Fock , Gorch Seefahrt ist not ! www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Gorch Fock Seefahrt ist not ! Laßt mich nur auf meinem Sattel gelten , bleibt in euern Hütten , euern Zelten , und ich reite froh in alle Ferne - über meiner Mütze nur die Sterne . Goethe . Erster Stremel . » Insonderheit aber bitten wir dich für die , die auf dem Wasser ihre Nahrung suchen . Segne , segne die Fischerei auf der See und im Fluß , behüte Mann und Schiff in allen Gefahren ! « Pastor Bodemann beugte den grauen Kopf tiefer als zuvor . Da hatte er laut und warm für seinen alten Kaiser gebetet , laut und warm , wie es ihm von Herzen kam , nicht leise und kalt wie sein Vorgänger , ein zäher Welfe , der nur der kirchlichen Vorschrift nachgekommen war : » Laß deine Gnade groß werden über deinen Knecht Wilhelm , unsern Kaiser und Herrn , und über das ganze kaiserliche Haus . « Die gefurchte Stirn berührte fast das schwarze Tuch , mit dem die Kanzel vom Sonntag Reminiszere bis zum stillen Freitag bedeckt war . Es schien , als wenn die Stimme ihm versagte und er aufhören müßte . Und er hielt überwältigt inne und ließ die große Stille kommen . Totenstill wurde es in der Kirche auf Finkenwärder . Regungslos saß die Gemeinde . In die Augen kam eine Dunkelheit wie von aufsteigenden Tränen . Und die See nahm das Wort , die Nordsee , die Mordsee - mit ihren jagenden , zerrissenen Wolken , mit ihrem pfeifenden , brausenden Sturm , mit ihren haushohen , schäumenden , brüllenden Seen , mit Brand und Wetterleuchten , mit Dünung und Gewitter , - mit geborstenen Segeln , gebrochenen Masten , blakenden Notfackeln , verlorenen Wracken und hilferufenden Fahrensleuten . Und es war niemand da , der nicht ihre Stimme vernommen hätte . Die hellhaarigen Jungen auf den Bänken neben dem Altar , die als große Schleefen zu den gegenübersitzenden Konfirmandinnen hinübergelacht und ihnen zugenickt hatten , verjagten sich , legten beschämt die Hände zusammen und sahen vor sich hin , weil ihnen in der heiligen Stille die Väter und Brüder in den Sinn kamen , die draußen waren , und weil sie daran dachten , daß sie nach Ostern selbst in die Fischerei hineinkamen . Auch bei den rotbäckigen Mädchen wurde es still . Alle falteten rasch die Hände , und manches Kinderherz bebte , - vergessen war , daß sie abends am Deich einzuhüten hatten , und daß die Jungen dort vor den Fenstern trommelten und pfiffen , bis sie hineingelassen wurden und Blindekuh oder Sechsundsechzig mitspielen durften . Gesine Külper , die schönste Deern der Hamburger Seite des Eilandes , um die die Junggäste einander Sonntag abends auf Musik bannig in die Wanten stiegen , weil keiner sie dem andern gönnte und jeder sie nach Hause bringen wollte , senkte die Wimpern und neigte den stolzen Kopf , nicht allein , weil sie wußte , daß es ihr gut stand , sondern auch um die Seefischerei , um alle Freundschaft , Bekanntschaft und Verwandtschaft , die unter Segeln war . Auch Hein Loop betete mit , der Rotbart vom Auedeich , den sie den Seeteufel nannten , wenn er nicht dabei war , Hein Loop , einer der Verwegenen , der Verwogenen , wie sie an der Wasserkante sagen , einer von denen , die nicht reffen und nicht beidrehen mögen , die mit allen Lappen segeln und mit jedem Winde fischen , denen es ergeht wie dem jungen Lord von Edenhall : sie schlürfen gern in vollem Zug , sie läuten gern mit lautem Schall , die mit dem Glück von Edenhall anstoßen und es wohl auch einmal versuchen . Die See schmecke ihm erst dann , wenn sie gar sei , und gar sei sie nach seiner Meinung erst , wenn sie koche , hat Hein Loop einmal gesagt , und jeder , der ihn kannte , glaubte es ihm . Aber nun betete er , denn er wollte den andern Tag mit seinem Kutter nach See , up de Schullen dol , und konnte moi Wind und moi Fang gebrauchen . Auch Jan Greun , Simon Fock und Hinnik Six , seine Macker , die nicht weit hinter ihm saßen , ließen das Kirchenwort in die unerschrockenen Seemannsherzen hinein , wenn sie in Gedanken auch ein kräftiges Sprüchlein achteran hingen , das bei Jan hieß : Herr Pastur , de verdreihten Dänen ne vergeten ! Bei Simon lautete es : Amen , Herr Pastur , ober dat Is mütt ierst innen Dutt , ans kann ik ne rut ! Und bei Hinnik besagte es : De Büt , Herr Pastur , de Büt , de Büt , de hürt dor ok mit to ! Von den mittleren Bänken kam ein Weinen und Schluchzen . Dort saßen die Seefischerwitwen , in ihren schwarzen Kleidern und mit den dunkeln Kopftüchern wie morgenländische Klageweiber anzusehen . Der letzte Jahrgang hatte die Stirnen auf der harten Holzlehne liegen , als sei kein Leben mehr in ihm : so wollten es die Sitte und der Schmerz . Zuhinterst saß die greise Geeschen Witten , tiefe Runen im Gesicht , das einer Landkarte ähnlicher sah , als einem Menschenantlitz . Sie konnte nur noch für Tote beten , denn alles Leben hatte sie der See gegeben : ihren Vater , der dreiundvierzig vor der holländischen Küste über Bord gekommen war , ihren Mann , der in den sechziger Jahren während der Äquinoktien untergegangen war , ihren Bruder , den sich die See fünf Jahre später bei Amrum geholt hatte , ihre