Die zweite Frau Roman von E. Marlitt Leipzig : Keil , 1891 1. Ueber dem Teich , hoch im blauen Frühlingshimmel , hing lange und unbeweglich ein dunkler Punkt . Das blanke Gewässer wimmelte von Fischen ; es lag immer so einsam , und wehrlos da , und die alten , nahe an seinen Spiegel gerückten Baumriesen konnten auch nicht helfen , wenn der graugefiederte Dieb , jäh aus den Lüften herabstürzend , nach Herzenslust das silberschuppige Leben im Wasser würgte . Heute nun traute er sich nicht herab , denn es waren Menschen da , große und kleine , und die kleinen schrieen und jubelten so ungebärdig und warfen im kindischen Vermessen ihre bunten Bälle nach ihm ; rastende Pferde wieherten und stampften das Ufergeröll , und durch die Baumwipfel quollen Rauchwolken und fuhren mit zuckenden Armen gen Himmel . Menschenlärm und Rauch – das war nichts für den heimtückisch hereinbrechenden Räuber , nichts für den Segler des kristallenen Aethers ; mißmutig zog der Reiher immer weitere Kreise und verschwand zuletzt unter einem gellenden Kinderhurra so spurlos , als sei sein gewichtiger Körper zerblasen und zerstoben . Am linken Ufer des Teiches lag ein Fischerdörfchen – acht zerstreut umherstehende Häuser , beschattet von vielhundertjährigen Linden , und so niedrig , daß die Strohdächer gerade zwischen den unteren Baumästen auftauchten . Mit ihren Hamen und Netzen an den Wänden , den schmalen Holzbänkchen neben der Thür , und an der Südseite flankiert von Weißdorn und Heckenrosen , hoben sie sich zierlich vom weißen Uferrande . An wuchtige ostfriesische Fischergestalten durfte man dabei freilich nicht denken ; auch war es gut , daß der ungeheure Park mit seinen beträchtlichen Waldstrecken die dahinterliegende Residenz vollkommen verdeckte – man glaubte an ländliches Leben und Treiben , bis eine der schmalen Hausthüren aufging . Hätte der deutsche Fürst gewußt , daß das harmlose Klein-Trianon der glänzenden Königin von Frankreich schließlich den Kopf kosten sollte , so wäre das Fischerdörfchen sicher nie gebaut worden ; aber er war nicht prophetischen Geistes gewesen , und so stand die anmutige Nachbildung seit beinahe hundert Jahren am Parkteich – die primitivste Idylle von außen , und im Innern das verwöhnteste Menschenkind umschmeicheln . Der Fuß , an dem der Uferkies hing , trat direkt auf schwellende Teppiche ; dicke Seidenstoffe glänzten auf den Polstermöbeln und drapierten die Wände , da und dort unter breiten Spiegelflächen verschwindend . Wenn draußen auch bis zur glücklichen Täuschung mit Armut und Einfachheit kokettiert wurde , an weißgescheuerten Tischen mochte man doch nicht essen , noch weniger aber auf harten Holzbänken vom süßen Spiel ausruhen . Das Fürstenhaus , dessen einem Sproß das Fischerdörfchen sein Dasein verdankte , hielt seit alten Zeiten fest an dem Brauch , nach welchem jeder Thronerbe in seinem achten Lebensjahre eine Linde pflanzen mußte . Der Wiesengrund am linken Teichufer , das Maienfest genannt , war so zu einer historischen Merkwürdigkeit , zu einer Art Ahnentafel geworden . Selten war wohl einer der gefürsteten Bäume eingegangen – das Maienfest hatte wahre Prachtexemplare aufzuweisen ; uralte Recken im eisgrauen Panzer , hielten sie den mächtigen grünen Schild himmelstürmend empor und schützten die Nachgekommenen und die Schwächlinge , denn die waren auch da , trotz der empfangenen Weihe – die Natur läßt sich eben kein Wappen aufnötigen . Heute , im Monat Mai , war der wichtige Akt für den Erbprinzen Friedrich gekommen . Selbstverständlich feierten der Hof und die loyale Residenz den Tag in der durch das alte Hausgesetz vorgeschriebenen Weise . Sämtliche Kinder der Hoffähigen waren eingeladen ; die minder Glücklichen aber , die über keine fünf- und siebenzinkige Krone zu verfügen hatten , fuhren mit ihren Eltern hinaus , zuzusehen , wie ein wirklicher Prinz den Spaten handhabe . Hinter der Wagenburg trieb sich eine Menge Volks auf Weg und Steg herum , und die wilde Jugend hockte auf den Bäumen , unbestritten den vorteilhaftesten Observationsposten . Das Fest war auch ein zwiefaches . Vor achtzehn Monaten war der Vater des Erbprinzen , der Landesherr , gestorben , und mit dem heutigen Tage erst hatte die schöne Herzogin-Witwe die ungewöhnlich lange festgehaltene tiefe Trauer abgelegt . Dort stand sie , neben dem bereits gepflanzten Lindenstämmchen . Nicht einen Augenblick blieb man im Zweifel , daß sie die Höchstgebietende sei . Sie war schneeweiß gekleidet ; nur im Gürtel hing ihr eine blasse Heckenrose und von dem roten Futter des kleinen Sonnenschirms , mit welchem sie das unbedeckte Haupt beschattete , fiel ein leichter Rosaschein über das Gesicht , über ein feines , sehr kurzes Näschen und üppig geschwungene , wenn auch nur schwach gefärbte Lippen . Die auffallend unregelmäßigen Linien unter mähnenartig sich aufbäumenden schwarzem Haar , der Schatten , der sich zart bläulich um die Augen legte , und jener wachsweiße , unbelebte Teint , bei welchem wir gleichwohl unwillkürlich an große innere Leidenschaftlichkeit denken müsse , verliehen dem Gesicht den Typus der spanischen Kreolin , wenn auch sicher nicht ein Tropfen Blutes jener Rasse durch die Adern der deutschen Fürstin lief . Sie verfolgte den kreisenden Reiher mit derselben Aufmerksamkeit , wie die Kinderschar , die bei seinem Verschwinden in das jubelnde Hurra ausbrach . » Du hast wieder nicht mitgeschrieen , Gabriel , « sagte zornig ein kleiner Knabe zu einem größeren , neben ihm stehenden , dessen einfacher , weißer Leinenanzug inmitten der elegant gekleideten Kinder seltsam auffiel . Der Angeredete schwieg und seine Augen suchten den Boden ; das versetzte den Kleinen in Wut . » Schämst du dich denn gar nicht vor den anderen , elender Junge ? ... Auf der Stelle schreist du Hurra ! Wir rufen auch mit ! « befahl und ermutigte er zugleich . Der weißgekleidete Knabe wandte angstvoll das Gesicht weg . Er machte Miene , seinen Platz zu verlassen - da hob der Kleine blitzschnell seine Gerte und schlug ihn in das Gesicht . Die Kinder stoben auseinander – einen Augenblick stand die kleine zornbebende Gestalt allein – ein ideal-schönes Kind in elegantem grünen Samtanzuge