Eugenie Marlitt Reichsgräfin Gisela 1 Es war noch früh am Abend ... Die kleine Neuenfelder Turmglocke erhob pflichtschuldigst ihre Stimme und schlug sechsmal an – das klang wie ein halbersticktes Wimmern ; denn der Sturm sauste durch die Schallöcher und zerblies die dünnen Schläge nach allen vier Winden . Dabei lagerte bereits die undurchdringliche Finsternis einer lichtlosen Dezembernacht über der Erde ... Daß da droben die funkelnden Sternbilder in wandellosem Glanze allmählich aus dem tiefdunkeln Grunde hervortraten , daß es unbeirrt leuchtete und glühte wie über der wolkenlosen , blütenduftenden Maiennacht – wer dachte daran angesichts der vorübersausenden Wetterwand , die Erde und Himmel schied ? ... Und wer dachte an lieblichen Mondenglanz , an das matte Silberlicht der nachtgeborenen himmlischen Wanderer inmitten der gewaltigen vier Wände , die wie ein riesiger Würfel in das Dunkel hineinragten und an deren Ecken der Sturm machtlos seine Flügel zerstieß ? ... Da drin funkelte und leuchtete es auch , aber in jener unheimlichen Glut , die ein Feuerstrom , durch Menschenhand gelenkt und gebändigt , um sich verbreitet . Der Neuenfelder Hochofen war in voller Tätigkeit . Ein greller , blutigroter Schein entströmte dem Feuerkern des Vorherdes und floß über die nackten Quadern der Mauern und die geschwärzten Gesichter der schweißtriefenden Arbeiter . Was dort hervorquoll in flutender Bewegung und als glühende Tränen geschmeidig vom Gießlöffel herabtropfte , das waren die Erze , die , Jahrtausende starr und kalt im Panzer der Erde zusammengeschichtet , nun während eines einzigen furchtbaren Lebensmomentes ineinander rannen , um dann nach menschlicher Willkür und Laune in irgendeiner Form zu erstarren . Die Fenster des mächtigen Baues schimmerten nur matt nach außen , aber droben aus der Esse lohte die weithin sichtbare Glut , dann und wann eine Funkengarbe ausstoßend , als ob eine vermessene Faust eine Handvoll Sterne gegen den Himmel schleudern wollte – sie zerstoben wirkungslos im Dunkel , wie der Menschengedanke an den sieben Siegeln des großen Geheimnisses über uns . In dem Augenblick , als es sechs Uhr schlug , wurde die Haustür der unweit der Gießerei gelegenen Hüttenmeisterwohnung leise aufgemacht ; das sonst so vorlaute , unermüdlich nachklingende Türglöckchen schwieg dabei – es wurde offenbar mit vorsichtiger Hand gehalten , während eine Frau auf die Schwelle trat . » Ei du liebe Zeit , ' s ist unterdes Winter geworden ! Da haben wir ja mit einemmal den allerschönsten Weihnachtsschnee ! « rief sie . In diesem Ausruf lag eine heitere Überraschung , ein Ton , den man anschlägt beim plötzlichen Wiedersehen eines alten , lieben Bekannten ... Die Stimme klang fast zu tief und markig für eine Frauenstimme ; allein das verschlug den Pfarrkindern von Neuenfeld sehr wenig – sie schwuren auf das , was die Stimme ihrer Pfarrerin sagte , wie auf das Evangelium . Die Frau schritt vorsichtig die schlüpfrige Freitreppe hinab . In dem langhingestreckten , schwachrötlichen Lichtstreifen , den ihr Laternchen über den Weg warf , flirrte und flimmerte es einen Augenblick ungestört im lautlosen Niedersinken . Aber nun fegte ein jäher Windstoß um die Ecke ; er warf der Pfarrerin den großen Kragen ihres Mantels über den Kopf und zerstiebte den lockeren , federweißen Flaum auf Weg und Steg abermals in Atome . Die Pfarrerin schlug den Kragen zurück , schob mit der Linken den gelockerten Kamm fester in die gewaltigen Haarflechten des Hinterkopfes und zog das um die Ohren gebundene Tuch schützend über die Stirn . Wie ein Reckenweib stand die große , festgegliederte Gestalt inmitten des staubenden Schneewirbels , und der Laternenschein beleuchtete Züge voll Kraft und Frische , eines jener energischen Gesichter , über die der strenge Atem des Winters , wie der Wechsel des Lebens gleich erfolglos hinstürmten . » Nun will ich Ihnen etwas sagen , mein lieber Hüttenmeister ! « wandte sie sich an den Mann zurück , der sie begleitet hatte und auf der Türschwelle stand . » Da drin durft ' ich ' s nicht ... Meine Tropfen sind gut , und auf den Fliedertee lasse ich auch nichts kommen , aber es kann nicht schaden , wenn die alte Röse heute nacht aufbleibt – vielleicht behalten Sie auch einen von den Hüttenleuten in der Nähe , wenn etwa doch der Doktor herüber müßte . « Der Mann machte eine Bewegung des Schreckens . » Tapfer , tapfer , lieber Freund , es kann nicht immer so glatt abgehen im Leben ! « ermutigte die Pfarrerin . » Übrigens ist ja solch ein Doktor beileibe kein Werwolf , und man braucht nicht gleich an das Schlimmste zu denken , wenn man einmal mit ihm zu tun hat ... Ich bliebe gern noch da – denn wie ich merke , sind Sie durchaus kein Held am Krankenbett – , aber meine kleinen Panduren daheim wollen essen ; ich habe den Kellerschlüssel bei mir , und Rosamunde kann nicht zu den Kartoffeln ... Und nun Gott befohlen ! Geben Sie die Tropfen hübsch pünktlich – morgen in aller Frühe bin ich wieder da ! « Sie ging . Ihre Kleider blähten sich und flatterten wild auf , und der falbe , zitternde Lichtfleck der beunruhigten Laternenflamme hing bald droben an knarrenden Baumästen , bald kroch er scheu am Boden hin ; aber mochte der Sturm auch wütend hinter ihr hersausen , die Frau ließ sich nicht treiben , ihre Schritte blieben fest und gleichmäßig , bis sie verhallten . Der Hüttenmeister lehnte noch einen Moment in der Tür , und seine Augen verfolgten den tröstlichen Lichtschein , bis er in der Ferne erlosch . Mittlerweile war es in den Lüften stiller geworden – der Sturm hielt den Atem an ; von fern her tosten die niederstürzenden Wasser eines Wehres , und aus der Gießerei scholl das dumpfe Geräusch der Arbeit . Aber auch eilig sich nähernde Fußtritte wurden laut , und bald darauf bog eine männliche Gestalt um die Hausecke . Ein Soldatenmantel flog um die hageren Glieder des Mannes ; er hatte sich die Schildmütze mit dem Taschentuch auf