Christ , Lena Mathias Bichler www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Lena Christ Mathias Bichler Im Weidhof Meine Kostmutter hat mir gesagt , daß ich am vierten Sonntag nach der Erscheinung des Herrn , also gerade an dem Tag auf die Welt gekommen bin , da in Sonnenreuth der erste Viehmarkt im Jahr ist . Wer meine Mutter ist , hat sie gesagt , das weiß sie nicht ; und von meinem Vater hat sie bis auf den heutigen Tag nichts gesehen . Ich auch nicht ; und ich glaube fast , daß es wahr ist , was die alte Irscherin , die Waldhex , gesagt hat : nämlich , daß ich ein Wechselbalg bin , bei dem die Truden und Unhold Gevatter gestanden sind . Das aber ist einmal gewiß : Ich bin an dem obgemeldeten Tag auf d ' Nacht nach dem Gebetläuten vor der Haustür der alten Weidhoferin gelegen und habe durch mein jämmerliches Wimmern die Leut erschreckt . Denn wie der Weidhofer , der Meßmer von Sonnenreuth , vom Gebetläuten heimkommt und zu der Haustür hineinwill , liegt was am Boden . Er stößt mit dem Fuß daran hin , da fängt es an zu wimmern . Der Weidhofer macht ' s Kreuz ; dann aber hebt er das Päcklein auf und trägt ' s hinein in die Stuben . Und wie sie den ganzen Haderlumpen auseinandergewickelt haben und haben geschaut , da war ' s ich . Und auf einem Zettel ist es gestanden : daß ich heut nacht zur Welt gekommen und noch nicht getauft bin , und daß die Gemeinde schon für mich zahlen wird . Da hat die Meßmerin gesagt : » In Gott ' s Nam ; zieht man ' n halt auf , den Wurm ! « Und sie hat mich am andern Tag aus der Tauf gehoben und hat mir eine Wiegen in ihre Schlafkammer gestellt und an ihre Bettstatt gerückt . Und einen Namen hat sie mir gegeben , nach ihrem Sinn und Stand , und ich heiße : Mathias Bichler , der Weidhoferbalg . Denn da man keinen Vater noch eine Mutter gewußt hat , die mir hätten ihren Namen geben können , so hat halt die alte Weidhoferin den ihrigen hineingesetzt ins Taufbuch und hat gemeint : » Alt ist er und gut auch , und er wird schon auskommen damit und vielleicht einmal ein rechtschaffener Bauer werden , wie der alte Bichler , Gott hab ihn selig , einer gewesen . « Aber es ist wohl ein wenig anders gekommen ; und ich habe schon von klein auf zu allem andern mehr Lust und Geschick gezeigt als zu einem Bauern . Auch bin ich nicht , wie andere Bauernkinder , stundenlang auf dem Stubenboden oder im Hausflöz gehockt , zufrieden , wenn man mir einen leinenen Schnuller in den Mund steckte und den Stiefelzieher auf den Schoß legte als Spielzeug . Ich begann vielmehr , kaum ich ein vier , fünf Jährlein alt und Herr über den Gebrauch meiner Glieder geworden war , allerlei Wünsche und Neigungen zu betätigen , die wenig zu einem genügsamen und geraden Bauernwesen paßten . Am liebsten schlich ich mich in die Künigkammer , die beste Stube des Hauses , in der seit Menschengedenken aller Prunk und Glanz des Weidhofs angehäuft wurde . Da wühlte ich in den Truhen und Schränken , behängte mich mit seidenen und blumendurchwirkten Tüchern , silbernen Ketten und schimmernden Flachszöpfen , setzte die alte , hohe Pelzhaube des seligen Weidhoferahnls auf und stellte mich so herausgeputzt vor den Spiegel des Glaskastens und betrachtete und beschaute mit viel Ergötzen meine Herrlichkeit . Sodann kletterte ich auf Tisch und Stuhl , nahm die alten , vergoldeten Heiligenbilder von den Wänden , lehnte sie der Reihe nach rings um die Ofenbank und begann , vor diesen auserlesenen Zuschauern die wunderlichsten Tänze und Sprünge auszuführen . Oder ich trieb mich auf dem Dachboden herum und trug dort alles zusammen , dessen ich irgendwie habhaft werden konnte : Decken , Schüsseln , Messer , Mausfallen , Weichbrunnkrügl , Gebetbücher ; ja sogar das Vogelhaus samt dem Hansl und die Blumenstöcke vom Söller schleppte ich dahin . Dabei hatten alle diese Dinge in meinen Spielen ihre Bestimmung ; sei es nun , daß der Vogelkäfig zum Weidhof und die Blumenstöcke zum Obstgarten wurden , oder daß aus den Gebetbüchern ein ganzes Bauerndorf erstand , indem ich sie halb geöffnet auf den Boden stellte , die Messer als Bewohner dieses stillen Orts in die Ritzen des Fußbodens steckte , während ich den Käfig bald zur Kirche , bald zur Schule machte und der flatternde , kreischende Vogel bald zum Schulmeister , Pfarrer oder gar Herrgott erhöht wurde . Rings um dieses Dorf hing ich dann die Decken über altes Gerümpel und nannte sie das Gebirge , während ich in die Schüsseln von den Bergen aus Quellen , Teiche oder gar Seen erschuf , welche Tat mir freilich einmal eine Tracht Prügel eintrug , als der Weidhofer , der schon überall nach mir gesucht hatte , mich , als ich eben regnen ließ , in dieser seltsamen Gegend fand . Nun hat mir einmal der Bürgermeister im Zorn darüber , daß ich in seinem Garten die schönsten Frauenbirnen vom Baum gebrockt und in den eigenen Sack gesteckt hab , nachgeschrien , daß ich ein Zigeunerbalg und von teuflischen Gauklern sei . Auch sonst wies allerlei darauf hin , daß ich kein Bauernblut im Leib gehabt , vielmehr ein loser Vogel und von abenteuerlichem Wesen war , auch jede Kameradschaft mit andern Kindern meines Alters vermied und mich , weiß Gott wo , herumtrieb , daher meine Ziehmutter auch viele Kümmernisse mit