heute geschehen und völlig werden mag , dieweil Unser voriger Page , der Max Beheim seliger † ( mit nachträglicher Ehrenmeldung des vorvorigen , Utzen Volkamers seligen † und des fürdervorigen , Götzen Tuchers seligen † ) , heute bei wahrendem Sturme nach beiden ihme von einer Stückkugel abgerissenen Beinen in Unsern Armen sänftiglich entschlafen ist Es wird Uns zu besonderer Genugtuung gereichen , wieder einen aus der evangelischen Reichsstadt Nüremberg , welcher Stadt Wir fürnehmlich gewogen sind , in Unsern nahen Dienst zu nehmen . Eines guten Unterhaltes und täglicher christlicher Vermahnung seines Sohnes kann der Herr gewiß sein . Des Herrn wohlaffektionierter Gustavus Adolphus Rex . » O du meine Güte « , jammerte der Sohn , ohne sein zages Herz vor dem Vater zu verbergen , » jetzt trage ich meinen Totenschein in der Tasche und Ihr , Vater – mit dem schuldigen Respekt gesprochen – seid der Ursacher meines frühen Hinschieds denn wer als Ihr könnte dem Könige eine so irrtümliche Meinung von meinem Wünschen und Begehren beigebracht haben ? Daß Gott erbarm ! « und er richtete seinen Blick aufwärts zu dem gerade über ihm schwebenden Messer des gipsenen Erzvaters . » Kind , du brichst mir das Herz ! « versetzte der Alte mit einer kargen Träne . » Vermaledeit sei das Glas Tokaier , das ich zuviel getrunken – « » Vater « , unterbrach ihn der Sohn , der mitten im Elend den Kopf wo nicht oben , doch klar behielt , » Vater , berichtet mir wie sich das Unglück ereignet hat . « » August « , beichtete der Alte mit Zerknirschung , » du weißt die große Gasterei , die ich dem Könige bei seinem ersten Einzuge gab . Sie kam mich teuer zu stehen – « » Dreihundertneunundneunzig Gulden elf Kreuzer , Vater , und ich habe nichts davon gekostet « , bemerkte der Junge weinerlich , » denn ich hütete die Kammer mit einer nassen Bausche über dem Auge . « Er wies auf sein rechtes . » Die Gustel , der Wildfang , halb unsinnig und närrisch vor Freude , den König zu sehen , hatte mir den Federball ins Auge geschmissen , da gerade ein Trompetenstoß schmetterte und sie glauben ließ , der Schwede halte Einzug . Aber redet , Vater – « » Nach abgetragenem Essen bei den Früchten und Kelchen erging ein Sturm von Jubel oben durch den Saal und unten über den Platz durch das Kopf an Kopf versammelte Volk . Alle wollten sie den König sehen . Humpen dröhnten , Gesundheiten wurden bei offenen Fenstern ausgebracht und oben und unten bejauchzt . Dazwischen schreit eine klare , durchdringende Stimme : › Hoch Gustav , König von Deutschland ! ‹ Jetzt wurde es mäuschenstill , denn das war ein starkes Ding . Der König spitzte die Ohren und strich sich den Zwickel . › Solches darf ich nicht hören ‹ , sagte er . › Ich bringe ein Hoch der evangelischen Reichsstadt Nüremberg ! ‹ Nun bricht erst der ganze Jubel aus . Stücke werden auf dem Platze gelöst , alles geht drüber und drunter ! Nach einer Weile drückt mich die Majestät von ungefähr in eine Ecke . › Wer hat den König von Deutschland hochleben lassen , Leubelfing ? ‹ fragte er mich unter der Stimme . Nun sticht mich alten betrunkenen Esel die Prahlsucht « – Leubelfing schlug sich vor die Stirn , als klage er sie an , ihn