Das Eulenhaus 1. Die Goldregen- und Syringenbüsche in den Hofwinkeln des Geroldschen Gutes strotzten heuer von Dolden und Trauben , das Brunnenwasser stürzte , durchfunkelt von jungem Maisonnenlicht , mit kräftigem Getöse in den Steintrog , und auf den Stall- und Scheunendächern lärmten die Spatzen . Es schien , als blühe , dufte und lärme es heute stärker als je auf dem Geroldshofe , so recht wie im Gefühl der Heimatsfreude , denn die Büsche , der Brunnen und das alte Sperlingsgeschlecht in seinen liederlichen , verrotteten Nestern , sie blieben ja da , sie wurden nicht vertrieben , wie die aufgeschreckten Spinnen und Motten hinter fortgerückten uralten Schränken und Truhen im Gutshause . Ja , schlimm genug sah es aus da drinnen , fast wie im Kriege : so kahl waren die Wände und ein so wildes Durcheinander lag und stand auf den Dielen des Speisesaales ! Da war nichts von dem , was brave Hausfrauen in den Wäschespinden und Bettkammern und ihre Eheherren an Haus- , Silber- und Jagdgerät aufgesammelt hatten , das nicht in diesen Saal mußte , um sich von fremden kaltprüfenden Augen anschauen zu lassen und nachher auf weit auseinanderlaufenden Wegen zerstreut und aus aller Gemeinschaft gerissen in die Welt zu wandern . Wie sie beleidigend durch die offenen Saalfenster herausklang , die wie mit dickem Möbel- und Bücherstaub belegte Gerichtsschreiberstimme bei ihrem eintönigen » Zum ersten , zum zweiten ... « ! Es war fast zu verwundern , daß nicht einer der alten Gestrengen seinen jahrhundertelangen Schlaf abschüttelte , um bei dieser Stimme protestierend aus dem unterirdischen Steingewölbe der nahen Hauskapelle herauszufahren . Da drunten zerstäubte ja so manche Männerfaust , die einst kräftig dreingeschlagen , um das , was sie an Hab und Gut erworben oder vielleicht auch sich gewaltsam angeeignet hatte , mit Mord und Totschlag zu behaupten . Aber der letzte Besitzer von Geroldshof , dem jetzt alles , was nicht niet- und nagelfest war , so vor den Augen weggeschleppt wurde , hatte gesänftigtes Blut in den Adern . Er war ein edel schöner Mann mit verschleiert blickenden Augen , mit einer Stirn , die das Sinnen und Grübeln faltete und zugleich verklärte . Er saß in seiner stillen , just in dem Winkel gelegenen Hinterstube , wo sich das Syringengebüsch hoch bis über das Fenster hinaufreckte . Die weißen und blauen Blütentrauben klopften bei jedem Windhauch schaukelnd an die Scheiben , die , fest geschlossen , den Versteigerungslärm vom Speisesaal her ziemlich erfolgreich abwehrten . Herr von Gerold schrieb an einem Tisch von Fichtenholz , den man ihm großmütig aus der Konkursmasse überlassen hatte . Für ihn war es offenbar nicht von Belang , daß sein Manuskript jetzt auf der weißgescheuerten Platte eines Gesindetisches lag , sein Geist , der Außenwelt abgewandt , vertiefte sich in Probleme , während die Hand kleine , weichverschwimmende Schriftzüge auf das Papier warf , und nur dann wurde sein Aufblick bewußter , und so etwas wie liebevolle Freude an einem plötzlich auftauchenden Kindergesicht glitt über seine Züge , wenn die Syringenblüten draußen ihm zunickten . Es war aber außer ihm noch jemand im Zimmer , ein kleines , dickes , blondhaariges Mädchen , das sich in eine der Fensterecken gedrückt hatte . Dem kleinen Ding lag etwas genau so am Herzen , wie dem schreibenden Mann dort sein Manuskript - die Spielkameraden . Es hatte in dem Winkel alles zusammengeschleppt , was ihm allein gehörte , ja , ganz allein ! Das schönbemalte Porzellantafelgeschirr für eine Kindergesellschaft hatte die gute Hoheit geschickt , und alle Puppen , die Schleppkleiderdamen wie die Schreikinder , waren zu Geburtstag und Weihnachten in langen Kisten angekommen , und auf die Bretterdeckel hatte Tante Klaudine allemal selbst geschrieben : » An die kleine Elisabeth von Gerold « . Der Papa hatte es ja stets dem Kinde vorgelesen . Nun saß diese kleine Elisabeth inmitten ihrer Reichtümer wie in einem Nest , das jüngste Wickelkind im Arm und die großen Blauaugen scheu und ängstlich auf die Tür geheftet , wo vorhin die bösen Männer mit den letzten Bildern und der schönen » Ticktackuhr « hinausgegangen waren . Sie patschte leise beschwichtigend auf das Wickelkissen . Sonst aber verhielt sie sich mäuschenstill , denn der Papa machte ja immer ein so erschrecktes Gesicht , wenn sie ihn im Schreiben störte . Und es kam auch jetzt kein Laut aus ihrem Munde , als plötzlich die gefürchtete Tür lautlos aufging , aber die Wickelpuppe glitt vom Schoße auf die Erde nieder , die kleine dicke Person erhob sich von ihrem Korbstühlchen , wackelte , so schnell es die Beinchen vermochten , durch das Zimmer und hob mit glückstrahlendem Gesicht die Arme zu der Dame empor , die eingetreten war . Ach , sie war gekommen , die Tante Klaudine , die schöne Tante , die dem Kinde vieltausendmal lieber war als Fräulein Duval , die Erzieherin , die immer zu den anderen Leuten im Hause gesagt hatte : » Fi donc , was für ein pauvres Haus ! Nichts für Claire Duval ! Ich gehe ! « Und sie war gegangen und war gar nicht mehr gut und höflich zu dem Papa gewesen , und das Kind hatte sich nachher die Wange rein gerieben von Fräulein Duvals kaltem , häßlichem Kuß . Ja , das war nun freilich anders , als jetzt zwei weiche Hände es sanft emporhoben und ein süßer Mund es zärtlich küßte , und dann glitt die junge Dame ebenso geräuschlos , wie sie gekommen , über die Dielen – nur das dunkle Seidenkleid knisterte ein wenig – und legte die Hand auf die Schulter des schreibenden Mannes . » Joachim ! « rief sie ihn mit sanfter Stimme an und bog sich vor , um in sein Gesicht zu sehen . Er fuhr empor und stand sofort auf seinen Füßen . » Ah , Klaudine ! « rief er in sichtlichem Schrecken . » Schwesterchen , liebes Kind , hierher durftest du nicht kommen . Sieh ,