Braun , Lily Lebenssucher www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Lily Braun Lebenssucher Erstes Kapitel Wie Konrad Hochseß zuerst das Leben suchte , und was er fand Es gibt Jahre , in denen der Frühling nicht fröhlich ist ; die wenigen Blumen , die er über die Wiesen streut , sind blaß und welken rasch ; nur zögernd , fast als fürchteten sie sich , kriechen die jungen Blätter an den Bäumen aus der braunen Hülle ; das dürr raschelnde Herbstlaub im Walde wird kaum jemals ganz von einem frischen Moosteppich verdrängt , und auch der klarste , blaue Himmel trägt einen feinen grauen Schleier wie die jungen Nonnen bei der letzten Weihe . Solch ein Frühling strich mit seiner schlaffen , weichen Luft über die Höhen des fränkischen Jura , spielte im Vorüberstreifen flüchtig mit der zerbrochenen Äolsharfe auf dem grauen Turm von Hochseß , tanzte ein wenig über dem ausgetrockneten , zwischen Nesseln träumenden Ziehbrunnen , um schließlich die schmale Wange und die blonden , glatten Haarsträhnen des schlanken Knaben kosend zu streicheln , der auf der alten efeuumsponnenen Mauer saß und unbewegt in das Land hinausstarrte . Weithin breitete es sich aus vor ihm , von dem engen Tale an , das drunten schlief , eingewiegt vom Murmeln und Plätschern des breiten Baches und dem Klappern der Wassermühle , deren Räder er trieb . Blasse Wiesen schmiegten sich sehnsüchtig an den zärtlichen Freund , als erwarteten sie von seiner Umarmung ihr buntes Blumenleben , und in zahllosen Windungen umschlang er sie , als ob er zögere , sich von ihnen zu trennen ; Sträucher von wilden Rosen , Schlehen und Rotdorn , die zum Himmel empor ihre Ästchen streckten , nach heißer Sonne verlangend , die ihre Blüten wecken sollte , umkränzten sie , ehe die Bergwände steil emporstiegen . Buchen und Eichen , Tannen und Eschen überzogen alle Hänge bis zum Gipfel hinauf . Ihre Stämme , vom silbernen Grau bis zum tiefsten Schwarz , standen gegen den matten Himmel wie Marmorsäulen . Da und dort aber wich der Wald zurück ; Felsmauern und Türme überragten ihn finster drohend in wild-verwitterten Gebilden . Zwischen ihnen , so hatte der Knabe einst geträumt - und die Erinnerung daran zauberte ein verlorenes Lächeln auf seine Züge - , hausten die Götter und Helden der Vorzeit , und Sonntagskindern zeigten sie sich in Maiennächten . Sie zu suchen , war er einmal heimlich ausgezogen , ein kleines Bübchen noch , dorthin , wo in gewaltigen Quadern , wie von Zyklopen erbaut , die Riesenburg silbern in der Sonne leuchtete . Sein Auge blieb an ihr haften : wie war damals sein Atem geflogen im steilen weglosen Anstieg , wie hatte sein Herz geklopft im Glauben an das Große , das seiner wartete . Und dann - unwillkürlich hob er die geballte Faust wider die fernen Felsen - , dann , als das mächtige Tor sich über ihm wölbte und fiebernde Erwartung die Brust zu sprengen drohte , hörte er Mädchenkichern und die dozierende Stimme des Lehrers , der die bunte Schar auf gebahnten Wegen emporgeführt hatte , sah um den Rand des höchsten Felsens , der ihm als unnahbarer Wachtturm erschienen war , ein schmächtiges Drahtgitterlein gespannt , sah ein Fähnchen hoch oben flattern , darunter eine Bank , mit hundert Namen bedeckt , - und in einer der schmalen Felsenhöhlen barg er seine Verzweiflung . Dort hatte er die Nacht erwartet , ach , die götterlose Nacht ! , war dann hinaufgeklettert , hatte die Fahnenstange mit Anspannung all seiner von der Wut gesteigerten Kräfte aus der Erde gerissen und hinab geschleudert , hatte die wurmstichige Bank zum Kippen gebracht und sich am Drahtgeländer die kleinen Hände blutig gerissen . In Gedanken an die erste , bitterste Enttäuschung seiner Kindheit zog grausamer Spott über sich selbst seine Mundwinkel abwärts , so daß er sekundenlang ganz alt erschien . Ein Blick in die sonnenüberglänzte Ferne verklärte sein Antlitz wieder . Er folgte dem Bach und dem sich weiter und weiter dehnenden Tal , wo die Wiesen in buntgestreifte Felder sich verwandelten , wo , in Obstgärten gebettet , von Kastanien überragt , rote behäbige Dächer und alte kunstvolle Fachwerkbauten mit spitzen Giebeln um schlankturmige Kirchen sich scharten . Er sah die Schlösser auf den Höhen , die dem toten Felsen gleich gewesen wären , wenn ihre Fenster nicht in der Sonne wie lebendige Augen gefunkelt hätten . Und ganz , ganz fern im Nebelgrau , wie ein phantastisches Traumgebilde , am Fluß gelagert , sich mit Mauern und vielen Türmen zu den Hügeln emporstreckend , lag sie , die Stadt - die großen , schwarzen Augen des Knaben verdunkelten sich noch mehr , seine sehr blassen Hände krampften sich ineinander , so daß die Fingerspitzen sich röteten - , die Stadt , deren strahlender Glanz die Nacht und ihre Gespenster besiegte , deren brausender , auf- und abschwellender Ton die unheimlichen Stimmen der Stille verschlang ; die Stadt , über die der Dom , einer Königsfeste gleich , sich erhob und tote Kaiser in seinen hohen Hallen dem Raunen alter , in goldene Roben gehüllter Priester und dem hellen Gesang weißgekleideter Chorknaben lauschten . An einem Pfeiler stand eine steinerne Madonna . Der Knabe faltete die Hände , seine Augen glänzten wie von innen erhellt . Heimlich dachte er an sie und betete zu ihr , wenn sie ihn Sonntags drunten im Dorf in die kahle lutherische Kirche führten . Und an einem anderen stand auf hohem Roß der gekrönte Ritter , dessen Namen er trug - - » Konrad ! « rief eine Stimme , die klang , als klopfe jemand an ein zersprungenes Glas .