Heyking , Elisabeth von Tschun www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Elisabeth von Heyking Tschun Eine Geschichte aus dem Vorfrühling Chinas Tschun war ein schmutziger kleiner chinesischer Junge . Er war nicht schmutziger als andere kleine chinesische Jungen . Er war im Gegenteil etwas reiner . Denn Tschuns Mutter war Christin . Und Christentum bedeutet in China unter anderem auch gelegentliches Waschen . Das Häuschen seiner Mutter stand nahe am Petang . Der Petang ist eine große weiße Kirche ; sie ist dicht umdrängt von einer Menge kleiner grauer Häuschen , in denen lauter Christen wohnen . So sieht sie aus wie ein stolzer weißer Vogel , unter dessen schneeigem Gefieder kleine graue Vogelbabies Schutz suchen . Dieser Anblick begeisterte einmal einen Missionar zu einer schwungvollen Rede , in der er den Chinesen sagte : » Die Kirche ist gleich einem schönen weißen Schwan , Ihr alle seid noch häßliche braune Kücken , aber beharrt nur im rechten Glauben , dann werdet Ihr auch einmal schwanengleich zum Himmel fliegen . « Zwecks Heidenbekehrung war diesem Missionar die Gabe beredter Bildersprache verliehen . Auf Logik kommt es dabei weniger an . - Mit Logik ist auch noch nie jemand bekehrt worden . Das sind Gefühlssachen . Manchmal auch Geldsachen . Der Petang war für Tschun und seine Verwandten und all die Christen rund herum eine Gefühlssache . Er war in ihrem Leben das Schöne . - Sie hätten darüber nicht zu reden vermocht , denn es war ja auch nicht der kleinste Professor der Aesthetik unter ihnen . Aber die ganze Woche freuten sie sich auf den Sonntagmorgen . Da zogen sie sich ihre besten Kleider an und gingen in die große weiße Kirche . Und die Frauen nahmen ihre kleinsten Kinder mit und blieben dort so lange wie nur irgend möglich , bis zum letzten Orgelton . Im Innern der Kirche war es zuerst etwas dämmerig . Tschun kam die Decke der Kirche so weit und hoch vor , als reiche sie hinauf in den Himmel , und oben waren ja auch eine Menge goldener Sterne , ganz wie nachts am wirklichen Himmel , nur daß der schwarz war , und hier standen die goldenen Sterne auf einem blitzblauen Grunde . Es war aber gewiß am schönsten so , denn den ganzen Petang und alles darinnen hatte sich ja der gute Bischof mit dem weißen Bart ausgedacht und dann geschaffen . Der Bischof , meinte Tschun , mußte darum sicher ein naher Verwandter des lieben Gottes sein . Tschun fand den Altar mit den Lichtern und bunten Papierblumen wunderschön , und die Priester trugen so herrliche Kleider ; an hohen Festtagen schienen sie von Gold und Silber zu flimmern ; Tschun konnte sich gar nicht so viele Kupfermünzen zusammendenken , wie ein solches Kleid kosten mußte . - Im Petang gab es eine Menge Priester . Manche von ihnen waren von fernher über das Wasser gekommen aus fremden Ländern . Klein-Tschun verstand nicht recht , was das heiße ; erst allmählich begriff er es und schloß , daß es wohl eine Folge des beklagenswerten Fremdseins sei , daß auf diesen Priestern der Zopf und die chinesische Tracht nie so ganz richtig aussahen . Es gab aber auch ganz echte Chinesen unter den Priestern . Klein-Tschun dachte , es müsse herrlich sein , wie sie zu werden und alle Tage im Petang mitten in den Weihrauchwolken zu stehen . Er vertraute diesen Wunsch seiner Mutter an , aber die antwortete , Priester dürften nicht heiraten und keine Kinder haben . Das stimmte Tschun sehr nachdenklich , denn auch der kleinste Chinesenmensch jeder Konfession weiß ja , daß man nur auf die Welt kommt , um selbst wieder einen Sohn zu haben , der die Verehrung der Ahnen fortsetzt . - An der rechten Seite des Hochaltars , etwas zurück und versteckt , waren Bänke , auf denen die Nonnen des Petang saßen . Sie trugen einfache blaue Kleider und große weiße Hauben . Es war nie der geringste kleine Fleck auf den Hauben , und Tschun wunderte sich , wie man das wohl anfange , denn seine eigenen Sachen wurden immer schmutzig , ohne daß er wußte wie und wo . - Die Nonnen wohnten in einem eigenen Gebäude , das hinter hohen Mauern lag , jenseits des Petang . Das Gebäude war einstöckig , aber sehr groß , mit Höfen und breiten , offenen Säulengängen . Es war alles schneeweiß gestrichen , und die Säulen warfen duftige , bläuliche Schatten auf die Steinfliesen . In der Mitte des einen Hofes stand auf hohem Sockel eine Figur der heiligen Jungfrau mit einem hellblauen Mantel ; ringsherum in regelmäßigen Beeten mit Kacheleinfassungen blühten dunkelrote Monatsrosen . - Es war eine stille , friedliche Welt für sich - ganz anders als das übrige Peking . - Es war aber auch eine fleißige Welt , in der jeder sein reichliches Teil Arbeit hatte . Die Nonnen nahmen eine Menge kleiner chinesischer Kinder bei sich auf , von den allerärmsten , allerelendesten , die ohne sie in irgendeinem Winkel , an irgendeinem bitterkalten Wintertage sicher umgekommen wären . Sie hüteten , pflegten und ernährten diese gelben , schlitzäugigen Geschöpfchen , als sei jedes kleine chinesische Menschenleben eine ganz wichtige Sache . Die größeren Kinder unterrichteten sie . Eine Schwester , die Teresa hieß , lehrte die Mädchen , wunderschöne Stickereien zu machen , Priestergewänder und Altardecken ; aber auch Wäsche , gestickte Kleider , Tischdecken , sogar Maskenkostüme wurden da angefertigt , für die fremden Damen , die in Peking wohnen . - Eine Schwester war Apothekerin , und jeden Tag kamen eine Menge Kranke und Krüppel zu ihr , um sich verbinden