Meisel-Hess , Grete Die Intellektuellen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Grete Meisel-Hess Die Intellektuellen Roman Erstes Kapitel Die Verwandten » Gute Gesellschaft hab ' ich gesehen , man nennt sie die gute Wenn sie zum kleinsten Gedicht keine Gelegenheit gibt . « Goethe . Frau Professor Diamant saß in ihrem großen Ankleidezimmer , vor einem hohen , dreiteiligen Spiegel . Sie hatte soeben die Friseurin entlassen . In breiten Wellen war das stumpfblonde Haar um den Kopf gelegt , von einem mit Wachsperlen bestickten , schwarzen Sammetband durchschlungen . Der Teint , der im vollen Tageslicht einen grauen Ton hatte , war jetzt , in der Zimmerwärme des feuchten Septemberabends , leicht gerötet . Die Augen , vom reinen , tiefen Blau der Kornblumen , glänzten . Sie erhob sich , reckte die hohe Gestalt , warf den Frisiermantel ab . Die volle Büste lastete auf den weichen Fischbeinstäben des niedrigen Korsetts , das die Hüften schlank und fest zueinanderzog . Frau Edda warf einen Blick auf die Uhr und griff eilig nach dem Kleid , das auf einer Stuhllehne bereit lag , einem Gewand von weicher chinesischer Seide , mit gewagt durchbrochenen Spitzenornamenten . Sie liebte es nicht , in den letzten Stadien des Ankleidens Bedienung um sich zu haben und vollendete ohne Hilfe die Toilette . Ihr Gatte rief aus dem Nebenzimmer : » Sie werden gleich da sein . « Frau Edda hatte die letzten Haken geschlossen und hing den Frisiermantel an seinen Platz in den Schrank . Sie steckte noch vorsichtig , ohne die weiße Seide ihres Kleides zu gefährden , ein Paar Leisten in die Straßenschuhe , die sie abgelegt hatte . Dann spülte sie nochmals rasch beim Waschtisch , mit vorgestreckten Armen und zurückweichender Gestalt , die Hände ab , überrieb flink mit einem Rehleder die Fingernägel , - der Teint war fertig , - und nahm eine Stahlschatulle aus dem Wäscheschrank . Sie öffnete sie langsam und begann ihre Ringe anzulegen . Ringe von verschiedenen bizarren Formen . Ringe in spitzer Marquisenform , andere wieder , in denen sich die Edelsteine als Blüten hoch über den Finger rankten , fremdartige , orientalische Ringe mit großen , dunklen Steinen und solche mit klaren Solitären . Unbedenklich gestattete ihr ihr sicherer Geschmack diese Bürde an ihren schlanken Fingern . Sie wußte , daß ihre Hände davon nicht beschwert erschienen . Sie trat noch einmal vor den großen Ankleidespiegel und betrachtete sich einen langen Augenblick , warf dann , mit einer bei ihr häufigen Bewegung des mit ballmäßiger Eleganz bekleideten Fußes , die Schleppe zurück und verließ das Zimmer . Knisternd in ihrer weißen Seide , eilte sie an die Tür der Küche , öffnete sie behutsam , lugte hinein , und zog sich eilig wieder zurück . Weiter raschelte die Schleppe über den langen Korridor und verschwand hinter der Portiere des Speisezimmers . Professor Gustav Diamant hatte in Wien einen guten Namen . Als Student war er aus der mährischen Provinzstadt , in der sein Vater das Amt eines Sekretärs der Kultusgemeinde bekleidete , nach Wien gekommen , hatte hier mit dem ansehnlichen Rest seines mütterlichen Erbes seine Studien vollendet , sich zum Spezialarzt ausgebildet , eine gute Praxis errungen , die Dozentur früh erworben und sich mit Fräulein Edda Reisenleitner verheiratet . Fräulein Reisenleitner entstammte einer Familie , deren Schicksale sich am Fuße des Kahlenberges abspielten , solange man sich ihres Bestehens erinnerte . Ein einfacher Töpfer war noch der Urgroßvater gewesen , und in seinem kleinen Kontor , draußen in der Vorstadt , hatte eine schön bemalte Tafel mit der folgenden Inschrift gehangen : Töpferlied ! Was für schöne , bunte Sachen Kann ich mir aus Tone machen , Wenn ich meine Scheibe dreh ' , Meiner Hände Werke seh . Kachel , Flaschen , Krüge , Kannen , Tiegel , Tassen , Bratenpfannen , Kuchenformen , Blumentöpfe , Schüssel , Teller , Suppennäpfe , Sauber ausgemalt , glasiert , Und mit Blümelein geziert . Meine Ware , sagt der Bauer , Ist von keiner rechten Dauer , Ja , der arme Mensch hauptsächlich Ist vergänglich und gebrechlich , Darum wundere dich nicht , Wenn einmal ein Topf zerbricht . Arm- und Beinbruch ist viel schlimmer , Darum denk ich , ist doch immer , Besser mancher Topf zerbrochen Als auch nur ein einziger Knochen . Und darum auch bleibt ' s dabei : Werft und brecht recht viel entzwei ! Sein Sohn war Künstler . Wohl bediente er Töpferscheibe und Brennofen noch persönlich , aber nur , um neuartige Formen und Glasuren zu erfinden . Er achtete die uralte Tradition des Handwerkes und wußte , daß die Kunst die Meisterschaft darin als Boden brauchte . Er wollte hinter die Geheimnisse der historischen Keramik kommen , versuchte es , größere , glasierte Flächen zu beleben und erfand dabei neue , geschmackvolle Farben ; besonders bevorzugte er die kräftigen und doch zarten Tönungen der Perser . Während er so zwischen alteuropäischer Handwerkskunst und morgenländischer Farbenkraft eine Einigung suchte , schuf er einen neuen , keramischen Stil , auf dessen Grundlage später die Moderne weiter arbeitete . Sein Talent vererbte sich nicht . Sein Sohn , Eddas Vater , war weder Töpfer noch Künstler , sondern Kaufmann . Er brachte die Firma auf die Höhe der modernen Ofenfabrikation . Diese Reisenleitnersche Ofenfabrik hatte Eddas Bruder übernommen . Dr. Diamant , damals noch Dozent , war dem Mädchen als ein interessanterer Freier erschienen als irgendeiner der Fabrikantensöhne oder Leutnants , mit denen sie auf Bällen tanzte . Ihre Schönheit hatte ihn zu einer Werbung verführt , die sich jeder Erwägung entzog . Jetzt waren sie seit mehr als fünf Jahren in kinderloser Ehe