5 Alte Liebe . Wirklich ein behagliches , ein allerliebstes Nest hatte sie sich geschaffen , in dem sie nun ihre » alten Tage « leben wollte . In einer Villenstraße Dresdens , erster Stock , Halbetage , fünf Zimmer und Gartengenuß . Außer ihr vorläufig nur die Familie des Wirtes im Hause , die andere Hälfte ihrer Etage war eben frei geworden . Das alte Fräulein , das dort wohnte , starb vor vierzehn Tagen , nachdem sie fünfundzwanzig Jahre dort gewohnt hatte . Bevor der Mietzettel ausgehängt wurde , mußte das Quartier erst neu hergerichtet werden . Der Wirt hatte versprochen , die Maler und Maurer erst kommen zu lassen , wenn sie , Helene Wilkens , in die Sommerfrische gereist sei . Wirklich rücksichtsvoll für einen Hauswirt ! – Nein , sie ist durchaus glücklich , aus der kleinen Vaterstadt fortgezogen zu sein nach dem Tode ihres Vaters . Das alte Haus dort mit den trüben Erinnerungen , in dem ihre Seufzer und ihre Tränen lebendig geblieben waren , in dem jeder Raum ihr erzählte von aufgeopferten Wünschen und ungestillter Sehnsucht , von dem Verkümmern und Verblassen ihrer Jugend , das hätte sie beinah erdrückt , nun sie es allein bewohnen sollte mit diesen Erinnerungen . 8 Sie war hier erst wieder aufgelebt , und hier erst würde sie vergessen lernen . Hier , wo sie nichts mehr erinnerte und mahnte an ihres Herzens einzige große Liebe . Es wurde aber auch Zeit , wenn sie noch etwas haben wollte vom Dasein . Sie war vierzig Jahr gewesen vor ein paar Wochen ! Man sah es ihr nicht gerade an . Wenn sie angeregt war , bekamen ihre Wangen Farbe und ihre Augen wieder Glanz ; aber mitunter , wenn die Erinnerung sie heimsuchte , dann hatte sie das Gesicht einer müden kranken Frau . Ein wenig voller war sie geworden in ihrem öden Dahinvegetieren zwischen der Krankenpflege des Vaters und den Kaffees , in denen das gesellige Leben ihrer Vaterstadt bestand . Im ganzen fühlte sie sich alt , recht alt , wenn sie sich auch noch freuen konnte am Schönen . Die Mittel , angenehm zu leben , waren ihr reichlich zu teil geworden . Das ganze Vermögen hatte sie bekommen als einzige Erbin . Alles gut angelegt in Staatspapieren , auf der Reichsbank deponiert . Sie freute sich , wenn sie mit der unterschriebenen Quittung in das elegante Banklokal wanderte , um die beträchtlichen Zinsen zu erheben . Das war auch ein Zeichen vom Alter ! Es hatte eine Zeit gegeben , da hatte sie dieses Geld gehaßt aus der tiefsten Tiese ihres jungen Herzens . Damals , als der Vater ihr sagte . » Ja , begreifst du denn nicht , Kind , daß der Wendenfels in erster Linie an dein Geld denkt ? « Kein Beschwören , kein Beteuern der Tochter hatte geholfen , ihn von seiner Meinung zu bekehren . Der junge Leutnant ging eines Tages mit einem Korbe heim – ließ sich versetzen und – tröstete sich nach Jahr und Tag mit einer andern . Er war schon Hauptmann , als er heiratete , und er nahm ein ganz armes Mädchen . Mit mühsam unterdrückten Tränen erzählte Helene Wilkens ihrem Vater von der armen Heirat , die der Verschmähte gemacht hatte . Aber der alte Herr schwieg sich darüber aus . Ja , der Mann hatte sich getröstet über seine fehlgeschlagenen Hoffnungen , – sie konnte es nicht . Sie schickte einen Freier nach dem andern fort . Es war , als habe der Frost , der über 9 ihr junges Liebesglück daherfuhr , mit den ersten Knospen auch alle Fähigkeit zu einem späteren Blühen vernichtet . Nun war sie endlich ruhig . Das machte das Alter und die veränderte Umgebung . Sie konnte manchmal lächeln , wenn sie daran dachte , was aus ihren Freundinnen geworden war , die ausnahmslos verheiratet waren , deren junges Glück sie bitter beneidet hatte , wenn sie ihnen auch mit möglichster Haltung den Brautkranz wand oder Patenstelle annahm bei dem kleinen Nachwuchs . Oh , sie lachte sie jetzt alle aus in ihrem sorglosen Dasein , – sie wurde von ihnen beneidet ! Heute nachmittag war eine dieser Freundinnen zu Besuch bei Helene Wilkens ; die war irgendwie nach Dresden verschlagen 10 worden mit ihrem Mann , der sich Professor nannte und junge Leute zum Fähnrichexamen vorbereitete . Die beiden Damen saßen im gemütlichen Erkerzimmer Helenens am Kaffeetisch , und die verärgerte und abgehetzte Professorin , die sich mit Mühe und Not ein Stündchen freigemacht hatte von den Pflichten ihres großen Haushaltes , ließ die musternden Augen umgehen über alle die traute Behaglichkeit und sagte mit einem Seufzer : » Du hast ' s gut , Lenchen ! Ja , wenn ich heute noch einmal davorstände , ich heiratete nicht . Aber was weiß man denn als junges Mädchen , lieber Gott ! Ich spreche so oft zu meinen Töchtern : Kinder , heiratet nicht , macht ' s wie Tante Lenchen Wilkens , – was geht der ab ? « » Na , weißt du , Sophiechen , das glauben dir die jungen Dinger doch nicht , das laß man ! « meinte Helene . » Ich hab ' s meinem Vater auch nicht geglaubt , wenn er sagte : Was geht dir ab ? Du hast ' s doch gut bei mir ! « » Ja , ja , freilich ! « murmelte die Professorin und tunkte ein Stück Kuchen in den Kaffee . » Und dann , « fuhr Helene fort , » es war auch nicht leicht , alles stillschweigend aufzugeben . Das Schwere und Bittere liegt hinter mir . Du hast alles Süße und alles Glück zu rechter Zeit gehabt , und wenn du nun ein bissel Sorgen hast , so ist es doch nur gerecht . Ebenso , daß ich nun noch ein bißchen Behaglichkeit und Selbständigkeit erlebe . « » Nun , « meinte die andre