Reventlow , Franziska Gräfin zu Herrn Dames Aufzeichnungen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Franziska Gräfin zu Reventlow Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil Verehrter Freund und Gönner ! Sie wissen ja - Sie wissen genug darüber , wer Wir sind - womit wir uns unterhalten und mit welchem Inhalt wir die uns zugemessenen Erdentage zu erfüllen suchen . Sie wissen auch , wie wir das Dasein je nachdem als ernste und schwerwiegende Sache - als heiteren Zeitvertreib , als absoluten Stumpfsinn oder auch als recht schlechten Scherz hinzunehmen , aufzufassen und zu gestalten pflegen . Sie waren es , der von jeher das richtige Verständnis für unseren Plural hatte - für die große Vereinfachung und anderseits die ungeheure Bereicherung des Lebens , die wir ihm verdanken . Wie armselig , wie vereinzelt , wie prätentiös und peinlich unterstrichen steht das erzählende oder erlebende Ich da - wie reich und stark dagegen das Wir . Wir können in dem , was um uns ist , irgendwie aufgehen , untergehen - harmonisch damit verschmelzen . Ich springt immer wieder heraus , schnellt wieder empor , wie die kleinen Teufel in Holzschachteln , die man auf dem Jahrmarkt kauft . Immer strebt es nach Zusammenhängen - und findet sie nicht . Wir brauchen keinen Zusammenhang - wir sind selbst einer . Die Sendung , die wir heute unserem Briefe beifügen , oder , richtiger , der Inhalt eben dieser Sendung ist wieder ein neuer Beweis dafür . Denn dies alles , teurer Freund , den wir insgesamt gleich schätzen und verehren , gilt nur als Vorrede einer Vorrede , die jetzt beginnen und Ihnen zur Erläuterung beifolgender Dokumente dienen soll , das heißt zur Erläuterung des Umstandes , daß wir eben diese Dokumente in Ihre Hände legen und von Ihnen die Lösung manches Rätsels erhoffen . Mit den Papieren hat es nun folgende Bewandtnis : Es mag etwa dreiviertel Jahr her sein , daß wir gelegentlich einer Seereise einen jungen Menschen kennenlernten . Wir fanden ihn sehr liebenswürdig und unterhielten uns gerne mit ihm . Es dauerte allerdings einige Zeit , bis es so weit kam , denn er war zu Anfang ungemein zurückhaltend und schien schwere seelische Erschütterungen durchgemacht zu haben - aber davon später . Der junge Mann hieß mit dem Nachnamen : Dame - also Herr Dame . Dieser Umstand mochte wohl einiges zu seiner reservierten Haltung beitragen und gehörte zu den vielen Hemmungen , über die er sich beklagte . Wenn er sich vorstellte oder vorstellen ließ , wurde er stets etwas unsicher und fügte jedesmal hinzu : » Dame , ja - ich heiße nämlich Dame . « Wir fragten ihn einmal , weshalb er das täte - der Name sei doch nicht auffallender als viele andere , und er mache auf diese Weise eigentlich die Leute selbst erst aufmerksam , daß sich eine Seltsamkeit , sozusagen eine Art Naturspiel , daraus konstruieren lasse . Er entgegnete trübe : Ja , das wisse er wohl , aber er könne nicht anders , und es gehöre nun einmal zu seiner Biographie . ( Diese Bemerkung lernten wir erst später bei der Lektüre seiner Aufzeichnungen verstehen . ) Herr Dame war seinem Äußeren und seinem Wesen nach durchaus der Typus junger Mann aus guter Familie und von sorgfältiger Erziehung mit einer Beimischung von mattem Lebemannstum - sehr matt und sehr äußerlich . Er wäre nie ohne einwandfreie Bügelfalte auf die Straße gegangen , auch wenn ihm das Herz noch so weh tat - und das Herz muß ihm wohl oft sehr weh getan haben . Die Grundnote seines Wesens war überhaupt eine gewisse betrübte Nachdenklichkeit oder nachdenkliche Trübsal , aber daneben liebte er Parfüms und schöne Taschentücher . Als wir ihn kennenlernten , war er schweigsam und verstört ; allmählich , besonders wenn wir in den warmen Nächten an Deck saßen , ging ihm immer das Herz auf , und er erzählte von sich selbst und von seiner Biographie - wie er längere Zeit unter eigentümlichen Menschen gelebt und eigentümliche Dinge mitangesehen und auch miterlebt habe . Schon von Haus aus habe er einen dunklen Trieb in sich gefühlt , das Leben zu begreifen , und da habe man ihn an jene Menschen gewiesen . Leider vergeblich , denn er konnte es nun erst recht nicht begreifen , sondern sei völlig verwirrt geworden und eben jetzt auf dem Wege , in fernen Ländern Heilung und Genesen zu suchen . Den Ort , wo sich das alles begeben hat , wollte er nicht gerne näher bezeichnen - er sagte nur , es sei nicht eigentlich eine Stadt , sondern vielmehr ein Stadtteil gewesen , der auch in seinen Papieren oft und viel genannt wird . Wir konnten uns das nicht recht vorstellen . Er erzählte uns denn auch , daß er damals allerhand niedergeschrieben habe , in der Absicht , vielleicht später einen Roman oder ein Memoirenwerk daraus zu gestalten , und wir interessierten uns lebhaft dafür . So kam die Zeit heran , wo wir uns trennen mußten , denn die Reise ging zu Ende . An einem der letzten Tage stieg Herr Dame müden Schrittes in seine Kabine hinab und kam mit einem ansehnlichen Paket beschriebener Hefte wieder ; dann sagte er , wenn es uns Freude mache , sei er gerne bereit , uns seine Aufzeichnungen zu überlassen . Er wolle sie auch nicht wieder haben , denn das alles sei für ihn abgetan und läge hinter ihm , und er habe wenig Platz in seinen Koffern . Was damit geschehe , sei ihm ganz gleichgültig , wir möchten es je nachdem weitergeben , verschenken , vernichten oder veröffentlichen . Er selbst