Drüben in dem hohen , schmalen Hause , hinter den Fenstern mit den weißen Filetgardinen und den vielen Geraniumtöpfen , da wohnte sie , von der ich hier erzählen will . Freilich war sie jetzt kein schönes , junges Mädchen mehr , auch kommen keine spannenden Szenen , keine romantischen Handlungen in der Erzählung vor . Es ist eben eine einfache Geschichte , die ich hier niederschreibe , sehr einfach , aber wahr , denn sie hat sie mir selbst anvertraut , und meine Heldin ist eine alte Jungfer . Erschreckt nicht , meine freundlichen Leserinnen , ihr glaubt nicht , welch eine Fülle von Poesie ich drüben in dem kleinen Stübchen fand . Wie manchen langen Nachmittag habe ich an meinem Fenster gesessen und , scheinbar mit einer Arbeit oder mit Lektüre beschäftigt , mein einsames Visavis beobachtet . Und wenn die noch immer zierliche Gestalt im einfachen grauen Lüsterkleide , das schneeweiße Häubchen auf dem glatt gescheitelten Haar , am Fenster saß und die Zeitung las , indem sie strickte , so überkam mich immer ein unendliches Mitleid mit der Einsamen . Nie sah ich eine Freundin bei ihr , nie überhaupt einen Besuch . Nur die kleinen Kinder ihres Hauswirts erblickte ich manchmal an ihrem Fenster , eifrig beschäftigt , Äpfel zu schmausen . Die alte Dame , die gütige Spenderin dieser Leckereien , stand hinter ihnen und sah mit strahlendem Lächeln , wie es den kleinen Wesen schmeckte . Leise hauchte sie dann wohl einen Kuß auf so ein blondes Köpfchen , als wollte sie es segnen . Jeden Nachmittag zur bestimmten Zeit sah ich sie aus ihrer Haustür treten , um spazierenzugehen . Ein paar Stunden später saß sie schon wieder strickend oder nähend in ihrem Lehnstuhl am Fenster . Zuweilen , an warmen Sommerabenden , wenn sie die Fenster geöffnet hatte , dann konnte ich sie an ihrem altmodischen Spinett sitzen sehen , und alte , längst vergessene Melodien klangen zu mir herüber . Oh , stundenlang hätte ich zuhören mögen , während meine Phantasie sich mit ihrer Vergangenheit beschäftigte . Wie kommt es nur , daß sie so gänzlich einsam ist ? dachte ich dann . Die Nachbarn nannten sie » das alte Fräulein Siegismund « , aber weiter konnte ich trotz meines Forschens nichts erfahren . » Sie geht mit keinem Menschen um – sie lebt ganz für sich – sie ist vollständig unzugänglich « – das waren die Antworten auf meine Fragen . Je mehr und je länger ich das alte Fräulein verstohlen beobachtete , je reger wurde mein Interesse , je größer mein Mitleid , je lebhafter der Wunsch , etwas von ihr zu erfahren . Da ging ich einmal , es war gegen Abend , und zwar an einem wunderschönen Sommerabend , nach dem Garnisonkirchhof , um einen Kranz auf das Grab einer früh verstorbenen Freundin zu legen . Auf dem wohlgepflegten Friedhofe war es still und einsam , die Rosen standen in vollster Blüte und gossen ihre Wohlgerüche verschwenderisch aus über die stillen Hügel . Es hatte am Nachmittage gewittert , die Luft war so rein , die Bäume und der Rasen so grün und frisch , daß man an den Tod nicht glauben mochte . Die Sonne blitzte noch einmal durch die zerrissenen Wolken und spiegelte sich in den Tautropfen der Gräser und Blumen , die wie zahllose Tränen erschienen an diesem Orte . Mein Rosenkranz war bald um das einfache Marmorkreuz geschlungen . Ich setzte mich einen Augenblick auf die kleine Bank unter die Trauerweide und dachte an die , die nun schon seit einem Jahre unter dem grünen Hügel lag . Sie hatte Rosen so sehr geliebt , sie war auch noch so jung gewesen und so plötzlich aus dem strahlenden Glücke gerissen worden . Trostlose Eltern , ein vor Schmerz beinahe verzweifelnder Bräutigam hatten an dem Sarge des lieblichen Mädchens gestanden . Mich hatte es damals sehr ergriffen , den ersten Schatten auf mein Leben geworfen , als ich die heitere Gefährtin der schönen Mädchenzeit so rasch sterben sah – wie glücklich hätte sie noch werden können , wie lange noch leben – ja wie lange ! Ob das Leben nur so ein Glück ist ? Doch nicht immer , wenn man so lebt , wie das alte , einsame Mädchen drüben . Ob es nicht besser ist , man stirbt jung , geliebt , heiß beweint , als einsam sein alle Tage ? So lange ! Da hörte ich Tritte hinter mir , mich umschauend , gewahrte ich die , an die ich eben gedacht hatte . Sie trug ihr graues Kleid , das schwarze Tuch , den altmodischen Hut und Sonnenschirm und in der Hand einen Kranz von Geraniumblüten . Sie ging mit zur Erde gesenkten Blicken dem älteren Teile des Kirchhofes zu und verschwand bald hinter den Gebüschen meinen Augen . Meine Neugierde war auf einmal wieder mächtig rege geworden . Wessen Grab mag sie hier bekränzen ? fragte ich mich . Ihre Eltern waren nicht hier gestorben – das wußte ich . Ich setzte mich wieder und wollte warten , bis sie zurückkäme . Dann aber stand ich auf und ging vorsichtig nach derselben Richtung , die sie eingeschlagen hatte . Auf einmal hemmte ich meine Schritte , nicht weit von mir , den Rücken mir zugewendet , lag die alte Dame auf den Knien vor einem ganz mit Efeu bewachsenen Hügel , das Gesicht in die dunklen Blätter gedrückt . Ich trat hinter ein altes , verwittertes Denkmal und sah zu ihr hinüber – regungslos verharrte sie in dieser Stellung . Es wurde mir förmlich unheimlich in dieser Stille , die dunkle Gestalt vor mir . Dann erhob sie sich plötzlich und ging wieder davon mit ebenso gesenkten Blicken , nur bemerkte ich Spuren von vergossenen Tränen auf ihrem Gesicht . Der Geraniumkranz lag auf den dunklen Blättern des Efeu . Als ich sie nicht mehr sah , trat ich zu dem Grabe . Mein Fuß stieß an einen