Keyserling , Eduard von Abendliche Häuser www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Eduard von Keyserling Abendliche Häuser Erstes Kapitel Auf Schloß Paduren war es recht still geworden , seit so viel Unglück dort eingekehrt war . Das große braune Haus mit seinem schweren , wunderlich geschweiften Dache stand schweigsam und ein wenig mißmutig zwischen den entlaubten Kastanienbäumen . Wie dicke Falten ein altes Gesicht durchschnitten die großen Halbsäulen die braune Fassade . Auf der Freitreppe lag ein schwarzer Setter , streckte alle vier von sich und versuchte sich in der matten Novembersonne zu wärmen . Zuweilen ging eine Magd oder ein Stallbursche über den Hof langsam und lässig . Hier schien es , hatte niemand Eile . In der offenen Stalltüre lehnte Mahling , der alte Kutscher mit dem weißen Bart , und gähnte . In der offenen Gartenpforte stand Garbe , der Gärtner , und verzog sein glattrasiertes Sektierergesicht und blinzelte in die Sonne . Dann begannen die beiden Männer aufeinander zuzugehen , mitten zwischen Stall und Garten blieben sie stehen , sprachen einige Worte zueinander , schwiegen , spuckten aus , ließen wieder einige Worte fallen . Auf der anderen Seite des Hauses wurde eine Glastür geöffnet , die geradewegs in den Garten führte , und der Schloßherr , der Baron von der Warthe , wurde in seinem Rollstuhl von seinem Diener Christoph hinausgefahren . Dicht in seinen Pelz gehüllt , eine Pelzmütze auf dem Kopfe , schwankte die in sich zusammengebogene Gestalt im Stuhle sachte hin und her . Das Gesicht war sehr bleich und in seiner strengen Regelmäßigkeit von einer müden Ausdruckslosigkeit , nur die hervortretenden Augen waren noch wunderlich klar und blau . Neben dem Rollstuhl schritt die Schwester des Barons , die Baronesse Arabella , hin , groß und hager in ihrem schwarzen Mantel und dem wehenden Trauerschleier , das Gesicht schmal und messerscharf zwischen den gebauschten weißen Scheiteln . So ging es die feuchten Herbstwege des Parks entlang , auf denen die Herbstblätter raschelten . Von den Bäumen fielen Tropfen , und die Wipfel waren voll lärmender Nebelkrähen . Christoph steckte das Kinn tiefer in den aufgeschlagenen Kragen des Livreemantels und schnaufte ein wenig in der Anstrengung des Stoßens . Dann hielt er plötzlich still , sein Herr hatte ein Zeichen mit der Hand gemacht , der Baron sah zu seiner Schwester auf und sagte mit einer Stimme , die ärgerlich und gequält klang : » Sag ' mal , Arabella , was ist die Dachhausen für eine Geborene ? « - » Birkmeier , die Fabrikantentochter « , erwiderte die Baronesse ruhig und wie mechanisch . Befriedigt ließ der Baron den Kopf sinken , und Christoph schob den Stuhl weiter . Und doch vor wenigen Wochen noch war Paduren die Hochburg des adeligen Lebens in dieser Gegend gewesen , und der Baron Siegwart von der Warthe hatte hier eine stille , aber unbestrittene Herrschaft über seine Standesgenossen ausgeübt . Der kleine rundliche Herr mit dem strengen , feierlichen Gesicht , das von dem weißen Haar und weißen Backenbart wie von einem silbernen Heiligenschein umrahmt wurde , war das Gewissen dieses Adelswinkels gewesen . Öffentliche Ämter mochte er nicht bekleiden , in Versammlungen schwieg er . » Ich bin kein Tribünenläufer « , pflegte er zu sagen , aber seine Ansicht war dennoch stets die ausschlaggebende , und in jeder wichtigen Sache war es die Hauptfrage : Was sagt von der Warthe ? In Sachen der Politik und der Landwirtschaft , in Familienangelegenheiten und Ehrenhändeln , überall sprach er das wichtigste Wort mit . Er lieh Geld denen , die es nötig hatten und die er dessen würdig hielt , und wachte streng darüber , daß gute altedelmännische Sitte hier nicht in Verfall geriet . Wenn der Baron von der Warthe die greisen Augenbrauen in die Höhe zog , mit der flachen Hand durch die Luft von oben nach unten fuhr , als machte er einen Sargdeckel zu , und leise sagte : » Hm , - ja , schade , aber der Mann ist erledigt « , dann war der Mann für diese Gegend wirklich erledigt . Der Baron war sich seiner Stellung wohl bewußt , und er genoß sie , und sie war vielleicht die einzige wirkliche Freude seines Lebens . Immer wohlwollend würdig zu sein , geachtet und ein wenig gefürchtet zu werden , mag ein großes Gut sein , es macht jedoch einsam und ist nicht gerade heiter . Das gab dem Baron wohl auch den feierlichen , ein wenig ungemütlichen Ausdruck ; er sah aus , als dürfe er sich nie gehen lassen und als sei ihm dieses selbst zuweilen unbequem . Dietz von Egloff , der es liebte , von älteren Herren respektlos zu sprechen , meinte : » Dem Gesicht des alten Warthe würde ich es gönnen , sich einmal eine Stunde lang nach Herzenslust verziehen zu dürfen , um sich von der ewigen Würde gründlich erholen zu können . « Der Baron liebte es , wenn es heiter um ihn her war , seine Jagden und sein Rotwein waren berühmt , aber er konnte sich nicht verhehlen , daß die Leute sich gerade dann am besten unterhielten , wenn er zufällig nicht zugegen war . Das mochte ihn zuweilen ein wenig melancholisch machen , aber er gestand sich das selbst nicht ein und war überzeugt , daß er das bessere Teil erwählt habe , die Weisheit , die Würde und die Macht . Die jungen Leute liebten ihn nicht , lachten über ihn , wenn sie unter sich waren , und nannten ihn den » Baron Mißbilligung « . Allein sie fürchteten ihn , und wenn sie in Schwierigkeit gerieten , wandten sie