Keyserling , Eduard von Wellen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Eduard von Keyserling Wellen Erstes Kapitel Die Generalin von Palikow und Fräulein Malwine Bork , ihre langjährige Gesellschafterin und Freundin , kamen in das Wohnzimmer . Sie wollten sich ein wenig erholen . Die Generalin setzte sich auf das Sofa , das frisch mit einem blanken , schwarz und roten Kattun bezogen war . Sie war sehr erhitzt und löste die Haubenbänder unterm Kinn . Das lila Sommerkleid knisterte leicht , die weißen Haarkuchen an den Schläfen waren verschoben und sie atmete stark . Sie schwieg eine Weile und schaute mit den ein wenig hervorstehenden grellblauen Augen kritisch im Zimmer umher . Das Zimmer war weiß getüncht , wenig schwere Möbel standen an den Wänden umher und über die Bretter des Fußbodens war Sand gestreut , der in der Abendsonne glitzerte . Es roch hier nach Kalk und Seemoos . » Hart , « sagte die Generalin und legte ihre Hand auf das Sofa . Fräulein Bork neigte den Kopf mit dem leicht ergrauten Haar auf die linke Schulter , blickte schief durch die Gläser ihres Kneifers auf die Generalin , und das bräunliche Gesicht , das aussah wie das Gesicht eines klugen älteren Herrn , lächelte ein nachdenkliches , verzeihendes Lächeln . » Das Sofa , « sagte sie , » natürlich , aber man kann es nicht anders verlangen . Für die Verhältnisse ist es doch sehr gut . « » Liebe Malwine , « meinte die Generalin , » Sie haben die Angewohnheit , alles gegen mich zu verteidigen . Ich greife das Sofa gar nicht an , ich sage nur , es ist hart , das wird man doch noch dürfen . « Fräulein Bork erwiderte darauf nichts , sie lächelte ihr verzeihendes Lächeln und schaute schief durch ihren Kneifer jetzt zum Fenster hinaus auf den kleinen Garten , der davor lag . Salat und Kohl wuchsen dort recht kümmerlich , Sonnenblumen standen da mit großen schwarzen Herzen und über alledem lag ein leichter blonder Staubschleier . Dahinter der Strand grell orange in der Abendsonne , endlich das Meer undeutlich von all dem unruhigen Glanze , der auf ihm schwamm , von den zwei regelmäßigen weißen Strichen der Brandungswellen umsäumt . Und ein Rauschen kam herüber eintönig , wie von einem schläfrigen Taktstock geleitet . Die Generalin hatte den Bullenkrug für den Sommer gemietet , um hier an der See ihre Familie um sich zu versammeln . Vor drei Tagen war sie mit Fräulein Bork , Frau Klinke , der Mamsell , und Ernestine , dem kleinen Dienstmädchen , hier angelangt , um alles einzurichten . Es erforderte Arbeit und Nachdenken genug , für alle diese Menschen Platz zu schaffen und nicht nur Platz , » denn , « pflegte die Generalin zu sagen , » ich kenne meine Kinder , bei allem , was ich gebe , sind sie kritisch wie ein Theaterpublikum « . Heute nun war die Tochter der Generalin , die Baronin von Buttlär , mit , den Kindern , den beiden eben erwachsenen Mädchen Lolo und Nini und dem fünfzehnjährigen Wedig , angelangt . Der Baron Buttlär sollte nachkommen , sobald die Heuernte beendet war , und Lolos Bräutigam Hilmar von dem Hamm , Leutnant bei den Braunschweiger Husaren , wurde auch erwartet . » Werden sie auch heute abend alle satt werden ? « begann die Generalin wieder . » Die Reise macht hungrig . « » Ich denke , « erwiderte Fräulein Bork , » da sind die Fische , die Kartoffeln , die Erdbeeren , und Wedig hat sein Beefsteak . « » So , so , « meinte die Generalin , » übrigens der Junge wird es im Leben nicht leicht haben , wenn er immer sein Beefsteak haben muß . « Fräulein Bork zuckte mit den Achseln und sagte entschuldigend : » Er ist so zart . « Aber das ärgerte die Generalin : » Gewiß , ich gönne ihm sein Beefsteak , Sie brauchen ihn nicht zu verteidigen . Nur finde ich , liebe Malwine , daß Sie keinen rechten Sinn haben für das , was man allgemeine Bemerkungen nennt . « Dann schwiegen die beiden Damen wieder . Draußen von der Holzveranda tönte Lärm herüber , Tellergeklapper und hohe Stimmen . Ernestine deckte dort den Tisch für das Abendessen und stritt dabei mit Wedig . Auch Lolo und Nini waren erschienen , sie lehnten an der Holzbrüstung der Veranda schmal und schlank in ihren blauen Sommerkleidern . Der Seewind fuhr ihnen in das leichte rote Haar und ließ es hübsch um die Gesichter mit den fast krankhaft feinen Zügen flattern . Die Mädchen zogen ein wenig die Augenbrauen zusammen und schauten mit den blanken braunroten Augen unverwandt auf das Meer und öffneten die Lippen , als wollten sie lächeln , aber das große bewegte Leuchten vor ihnen machte sie schwindelig . Auch Wedig hatte sich nun zu ihnen gesellt und schaute auch schweigend hinaus . Das kränkliche Knabengesicht verzog sich , als täte all dieses Licht ihm weh . » So , « sagte die Generalin drinnen zu Fräulein Bork , » das war ein angenehmer stiller Augenblick . Ich höre , meine Tochter kommt die Treppe herunter , nun kann es wieder losgehen . « Frau von Buttlär hatte ein wenig geschlafen , trug ihren Morgenrock und hüllte sich fröstelnd in ein wollenes Tuch . Sie mochte früher das hübsche überzarte Gesicht ihrer Töchter gehabt haben , jetzt waren die Wangen eingefallen und die Haut leicht vergilbt . Aufgebraucht von Mutterschaft und Hausfrauentum war sie sich ihres Rechtes bewußt , kränklich zu sein und nicht mehr viel auf ihr Äußeres