Unverstanden . Von W. Heimburg . „ Vetter Ulrich ! Vetter Ulrich ! “ rief eine frische Mädchenstimme hinter mir , als ich eben aus dem Gartenpförtchen hinausging , und mich umsehend , erblickte ich über dem glänzenden Grün der Cornelius-Kirschhecke den blonden Kopf meiner Base Frieda . Frieda war mir eigentlich mehr als nur Base . Ihr hübscher , kleiner , rother Mund hatte mir just vor einem Jahre in der verschnittenen Buchenlaube dort unten im Garten feierlich versprochen , sie wolle meine Frau Doctorin werden , eine Thatsache , die großen Sturm erregte in dem freundlichen Oberförsterhause . Denn der Onkel schalt uns dumme Kinder und wollte nichts wissen von einer Studentenverlobung , und die Tante , die gute , freundliche , stand officiell auf ihres Mannes Seite , heimlich aber tröstete sie an uns herum und malte uns in den prächtigsten Farben aus , wieviel schöner ein solches Glück sei nach einer kurzen Prüfungszeit , die noch dazu nur dreihundertfünfundsechszig Tage dauere . Nach einem Jahre nämlich dürfte ich , wenn ich noch so dächte wie jetzt und es bis dahin wirklich zum „ Doctor “ gebracht , auch glücklich das Staatsexamen bestanden hätte , im Oberförsterhause wiederum anfragen ; so lautete des gestrengen Onkels Ultimatum . „ Und , “ fügte er noch hinzu und nahm die Pfeife aus dem Munde , aus der er so rasch und hastig geraucht hatte , daß die blauen Wölkchen so regelmäßig wie bei einer arbeitenden Dampfmaschine hervorgequollen waren , „ und , mein alter Junge , ich erwarte nun von Dir , daß Du dem Mädchen , der Frieda , nicht Fisematenten in den Kopf setzest mit Liebesbriefen und unnütz Papier verschwendest . Nach so einem Wisch sind die Frauensleute allemal acht Tage lang nicht zurechnungsfähig ; bis sie geantwortet haben , verlieren sie Schlüssel , lassen die Suppe anbrennen , und wenn das Geschreibsel endlich zur Post ist , gucken sie schon anderen Tages nach Antwort aus , laufen dem Postboten meilenweit entgegen und heulen sich die Augen roth , kommt nicht zur rechten Zeit so ein rosenrother Papierfetzen . – ich will solche Wirtschaft nicht – laß es Dir gesagt sein ! “ Was blieb mir übrig ? Ich versprach es , und ehe ich abreiste , gelobte mir Frieda noch einmal ewige Treue in der Buchenlaube unten und ich ihr desgleichen , und die Thränen aus ihren großen blauen Augen wollten gar kein Ende nehmen . Ich mußte trösten und trösten und schied mit einem so schweren Herzen , wie man es eben nur haben kann , wenn man jung , Student und so bis über die Ohren verliebt ist , wie ich es in meine kleine blonde Cousine war . Ein Mann , ein Wort ! Ich schrieb nicht an Frieda , obgleich ich nicht leugnen kann , daß ich anfänglich täglich einen Brief verfaßte : ich vernichtete ihn aber jedesmal – zu meiner Ehre sei es gesagt ! Dennoch gewährte mir diese einseitige , nie ihre Bestimmung erreichende Korrespondenz eine gewisse Beruhigung , denn ich hatte doch Alles das , was mir das Herz zum Zerspringen voll machte , herausgefördert . Daß ich natürlich allerlei kleine erlaubte Listen anwendete , wird mir wohl Niemand verargen können . So zum Beispiel schrieb ich an meine liebe Tante und zukünftige Schwiegermutter einen langen Geburtstagsbrief ; bis Dato hatte ich sie immer nur mit einer Karte beglückt , auf welcher ein bunter Blumenstrauß oder pausbäckiger Engel das „ Ich gratulire “ illustrirte ; nun schrieb ich und schrieb und fragte nach allem Möglichen und so nebenbei auch nach Frieda ; denn der Onkel las alle Briefe seiner Frau . Ich erhielt auch eine Antwort auf diesen Brief , aber leider war ' s ein Lied ohne Worte ; denn Tante begnügte sich , mir eine respectable Eßkiste , mit prächtiger frischer Wurst vom letzten Schlachten , nebst den besten Grüßen zu übersenden . „ Sie habe so gar keine Zeit zum Schreiben “ , war auf der Paketadresse noch hinzugefügt . Nun erwies sich die Wurst zwar als sehr delikat , wie es bei einer Hausfrau vom Schlage meiner Tante gar nicht anders sein kann , aber so ganz befriedigte mich diese Antwort denn doch nicht ; ich wandte mich in meiner Noth mit der Bitte um irgend einen guten Rath in irgend einer Angelegenheit , in der ich allein ganz gut wußte , was ich zu thun hatte , an meinen Onkel . Diesmal kam auch ein Brief „ Junge , laß mich ungeschoren ! Ich verstehe nichts davon , frag doch Deinen Alten ! “ war ungefähr der Inhalt , und ein letzter Versuch , durch meinen Schwager in spe etwas von Frieda zu erfahren , lief nicht besser ab ; denn der zehnjährige Bengel , dem ich wegen eines jungen Teckels schrieb , nach dessen Besitze ich angeblich strebte , antwortete mir freilich auch , aber der ganze Brief war mit Beileidsbezeigungen angefüllt , „ weil leider alle jungen Teckel schon vergeben seien “ . Gott sei Dank ! Ich hätte wirklich nicht gewußt , wohin mit solchem kleinen Ungeheuer . – Aber von Frieda nicht ein Wort ! Seufzend ergab ich mich in das Unvermeidliche , und siehe , das Jahr verging ; ich hatte es kaum für möglich gehalten . Nun war ich „ Doctor “ geworden ; ich hatte sämmtliche Examina summa cum laude bestanden , die Stelle eines zweiten Assistenten an der königlichen Universitätsklinik erhalten und war mit vollen Segeln in das Forsthaus am Harz eingelaufen , um im Hafen des Glückes zu ankern . Aber – o weh ! Meine kleine Cousine und heimliche Braut trat mir mit einem Ernst , ja , mit einer Kälte entgegen , verleugnete mit einer Natürlichkeit in ihrem Thun und Lassen jede andere [ 594 ] schönere Beziehung zu mir und kehrte so deutlich die Cousine – nur immer die Cousine – heraus , daß mir nichts anderes übrig blieb , als