Arzt der Seele Wilhelmine von Hillern ( 1869 ) Band I Erstes Kapitel . „ Nur ein Mädchen “ . In einer waldumsäumten aber flachen Gegend Nord ­ deutschlands unweit eines ärmlichen Dorfes lag eine rauchende Branntweinbrennerei , wie man deren häufig auf den Gütern norddeutscher Adeligen findet , damit verbunden ein großartiges Fabrikgebäude und ein Gehöft mit einem von Unkraut überwucherten Gemüsegarten , einigen Obstbäumen , welche die Trümmer längst ver ­ fallener Bänke beschatteten , und einem Wohnhause , das zwar stattlich gebaut , aber so verwahrlost und schmutzig war , wie sein Wächter , der lechzende , magere Kettenhund , dessen leerer , sandiger Freßtrog und ausgetrockneter Saufnapf zeigten , wie lange dem armen Tiere bei der drückenden Juli-Hitze keine Erquickung gereicht worden war . — Wer auf dies Bild einen Blick warf , konnte nicht zweifeln , daß das Innere des Hauses ebenso trostlos sei , wie sein Äußeres , und daß darin keine milde liebestätige Hand walte , die ein Haus rein und schmuck erhält , einen Garten pflegt , einem Tier seine Nahrung reicht — und wo eine solche Hand fehlt , da fehlt auch den Menschen Pflege und Ordnung , Freude am Schönen und nicht selten am Guten — vielleicht sogar jede Freude und jedes Glück ! — Es war Niemand auf dem Hofe und im Garten , nichts regte sich als ein paar leise piepende Hühner , die sachte eines nach dem anderen hinter dem Hundehaus hervortrippelten , um sich einen etwaigen Abfall von des Hundes Fressen zu suchen . Ehe sie ganz herankamen , zogen sie ein Bein hinauf , drehten fragend die Köpfe zur Seite und warteten vorsichtig , ob sich dieser wohl rühren würde , sie zu verscheuchen , aber er blieb matt in seiner Hütte , die Schnauze zwischen die Pfoten gelegt und die blutunterlaufenen Augen starr ins Weite ge ­ richtet . Nun schlichen die hungrigen Hühner ermutigt heran und pickten und suchten um den Freßnapf her , doch vergebens , es war nichts zu finden weit und breit , als trockener Sand . Neben dem Brunnen stand ein Butterfaß , und eine Bank , auf welcher ein Ballen frischer Butter lag , der vergessen und von der Sonne geschmolzen in das wuchernde Unkraut herabtroff . Vielleicht dachte der arme schmachtende Hund darüber nach , wie sehr ihm diese Verschwendung zu Gute käme , wäre sie in sein Bereich gefallen , denn er sprang plötzlich auf und lief , seine rasselnde Kette nach sich ziehend , so weit wie möglich von der Hütte weg , als wolle er sich überzeugen , wie lang denn seine Fessel eigentlich sei ; dann hielt er an , besann sich eine Weile und kroch gesenkten Kopfes wieder unter sein niederes Dach zurück . — Vor einem Fenster des Erdgeschosses standen ein paar unbegossene und verdorrte Kaktusstöcke und einige Flaschen mit destillierten Kräutern ; der einen davon mangelte der Kork und ihr Inhalt war mit Mücken und Käfern vermischt . — Alles , was weit und breit zu sehen war , zeugte von Nachlässigkeit und Unreinlichkeit , aber ihr fehlte die Entschuldigung der Armut , denn wie reich der Eigentümer des Gutes sei , bewiesen die ausgedehnten Vieh- und Pferdeställe , die weitläufigen Ökonomiegebäude und die unabsehbaren Kartoffel- und Kornfelder , welche dasselbe umgaben . Die Anwesenheit eines Kranken oder Lahmen verriet ein bequemer kleiner Rollwagen , der auf dem Hofe stand und dessen Lederkissen von der Sonne durchröstet wurden . — Im Hause schien nur der unterste und oberste Stock bewohnt , denn die Laden des mittleren waren sämtlich geschlossen und so dick mit Spinngeweben überzogen , daß sie schon seit lange nicht mehr geöffnet worden sein konnten ; auch waren die Schwalben vielleicht die einzigen lebenden Geschöpfe , denen das unfreundliche Gebäude ein angenehmes Obdach ge ­ währte , denn sie hatten sich massenhaft angesiedelt und die Gesimse zeigten reiche Spuren ihres Haushaltes . — Die Hühner reckten neidisch blinzelnd die Köpfe zu ihnen empor und hüpften auf die niederen Fenster des Erdgeschosses , um dessen Bewohner an ihr Dasein und ihre Bedürfnisse zu erinnern . Plötzlich aber flatterten sie er ­ schrocken weg , denn aus einem der geöffneten Fenster klang der Schrei eines Kindes so durchdringend und wehklagend , daß der große Hund die Ohren spitzte und wieder unruhig die Länge seiner Kette maß . In einem niedern Zimmer , einer Art Gesindestube , in welcher die schwüle Luft zum Ersticken verschlimmert war durch den Dunst eines geheizten Plättofens und feuchter Wäsche , welche drei robuste , schweißtriefende Mägde glätteten , stand vor einer alten Kommode ein kleines Mädchen von ungefähr zehn Jahren . Es war halb entkleidet und das von den Schultern fallende Hemdchen gab ein Körperchen bloß , so zart und schmächtig , daß sein Anblick jeder Mutter die Tränen in die Augen getrieben hätte . Aber es war keine Mutter bei dem Kinde , sondern eine alte Haushälterin , die mit ihren knochigen Fingern die Kleine verletzt zu haben schien , denn sie hielt sich laut weinend mit der einen Hand die magere Schulter und weigerte sich , ein Kleid anzuziehen , das ihr die Frau aufdringen wollte . „ Was gibt es denn schon wieder ? “ schrie eine zornige Stimme aus dem Nebenzimmer . Das Kind fuhr er ­ schrocken zusammen , die Alte ging zur Türe und rief hinein : „ Ernestine ist wieder so ungezogen , daß man es nicht aushält . Sie hat ihr bestes Kleid zerrissen , weil sie behauptet , es sei verwachsen und tu ’ ihr weh ; es ist aber nicht wahr , es sitzt noch ganz gut . “ „ Wie kann denn das elende Ding ein Kleid ver ­ wachsen haben ! “ entgegnete die rauhe Stimme von Innen . „ Augenblicklich ziehst Du es an und machst , daß Du fortkommst ! “ Das Kind lehnte an der Kommode und sah düster und trotzig vor sich nieder . „ Sie tut es