Reventlow , Franziska Gräfin zu Der Geldkomplex www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Franziska Gräfin zu Reventlow Der Geldkomplex Meinen Gläubigern zugeeignet 1 Meine liebe Maria ! Aus einem eindringlichen Brief von B ... , der mir durch das Konsulat nachgeschickt wurde , sehe ich , daß man sich um meinen Verbleib beunruhigt . Es nahm sich vielleicht nicht gerade freundschaftlich aus , daß ich so spurlos verschollen bin und auf nichts mehr antwortete ( hab noch nachträglich vielen Dank für Deine verschiedenen Briefe ) - aber glaube mir , es geschah zum Teil aus zarter Rücksicht . Erwarte nur ja nicht , daß die hiermit wieder eröffnete Korrespondenz von allzu erfreulichen Tatsachen handeln wird . B ... meint , und Ihr anderen am Ende auch , ich hätte längst die berühmte Erbschaft angetreten und damit das Weite gesucht . Nein , das stimmt nicht , der alte Herr ist ja noch nicht einmal tot . Aber jedenfalls kann es nicht lange mehr dauern , und das ist einer von den Gründen , weshalb ich hier bin - bitte , erschrick nicht - in einer Nervenheilanstalt , oder sagen wir lieber Sanatorium , das klingt immerhin noch etwas milder . Sanatorium - ich seh ' Dich und mit Dir alle die anderen verständnislos den Kopf schütteln . Ich bin auch nicht nervenkrank , nicht einmal besonders nervös , ich habe nur einen Geldkomplex . Ich hoffe zu Gott , Du weißt , was ein Komplex in diesem , nämlich im pathologischen , Sinne bedeutet ? Etwa so : verdrängte , nicht ausgelebte Gefühle , Triebe und dergleichen , die sich , ich glaube , im Unterbewußtsein zusammenballen und einem seelische Beschwerden verursachen . Es handelt sich da um irgendeine neue Nervenheilmethode , die man Psychoanalyse nennt . Erfunden hat sie der bekannte Professor Freud in Wien - dies nur , damit Du verstehst , weshalb ihre Anhänger Freudianer heißen . Man möchte sonst glauben , es bedeutet irgend etwas besonders Lustiges oder gar Zweifelhaftes . Aber es gibt eine Menge Leute , die Dir das besser auseinandersetzen können als ich , und ich rate Dir , Dich lieber an diese zu wenden . Ich selbst hatte auch bisher von diesen Geschichten keine Ahnung und würde mich absolut nicht dafür interessieren - wenn nicht ein Freudianer meinen Geldkomplex entdeckt hätte . Es gibt gewiß nichts Faderes , als seine eigene Leidensgeschichte zu erzählen , und ich erzähle im ganzen lieber Freudengeschichten . Die Nervenheilanstalt hat aber sicher in Euren Augen etwas so Blamables , daß ich mich doch rechtfertigen und Dir den trüben Hergang näher erzählen möchte . Du mußt halt Nachsicht haben , wenn ich dabei etwas weitschweifig und manchmal konfus werde . Liebe Maria , wir haben uns letztes Jahr wenig gesehen , da Du meist fort warst , aber Du weißt , daß mein Dasein schon vorher nur noch eine einzige wirtschaftliche Krisis war . Wie oft habt Ihr in Eurer Verblendung meinen Optimismus und meine Todesverachtung bewundert - mit Unrecht , denn gerade das ist mein Verderben gewesen . Ich habe die Sache mit dem Geld niemals ernst genug genommen , ließ es so hingehen und dachte , es würde schon einmal anders werden . Kurz , um mich im Freudianerjargon auszudrücken - ich habe es entschieden ins Unterbewußtsein verdrängt , und das hat es sich nicht gefallen lassen . Bitte , haltet mich nicht für ernstlich gestört , aber ich bin tatsächlich dahin gekommen , es - das Geld - als ein persönliches Wesen aufzufassen , zu dem man eine ausgesprochene und in meinem Falle qualvolle Beziehung hat . Mit Ehrfurcht und Entgegenkommen könnte man es vielleicht gewinnen , mit Haß und Verachtung unschädlich machen , aber durch liebevolle Indolenz verdirbt man ' s vollständig mit ihm . Und das muß ich getan haben , ich ließ es kommen und gehen , wie es gerade kam und ging - ach , der verfluchte Optimismus , den Ihr so nett gefunden habt . Als ich dann merkte , daß es anfing , sich immer feindlicher gegen mich zu stellen , habe ich es gelockt , bin ihm nachgelaufen ; aber es war schon zu spät - es wollte nicht mehr . Also - die wirtschaftliche Krisis erreichte einen nie geahnten Höhepunkt . Du hast ja oft genug bei mir gewohnt , Maria , und kennst das aus eigener Anschauung - die Wohnung ist gekündigt , jedes menschenwürdige Einrichtungsstück gepfändet oder schon auf Nimmerwiedersehen abgeholt - es klingelt beständig , aber man macht nicht mehr auf - jedes Poststück , das ins Haus kommt , beginnt Im Namen des Königs ... usw. Trotzdem tauchen immer neue Leute auf , die Geld wollen , Geld , Geld und noch einmal Geld . Die ganze Atmosphäre bekommt etwas Überhitztes , Widernatürliches , schwirrt von abnormen Anforderungen . Es ist einfach nichts da , und doch hört , sieht , liest und erfährt man nichts anderes mehr , als daß jeder sein Geld haben will . Du hast dann manchmal behauptet , es ginge bei mir wie in den Lesebuchgeschichten , wo fromme Leute eine Kirche oder dergleichen nützliche Dinge bauen wollen , ohne jegliches Kapital , aber mit unerschütterlichem Gottvertrauen . Schon wollen sie verzweifeln , richten aber gläubig den Blick gen Himmel - sieh , da klingelt es , und ein anonymer Wohltäter schickt eine unwahrscheinliche Summe . Das war einmal - das war manches Mal - aber eben bei jener letzten Krisis war keine Rede davon . Die Wohltäter waren ausgestorben , verschwunden , verreist , erzürnt oder nicht mehr zu haben . Ich hatte auch das blinde Gottvertrauen nicht mehr und fühlte , daß die