Boy-Ed , Ida Vor der Ehe www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Ida Boy-Ed Vor der Ehe Die Tagesarbeit war abgeschlossen . Nun saß Frau Sophie an ihrem Teetisch und zögerte noch , sich mit der Post zu beschäftigen . Es tat so wohl , den Nerven eine kurze Schonung zu gönnen . Es war so notwendig , sich diesem Zustand hinzugeben , der Erschöpfung nach großer geistiger Anstrengung zu sein schien . Sophie kannte das aber wohl , wie sich gerade in dieser Ruhe die noch undeutlichen Anregungen aus den letzten Arbeitsstunden zu klaren Erkenntnissen für das Schaffen des nächsten Tages gestalten konnten . Gerade über ihrem Kopf , im vierten Stockwerk , wußte sie ihr Atelier . Es lag nun verlassen , vom Abend des früh geendeten Novembertages erfüllt , auskältend und kahl . Es war streng eingerichtet , nur für den Arbeitszweck . Und in ihrer Phantasie sah Sophie von der Staffelei her das altersbleiche Gesicht und die klugen , milden Augen der fürstlichen Greisin , deren Bildnis sie eben malte , gleich einem blassen , schwach erkennbaren helleren Fleck im Dunkel des Raumes . Sie malte in ihren Gedanken immer noch daran weiter . Nichts störte sie in dieser rückblickenden Vertiefung . Um sie war eine so behütete Stille , daß sich die Nerven davon geliebkost fühlten . Und wie angenehm war die sanfte Beleuchtung für die Augen , die den ganzen Tag ihren Beruf , zu schauen , mit der größten Anspannung erfüllt hatten . Sophie seufzte tief auf , in einer ganz einfachen , unbeschreiblichen Zufriedenheit . Aus allen Ecken und Winkeln des Zimmers schien die Ruhe auf sie zuzukommen und sie in ihre Arme zu nehmen . Und sie dachte : das ist nun auch einer von den Genüssen , die die Jungen und die Berufslosen nicht kennen , diese Hingegebenheit an den Augenblick , der einmal nichts von einem fordert ! Freilich , da lag ein Brief von ihrem Aeltesten . Und sie wußte vorweg : er schrieb nicht einfach . Seine Worte hatten Gehalt , oft schwerer Art. Aber erst kam der Tee . Der duftete ihr fein entgegen . Er war ihr Lebenstrank , ihr Anreger , ihr Erretter aus jeder Abspannung , ihr » Laster « , wie sie scherzend zu sagen pflegte . Und der Eine , dem ihr Dasein kostbar war , der schalt wohl gelegentlich über die vielen Tassen Tee , die sie sich nach arbeitshartem Tag gern gönnte . Wie beglückend war der Gedanke an diese Strafpredigten . Mit einem seligen Lächeln genoß sie diese Erinnerung an seine Fürsorge ; und das Lächeln wurde beinahe zum deutlichen Lachen , als sie nach Frauenart den Vermahnungen zuwiderhandelte und sich die dritte Tasse eingoß . Um mich für Allerts Brief zu rüsten , dachte sie entschuldigend . Und fühlte sich nun auch so frisch , um die schwierigsten Debatten gegen den Brief des Sohnes auszufechten . Denn seine Briefe waren wie ein wichtiger Mensch , mit dem man sich sehr genau über alle Fragen auseinandersetzen will und muß , koste es noch so viele Mühe des Herzens und Verstandes . Er kämpfte ja einen prachtvollen , harten Arbeitskampf , von dem man noch nicht wußte , wie er ausgehen würde . Aber Sophie glaubte : gut ! Sie dachte : eiserner Wille , starkes Können ! Das gibt Sieg . Freilich mit Kapital war er beengt . Das machte es so schwer . Könnte ich ihm geben - könnte ich doch ! wünschte sie . Aber wo sollte sie es hernehmen ? Solche Summen ? Kleine taten es ja nicht . Allert schrieb : » Liebe Mutter ! Es freut mich außerordentlich , daß Du die alte Durchlaucht malen darfst . Das fünfte Porträt dieses Jahr . Und immer feine Köpfe , angesehene , ja erste Persönlichkeiten . Du kannst also , so nahe dem Abschluß des Jahres , wieder einmal auf künstlerisch und finanziell lohnende Resultate zurücksehen . Die ersteren sind freilich wohl wieder stärker als die letzteren . Es erbittert mich immer neu , wenn ich erfahre , daß Deine männlichen Kollegen , mögen sie Dir auch künstlerisch nachstehen , doch höhere Honorare erhalten . Aber Du behauptest Dich in der Front der Schaffenden . Und das ist die Hauptsache . Raspe und ich sind stolz auf Dich . Wenn ich bedenke , wie spät erst Du Dir Deines Talentes recht bewußt wurdest , wie Du in der Sorgenzeit nach Vaters Tod den Mut hattest , Deine Begabung auszubilden und zum Beruf zu wählen , so kann dies meine Bewunderung für Deine Erfolge nur steigern . Damit hast Du uns viel gegeben , gibst uns jeden Tag . Wir sehen Dich von der eigenen Kraft jeden Tag , unabhängig von Stimmungen und körperlichen Beeinträchtigungen , das Aeußerste fordern ! Wie mir das hilft - wenn mir unmutige Augenblicke kommen wollen ! Ja , Mutter , dann hilft es mir , an Dich zu denken . Und darum muß es Dich nicht bedrücken , daß Du mir nicht mit Kapital beistehen kannst und sollst . Denn das bißchen , was Du Maßvolle von Deinen Einkünften nicht brauchst und zurücklegst , muß zur Sicherung Deines Alters dienen . In die Industrie darfst Du es nicht hineingeben . Sorge Dich , bitte , nicht . Ich hege die Hoffnung , einen Kommanditisten zu finden . Die Einblicke , die ich einem Geldgeber - sei es ein Privatmann oder eine Bank - gewähren kann , sind ff. Wer die Dinge zu beurteilen vermag , muß erkennen , daß mein Unternehmen blühen will - blühen wird , falls man es nur mit etwas mehr Kapital beweglicher macht .