Trotzige Herzen . Roman von W. Heimburg . Auf den Bergen lag dichter bläulicher Herbstnebel ; er schien liebkosend festgehalten zu werden in den unzähligen Wipfeln der Buchen und Eichen und verflüchtigte sich erst zu einem dünnen zarten Schleier , als die Wälder zurücktraten , um den Häusern des Städtchens Platz zu lassen . Die kleine norddeutsche Residenz zog sich reinlich und niedlich , als habe eine Kinderhand sie soeben der Spielzeugschachtel entnommen , in die Ebene hinunter . Ueber ihr , stolz und frei auf einem Kegel erbaut , thronte das herzogliche Schloß mit seinem stumpfen Turm und dem mächtigen Flügelbau . Die herrlichen weiten Gärten , die mählich in den Wald übergingen , stiegen abwärts bis zum Schloßplatz , an dem die Wohnungen der Hofbeamten , das Herrenhaus der Domäne , der Marstall , das Theaterchen , die Hofkirche und der Gasthof lagen . Erst hier begann die eigentliche Stadt . Schnurgerade Straßen , mit alten dichtbelaubten Kastanien besetzt , führten zum Marktplatz . Oben standen noch einige stattliche villenartige Gebäude , hier unten herrschten die kleinen Bürgerhäuser vor , und allmählich wurden es gar Hütten . Aus den Regionen des Hofes gelangte man in die Regionen , wo sich das geschäftliche Leben abspielte , das in Ackerbau und Viehzucht gipfelte , demzufolge die Residenz einen fast dörflichen Anstrich in ihrem centralen Teile bot und weder für ein patentes Schuhwerk noch für verwöhnte Nasen etwas Anziehendes hatte . Oben „ am Schloß “ , wie die Leute stolz den schöneren Teil ihrer Vaterstadt nannten , war es desto feiner . Die Natur hatte hier verschwenderisch ihre Reize ausgestreut , und wer diesen Glanzpunkt des Städtchens heute am verschleierten Herbstmorgen gesehen hätte , dort überragt von nebelumwallten Bergen , hier von dem Schlosse , über dessen Terrassen die Ranken des wilden Weines ihre Purpurbanner flattern ließen , dessen weiße Mauern aus dem bunten Herbstlaube der Gärten auftauchten , der würde den guten Stadtkindern von Breitenfels gern zugestehen , daß ihr Städtlein von hoher Poesie umgeben sei , wozu übrigens die fast spukhafte Einsamkeit und Verlassenheit , die hier herrschte , nicht wenig beitrug . Wie traumverloren sah das Schloß auf den Platz herab . Die meisten Fenster waren verhangen , nur nach der Waldseite , nach Süden hinaus , schien der mittlere Stock bewohnt und war es auch . Dort verbrachte die alte verwitwete Herzogin ein einsames Leben in Gesellschaft zweier Hofdamen , einer älteren und einer jungen , eines weißhaarigen , von der Gicht geplagten Kammerherrn sowie verschiedener Möpse und zärtlich geliebter Papageien . Die Kammerfrauen und Lakaien brauchten keinen Puder für ihr Haar , es war vom Alter weiß geworden . Der Leibkutscher wackelte sogar schon ein wenig mit dem Kopfe , und der Viererzug der Durchlauchtigsten Herzogin , welcher jeden Nachmittag [ 002 ] den letzten steilen Hang die riesige Kalesche hinaufzog , um , vor dem Portale haltend , die hohe Frau zu erwarten , die mit der Regelmäßigkeit einer Uhr ihre Spazierfahrt unternahm – dieser Viererzug schien unsterblich . Seit langen Jahren kannten die Breitenfelser die großen Schimmel , und es ging sogar ein dunkles Gerücht von ihnen , daß sie einstmals , vor grauen Zeiten , durchgegangen seien . Aber Bestimmtes wußte niemand , es war zu lange her . Vor dem kunstvollen schmiedeeisernen Gitter droben ging eine Schildwache auf und ab ; das war aber auch heute das einzige lebende Wesen hier herum , wenn man nicht des Herrn Oberförsters Teckel , die Lola und den Männe , dazu rechnen wollte , die sich im welken Kastanienlaub umherjagten . Geradezu spukhaft war es . Da auf einmal zitterte etwas durch die feuchte Herbstluft , eine Menschen- , eine Frauenstimme , ein glockenheller Sopran . „ O , du purpurner Glanz der sinkenden Sonne , “ klang es aus dem trotz der Kühle geöffneten Wohnstubenfenster des Herrn Medizinalrat Doktor May , des vielgeliebten , aber auch vielgeplagten Leibarztes Ihrer Durchlaucht , ohne dessen Rat die hohe Frau keinen Tag leben konnte , dem sie , wie sie jedermann , der es hören wollte , erzählte , ihr Leben nicht ein- , sondern hundertmal verdankte , den sie sämtlichen Autoritäten seines Standes , und wären es die berühmtesten unter den berühmten , vorzog . Das May ’ sche Haus lag dem Schlosse gegenüber , seine Fenster blinzelten von unten herauf ehrerbietig zu ihm empor . Durchlaucht pflegte „ ihrem lieben May “ des öfteren zu versichern , wie wohlthuend es ihr sei , den abendlichen Schein seiner Lampe heraufstrahlen zu sehen , wisse sie doch , daß dort ein treues Herz für sie denke und ihr Leben zu verlängern trachte , welches ihr , obgleich es eigentlich nichts bedeute als einen Kampf gegen den Egoismus ihres erlauchten Stiefsohnes , doch zur lieben Gewohnheit geworden sei . Jedenfalls wollte sie noch nicht sterben , die hohe Dame , und so befolgte sie mit rührender Gewissenhaftigkeit die Vorschriften ihres ärztlichen Beraters . Der Herr Medizinalrat mußte natürlich jeden Augenblick gewärtig sein , auf das Schloß citiert zu werden ; eine auswärtige Praxis konnte er infolgedessen nicht betreiben , und im Städtchen selbst waren noch vier Kollegen , die kaum ihr Brot fanden . Was aber das ärztliche Honorar für die Hilfleistung und täglichen Konsultationen am herzoglichen Hofe anlangte , so war es durchaus nicht verblüffend groß ; Durchlaucht zahlten tausend Thaler jährlich für sich und den gesamten Hof , außerdem hatte ihr „ lieber May “ freie Wohnung , so und so viel Klaftern Buchenholz , und endlich besaß er mehrere Orden des herzoglichen Hauses . Er war aber zufrieden damit , sagte sich , daß er als einfacher praktischer Arzt mehr als ein Paar Stiefel ablaufen müsse , um tausend Thaler zusammen zu bringen , schlug Wohnung und Holz über Gebühr hoch an und lebte schlecht und recht und glücklich mit seiner Frau , die vollständig die Ansicht ihres Eheherrn teilte . Die Söhne , von denen der eine Lieutenant in einem preußischen Artillerieregiment