May , Karl Winnetou IV www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Karl May Winnetou 4. Band Erstes Kapitel Vorzeichen Es war in der Frühe eines schönen , warmen , hoffnungsreichen Frühlingstages . Ein lieber , lieber Sonnenstrahl schaute mir zum Fenster herein und sagte » Grüß dich Gott ! « Da kam das » Herzle « aus ihrem Erdgeschoß herauf und brachte mir die erste Morgenpost , die soeben vom Briefträger abgegeben worden war . Sie setzte sich mir gegenüber , wie alltäglich mehrere Male , so oft die Briefe kommen , und öffnete zunächst die Kuverts , um mir dann den Inhalt vorzulesen . Aber noch ehe sie damit beginnen kann , höre ich die Frage klingen : » Wer ist das Herzle ? So heißt doch eigentlich Niemand . Das muß ein Kosename sein . « Ja , es ist allerdings ein Kosename . Er stammt aus dem ersten Bande meiner » Erzgebirgischen Dorfgeschichten « . Da kommt ein » Musterbergle « , ein » Musterdörfle « , ein » Mustergärtle « und ein » Musterhäusle « vor , in dem das » Herzle « mit ihrer Mutter wohnt . Dieses » Herzle « ist der , wenn auch nicht körperliche , aber doch seelische Abglanz meiner Frau , und wenn ich das Porträt , indem ich an ihm arbeitete , so lieb gewann , daß ich es » Herzle « nannte , so versteht es sich wohl ganz von selbst , daß dieser Name so nach und nach auch auf das Original mit überging . Doch nicht für alle Fälle ! Nämlich wenn Wolken am Himmel stehen , an denen ich aber immer nur selbst schuld bin , so sage ich » Klara « . Sind diese Wolken im Verschwinden , so sage ich » Klärchen « . Und sind sie weg , so sage ich » Herzle « . Meine Frau aber sagt zu mir niemals anders als nur » Herzle « , weil sie eben niemals Wolken macht . Sie hat , während die obere Etage meine Zimmer enthält , das ganze Parterre des Hauses inne . Da waltet sie als unermüdlicher , fleißiger Wirtschaftsengel , empfängt die immer zahlreicher werdenden Besuche meiner Leser und beantwortet alle die vielen Briefe , deren eigenhändige Erledigung mir selbst unmöglich ist . Vorgelesen aber werden sie mir alle , wobei sie derart zu verfahren pflegt , daß die besonders wichtigen oder besonders interessanten einstweilen beiseite gelegt und bis zum Schlusse der Vorlesung aufgehoben werden . So auch heute . Als alles Andere erledigt war , blieben zwei Sachen , die uns gleich beim ersten Blick als Besonderheiten erschienen und darum ausgeschieden worden waren , nämlich ein Brief aus Amerika und ein anthropologisches Fachblatt aus Oesterreich . Im letzteren war die Ueberschrift eines längeren Artikels durch Blaustrich hervorgehoben . Sie lautete : » Das Aussterben der indianischen Rasse in Amerika und ihr gewaltsames Verdrängen durch die Kaukasier und Chinesen . « Ich bat das Herzle , den Artikel sogleich vorzulesen , denn ich hatte zufälligerweise Zeit dazu . Sie tat es . Der Verfasser war ein wohlbekannter , hervorragender Universitätsprofessor . Er schrieb mit großer Herzenswärme , und Alles , was er über die » Roten « sagte , war nicht nur wohltuend , sondern auch gerecht . Ich hätte ihm dafür die Hand drücken mögen . Aber er beging einen Fehler , der ebenso allgemein wie unbegreiflich ist . Nämlich er verwechselte die Indianer der Vereinigten Staaten mit der ganzen Rasse , die über Nord und Südamerika ausgebreitet liegt . Er verwechselte ferner den seelischen Schlaf der Rasse mit ihrem körperlichen Tode . Und er schien die Hauptaufgabe des Menschengeschlechtes in der Entwickelung der völkerschaftlichen Sonderheit und Individualität zu suchen , nicht aber in der sich immer mehr ausbreitenden Erkenntnis , daß alle Stämme , Völker , Nationen und Rassen sich nach und nach zu vereinigen und zusammenzuschließen haben zur Bildung des einen , einzigen , großen , über alles Animalische hoch erhabenen Edelmenschen . Erst dann , wenn die Menschheit sich von innen heraus , also aus sich selbst heraus , zu dieser harmonischen , von Gott gewollten Persönlichkeit geboren hat , wird die Schöpfung des wirklichen » Menschen « vollendet sein und das Paradies sich uns , den bisher Sterblichen , von neuem öffnen . Der Brief aus Amerika war höchst wahrscheinlich im » Fernen Westen « zur Post gegeben worden , aber wo , das war an dem ungeöffneten Kuvert nicht zu ersehen , denn beide Seiten desselben zeigten so viele Stempel und mit der Hand geschriebene Ortsnamen , daß das Alles unleserlich geworden war . Nur die Adresse hatte , wohl infolge ihrer echt indianischen Kürze , ihre ursprüngliche Deutlichkeit behalten . Sie bestand nur aus drei Worten und lautete : May . Radebeul . Germany . Wir öffneten den Umschlag und zogen ein Stück Papier heraus , welches sichtlich mit einem großen Messer , wahrscheinlich Bowieknife , beschnitten und dann zusammengefaltet worden war . Es enthielt folgende Zeilen in englischer Sprache , die ich natürlich verdeutsche ; sie waren von einer schweren , ungeübten Hand mit Bleistift geschrieben : » An Old Shatterhand . Kommst Du nach dem Mount Winnetou ? Ich komme ganz gewiß . Vielleicht sogar auch Avaht-Niah , der Hundertundzwanzigjährige . Siehst Du , daß ich schreiben kann ? Und daß ich in der Sprache der Bleichgesichter schreibe ? Wagare-Tey . Häuptling der Schoschonen . « Als wir das gelesen hatten , schaute ich das Herzle überrascht an , und sie mich ebenso . Nicht etwa das frappierte uns , daß wir einen Brief aus dem fernen Westen bekamen , und zwar von einem Indianer . Das geschieht